Kinderkliniken schlagen Alarm

Die Kinder- und Jugendmedizin ist selbst Patient und leidet an Unterfinanzierung und Personalmangel. (Foto: © upixa stock.adobe.com)

Seit Wochen ist von überlasteten Kinderkliniken im Land zu lesen. Nun verschärfen Fachärzte den Ton. Sie stellen klar: Am Ende geht es um Leben und Tod für kleine Patienten.

Mit dramatischen Worten hat die Mehrheit der Kinderkliniken im Südwesten angesichts von Überlastung und Personalnot einen Hilfsappell an die Landesregierung gerichtet. Das System werde seit Jahren kaputtgespart, dringende kinderchirurgische Eingriffe würden verschoben, heißt es in einem Protestbrief von Fachärzten aus 23 der rund 30 Kinderkliniken in Baden-Württemberg, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. “Für uns besteht konkret die Angst, dass wir in überfüllten Notaufnahmen und ohne Aufnahmekapazitäten auf den Stationen die falschen Kinder nach Hause schicken, mit unter Umständen fatalen Konsequenzen – dass eines dieser Kinder morgens nicht mehr aufwacht.”

Die Lage in den Kliniken ist seit Wochen angespannt, unter anderem aufgrund einer deutlichen Zunahme von Atemwegserkrankungen durch RS-Viren. Der Brief wurde 19. Dezember an die Landesregierung, die Landtagsfraktionen und die Vorstände und Geschäftsführungen der beteiligten Kinderkliniken geschickt.

Die große Zahl akut kranker Kinder sowie die vielen chronisch kranken Patienten führten zu einem hohen Bedarf an pflegerischen und ärztlichen Maßnahmen, heißt es in dem Brief. “Dieser Bedarf geht über die Grenze dessen hinaus, was unser aktuelles System der stationären Kinder- und Jugendmedizin zu leisten im Stande ist.” Im System “erlös- und gewinnorientierter Fallpauschalen” lasse sich mit der Pädiatrie kein Geld verdienen, also würden Ausgaben gekürzt, wo es nur gehe, kritisieren die Mediziner. Sie schreiben, sie könnten ihrer Verantwortung für die Versorgung der Patienten nicht mehr gerecht werden.

Der Bettenabbau in Kinder- und Jugendkliniken müsse ein Ende haben, schreiben die Fachärzte. Die Kinder- und Jugendmedizin sei stark abhängig von saisonalen Faktoren und Notfalleinweisungen. Wer eine durchschnittliche Auslastung von über 75 Prozent fordere, müsse der Bevölkerung auch sagen, dass dann in akuten Notlagen Kinder auf der Strecke bleiben würden. “Wie die Feuerwehr auch nicht für ihren Einsatz bezahlt wird, so müssen gerade in der Kinder-und Jugendmedizin Vorhaltekosten ohne Kostendeckung oder Gewinnorientierung finanziert werden.”

Die Fachärzte fordern zudem, die Lage der Pflegekräfte in der Kinder- und Jugendmedizin zu verbessern – durch die Entlastung von administrativen Aufgaben, eine bessere Vergütung, einen besseren Personalschlüssel und mehr Entwicklungs- und Aufstiegschancen.

Außerdem müsse das Vergütungssystem reformiert werden. “Wir werden weiter unter vollem Einsatz für unsere kleinen und großen Patient*innen kämpfen”, schreiben die Ärzte. “Dazu gehört es jetzt, gegen die chronische Unterfinanzierung und Benachteiligung der Kinder- und Jugendmedizin aufzustehen.”

Probleme bei Kinderkliniken nicht neu

Der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Frankfurt, Prof. Jürgen Graf, nannte die aktuelle Lage der Kinder- und Jugendmedizin zwar akut, “aber alles andere als neu. Wir haben seit etwa einer Dekade im Herbst und Winter ein wachsendes Missverhältnis zwischen der Zahl der zu versorgenden Kinder und den vorhandenen Kapazitäten”, sagte Graf.

