Kindheitstraumata und Depression: Frauen sind von beidem häufiger betroffen6. Oktober 2026 Vernachlässigung und Misshandlung in der Kindheit lassen das Depressionsrisiko im Erwachsenenalter deutlich steigen. (Foto: © Designpics – stock.adobe.com) Eine aktuelle Analyse der NAKO Gesundheitsstudie zeigt: Menschen, die in ihrer Kindheit oder Jugend Misshandlung oder Vernachlässigung erlebt haben, haben im Erwachsenenalter ein etwa doppelt so hohes Risiko, an einer Depression zu erkranken. Besonders ausgeprägt ist der Zusammenhang bei emotionaler Misshandlung und Vernachlässigung. Weltweit leiden Menschen unter den körperlichen und psychischen Folgen von Missbrauch und Vernachlässigung in Kindheit und Jugend – Erfahrungen, die unter dem Begriff „Kindheitstrauma“ zusammengefasst werden. „Wir haben in unserer Studie untersucht, ob die verschiedenen Formen von Kindheitstraumata im Erwachsenenalter unterschiedlich stark mit der Krankheitslast durch Depressionen assoziiert waren, und ob es geschlechtsspezifische Unterschiede gab“, erklärt Maja Völker, Doktorandin in der Abteilung Genetische Epidemiologie in der Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI).Hierfür analysierten die Forschenden unter Federführung des ZI Daten von 159.045 Teilnehmenden der NAKO Gesundheitsstudie im Alter von 19 bis 72 Jahren, von denen knapp die Hälfte Frauen waren. Die Kindheitstraumata, die mithilfe eines standardisierten Fragebogens erfasst wurden, unterteilten die Wissenschaftler in fünf Formen: emotionaler, körperlicher und sexueller Missbrauch sowie emotionale und körperliche Vernachlässigung. Die Krankheitslast durch Depressionen wurde anhand von drei Verfahren bestimmt: selbstberichtete ärztliche Diagnosen, einem psychologischen Fragebogen und einem standardisierten Interview. Depressionsrisiko verdoppelt sich bei belastenden Kindheitserfahrungen Knapp 26 Prozent der NAKO-Teilnehmenden berichteten von mindestens einer Form von Kindheitstraumata, 13 Prozent der Befragten gaben an, im Laufe ihres Lebens schon einmal eine Depression gehabt zu haben (Frauen; 17,7 %; Männer: 10,1 %). Aktuelle depressive Symptome berichteten 7,5 Prozent der Teilnehmenden (Frauen: 9,0 %; Männer: 5,9 %). Die Auswertungen der Daten zeigten deutliche Zusammenhänge zwischen Kindheitstraumata und der psychischen Gesundheit: Personen mit belastenden Kindheitserfahrungen hatten ein mehr als doppelt so hohes Risiko, im Laufe ihres Lebens an einer Depression zu erkranken. Für aktuelle – also gegenwärtig noch anhaltende – depressive Symptome lag das Risiko sogar fast dreimal so hoch. Besonders ausgeprägt waren die Zusammenhänge zwischen Missbrauchserfahrungen in der Kindheit und der Krankheitslast im Erwachsenenalter bei emotionaler Misshandlung und emotionaler Vernachlässigung. Frauen sind nicht anfälliger für Depressionen Frauen berichteten häufiger von Misshandlung oder Vernachlässigung, insbesondere von sexuellen und emotionalen Formen, während Männer etwas häufiger körperlichen Missbrauch berichteten. Die Analysen zeigten zudem, dass Kindheitsbelastungen bei einem erheblichen Anteil der Depressionen eine Rolle spielen: Basierend auf den statistischen Zusammenhängen zwischen berichteten Belastungen in der Kindheit und depressiven Erkrankungen waren Kindheitsbelastungen mit etwa jeder vierten Depression im Lebensverlauf und rund einem Drittel der Fälle mit aktuellen depressiven Symptomen assoziiert – bei Frauen jeweils häufiger als bei Männern. Diese Zahlen geben an, welcher Anteil der Depressionen in der Bevölkerung statistisch auf Kindheitsbelastungen zurückgeführt werden kann, sie beruhen nicht auf einer direkten Ursachenzuschreibung durch die Teilnehmenden.„In Bezug auf die Zusammenhänge mit belastenden Kindheitserfahrungen machen unsere Ergebnisse deutlich, dass der Geschlechtsunterschied nicht auf eine höhere Empfindlichkeit für psychische Folgeerkrankungen durch Misshandlung oder Vernachlässigung in der Kindheit zurückzuführen ist, sondern eher damit zusammenhängt, dass Frauen diesen belastenden Erfahrungen häufiger ausgesetzt waren“, erklärt Psychologin Aina L. Kresken, die im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Universität Mannheim an der Studie mitgearbeitet hat. Frühzeitige Prävention ist wichtig Dr. Fabian Streit, Forscher am Hector Institut für Künstliche Intelligenz in der Psychiatrie am ZI fasst zusammen: „Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass Misshandlungen und Vernachlässigung in der Kindheit mit einem erheblichen Anteil depressiver Erkrankungen assoziiert sein können. Sie unterstreichen damit die Bedeutung frühzeitiger Prävention und gezielter Schutzmaßnahmen. Insbesondere der Schutz vor emotionaler Misshandlung und Vernachlässigung kann langfristig einen wichtigen Beitrag zur Verringerung von Depressionen leisten.“
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