Kinder mit Diabetes Typ 1: Langzeitschäden vermeiden15. Juni 2021 Foto: © Pavel Danilyuk, Pexels Die Diagnose „Diabetes Typ 1“ im Kinder- und Jugendalter stellt 100 Jahre nach der Entdeckung des Insulins längst kein Todesurteil für die Betroffenen mehr dar. Im Gegenteil: Ein normales Aufwachsen als „Gleiche unter Gleichen“ mit Besuch von Kindertagesstätte, Schule, Sport und Freundinnen und Freunden ist heute möglich. Voraussetzung dafür ist – je jünger die Patientinnen und Patienten, desto mehr – ein umfassendes Behandlungskonzept. Dazu gehören etwa Unterstützung bei der Insulintherapie und Kontrolle der Stoffwechsellage in der Schule oder KiTa durch geschulte Teams sowie, bei Bedarf, psychosozialer Beistand. Denn das Management der Autoimmunerkrankung ist komplex. Es fordert den Betroffenen große Eigenverantwortung, Selbstdisziplin und seelische Widerstandskraft, die sogenannte Resilienz, ab. Typ-1-Diabetes ist die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kindesalter. Nach aktuellen Schätzungen leben in Deutschland 30 000 bis 32 000 Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 19 Jahren mit der autoimmun bedingten Erkrankung. Die Erkrankungsrate steigt jedes Jahr um drei bis vier Prozent, besonders kleine Kinder sind von dem Zuwachs betroffen. „Woran das liegt, wissen wir nicht“, sagt Professor Dr. med. Andreas Neu, Präsident der DDG und Kommissarischer Ärztlicher Direktor der Abteilung Neuropädiatrie, Entwicklungsneurologie und Sozialpädiatrie an der Kinderklinik Tübingen. „Es gibt zwar Antikörper und andere Marker, die eine Vorhersage und Risikoabschätzung hinsichtlich der Diabetesentstehung erlauben, bislang fehlen jedoch wirkungsvolle Strategien, die einen Ausbruch der Erkrankung verhindern könnten.“ Manchmal ist der Auslöser ein Infekt, in anderen Fällen findet sich keine bestimmte Ursache, wenn ein bisher gesundes Kind oder Jugendlicher plötzlich an Diabetes Typ 1 erkrankt. Da der Körper bei der Autoimmunerkrankung kein oder nicht mehr ausreichend Insulin herstellen kann, müssen die Betroffenen das lebenswichtige zuckerregulierende Hormon mehrmals am Tag selbst zuführen. Dies geschieht entweder durch Spritzen, Insulinpens oder über eine Insulinpumpe, die am Körper angebracht ist. Dabei gilt es, die Insulindosis an die jeweilige Situation wie etwa Nahrungsaufnahme, Sport oder auch einen fieberhaften Infekt anzupassen. „Nur mit einem umfassenden Behandlungskonzept können wir gewährleisten, dass unsere jungen Patientinnen und Patienten primär als Kinder und Jugendliche gesehen werden und erst in zweiter Linie als Menschen mit einem Diabetes“, sagt Neu, Leiter der Behandlungseinrichtung für Kinder und Jugendliche mit Diabetes mellitus vom Universitätsklinikum Tübingen. Ansonsten sei die Inklusion von Kindern mit Diabetes gefährdet. Hinzu komme: Unzureichend behandelt kann ein Typ-1-Diabetes schwere Folgeerkrankungen nach sich ziehen. „Es sind die gleichen, die man auch von der Volkskrankheit Diabetes Typ 2 kennt“, so Neu: „Der Zucker greift mit der Zeit Augen, Nieren, Gefäße und Nerven an. Im schlimmsten Fall treten später Blindheit und Herzinfarkt auf, auch Amputationen und Dialyse können notwendig werden“, sagt er. „Gerade wegen der langen Lebensdauer, die unsere jungen Patienten noch vor sich haben, ist es entscheidend, von Anfang an eine gute Behandlung zu ermöglichen. Nur sie gewährleistet stabile Blutzuckerspiegel und damit den Schutz der gefährdeten Organe und Gewebe.“ „Eine Verbesserung der Stoffwechsellage unserer jungen Patienten in den letzten 20 Jahren ist eindeutig nachweisbar“, sagt Neu. „Dennoch sind wir weit davon entfernt, die Therapieziele, die unsere internationale Fachgesellschaft, die International Society for Pediatric and Adolescent Diabetes (ISPAD), vorgibt, in der Breite zu erreichen.“ Nach wie vor zeigen einzelne Patientengruppen eine deutliche Verschlechterung der Stoffwechseleinstellung während der Pubertät. Immer wieder lehnen Schulen und KiTas Kinder mit Diabetes ab. Ebenso sei der Einsatz moderner Pumpentherapien mit integrierter kontinuierlicher Glukosemessung keineswegs flächendeckend. Dabei zeigen Studien einen klaren Vorteil einer Langzeittherapie per Insulinpumpen gegenüber Spritzen. Neu kritisiert: „Wegen der vermeintlich höheren Kosten muss bei älteren Kindern in der Regel erst ein Scheitern der Injektionstherapie belegt werden. Das kann nicht sein.“ Professor Dr. med. Baptist Gallwitz, Mediensprecher der DDG, fasst zusammen: „Inklusion und ein langes, möglichst gesundes Leben sind unsere Behandlungsziele.“
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