Die Zahl der Infekte liege in diesem Winter wahrscheinlich nur geringfügig höher als in den Vorjahren, erklärte der Mediziner. Es gebe aber noch weniger Personal als in den Vorjahren. Zu den generellen Kapazitätsverlusten komme ein Krankenstand bei den Mitarbeitern “in einem Ausmaß, wie wir es bislang noch nicht gesehen haben”. Die Kinderheilkunde sei seit mindestens zehn Jahren sowohl im ambulanten  als auch im stationären Sektor “so strukturiert, dass sich viele Leistungen nicht rechnen”.

“Das Problem ist, dass es dafür keine schnelle Lösung gibt”, sagte Graf, “das ist ein echtes Strukturproblem.” Vorschläge, etwa dass Kollegen aus der Erwachsenenmedizin aushelfen sollen, seien kaum realisierbar – auch dort gebe es im Moment Kapazitätsengpässe. Eine Chance sieht Graf in der kürzlich von einer Regierungskommission vorgeschlagenen Reform der Krankenhausfinanzierung. Das sei aber ein Prozess, der mehrere Jahre brauchen werde, sagte Graf.

Das Modell soll die Abrechnung nach Fallpauschalen (DRGs) nicht ersetzen, aber weiterentwickeln. Eine Komponente dabei ist die Schaffung von “Leistungsgruppen”, eine andere die Einteilung von Kliniken in verschiedene “Levels”. “Wir müssen dringend eine echte Reform auf den Weg bringen – dringend für die Leistungserbringer, aber auch dringend für die Bevölkerung”, sagte Graf. Davon würde auch die Pädiatrie profitieren.

Kinderkliniken fordern mehr leistungsunabhängige Vergütung

Untermauert wird diese Forderung auch durch das Ergebnis einer Blitzumfrage des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Danach fürchten die teilnehmenden Kliniken, dass auch die gesetzlichen Änderungen nur wenig zur Verbesserung der “dramatischen Lage” in der Kindermedizin beitragen können.

Zwar kämen die geplanten Finanzspritzen für die Kinder- und Jugendmedizin und Geburtshhilfe bei den Kliniken an und würden auch positiv gesehen. Allerdings könnten sie die Probleme nicht nachhaltig lösen. “Das liegt auch daran, dass die vorgesehenen rund 400 Millionen den Krankenhäusern an anderer Stelle über den DRG-Katalog weggenommen wurden, um sie dann ‘großzügig’ neu zu verteilen”, kritisierte die Deutsche Krankenhausgesellschaft. Rund zwei Drittel der Kliniken erwarteten deshalb von den Finanzspritzen keine oder nur geringfügige Verbesserung.

Um ihre Versorgung langfristig und nachhaltig sichern und ausbauen zu können, wünschten sich die Kinderkliniken leistungsunabhängige Finanzierungsmodelle über die bestehenden Unterstützungen hinaus. „Die Situation in den Kinderkliniken zeigt, dass es nicht ausreicht, Mittel im Krankenhaussystem nur umzuverteilen. Geld zu verteilen, das vorher an anderer Stelle abgezogen wurde, wird kaum helfen, die Versorgung der kleinen Patientinnen und Patienten nachhaltig und langfristig zu sichern. Wir sehen auch, dass den Krankenhäusern in Zukunft eine größere Bedeutung in der ambulanten Versorgung zukommen muss, nicht nur, weil im niedergelassenen Bereich die Kapazitätsgrenze erreicht ist. In der Kinderheilkunde knirscht es gerade überall, egal ob im stationären oder im niedergelassenen Bereich“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der DKG, Dr. Gerald Gaß.

Die Umfrage mache auch deutlich, dass sich nicht einfach Personal aus den Erwachsenenstationen in die Kinderkliniken umschichten lasse. “Gerade in der Kinderversorgung benötigen wir hochspezialisierte kompetente Fachkräfte. 85 Prozent der Befragten halten es medizinisch und organisatorisch nicht für sinnvoll, Personal von Erwachsenenstationen für die Versorgung von Kindern und Jugendlichen einzusetzen. Deshalb ist es wichtig, den Kliniken jetzt möglichst viel Flexibilität zu geben, damit sie die Versorgung sicherstellen können. Die Mehrheit der Kinderkliniken spricht sich dabei gegen die starren Personaluntergrenzen aus, um die Versorgung am tatsächlichen Pflegebedarf der kleinen Patientinnen und Patienten ausrichten zu können.”