Kinesio-Tapes: Evidenz zur Wirksamkeit weiter ungewiss

Ob an Schulter, Rücken oder Knie: Kinesio-Tapes finden vielfältige Anwendung. Die Evidenz zur Bestätigung ihrer Wirksamkeit bleibt aber mangelhaft. (Symbolfoto: ©ronstik/stock.adobe.com)

Die bunten Pflaster sind schon lange nicht mehr nur an Sportlerkörpern zu bewundern. Kinesiologische Tapes werden gegen allerlei Schmerzen und Verspannungen eingesetzt. Doch halten sie, was sie versprechen?

Kinesiologisches Taping wurde in den 1970er-Jahren von dem in Japan geborenen und in den USA ausgebildeten Chiropraktiker Dr. Kenso Kase entwickelt. Die Methode – oft auch als Kinesio-Taping oder Physio-Taping bezeichnet – wird zur Linderung von Beschwerden bei Erkrankungen des Bewegungsapparates und zur Verbesserung der Beweglichkeit eingesetzt. Bei korrekter Anwendung soll es die Haut leicht anheben, kutane Mechanorezeptoren stimulieren sowie die Propriozeption und die lokale Durchblutung fördern, was wiederum Schmerzen lindern soll. Vollständig geklärt ist der zugrundeliegende Wirkmechanismus jedoch nicht.

Hinsichtlich der Wirksamkeit der Tapes lieferten systematische Reviews bislang uneinheitliche Ergebnisse bei muskuloskelettalen Beschwerden im Bereich von Rücken, Schulter, Ellenbogen, Knie und Sprunggelenk. Hinzu kommt, dass die Studien die Wirkung zwar statistisch bewerteten, nicht aber, ob der Effekt für die Patienten klinisch relevant ist.

Dem nahm sich nun eine Forschergruppe um Qingcong Mo von der Southern Medical University in Guangzhou (China) an. Laut ihrer kürzlich im Fachjournal „BMJ Evidence Based Medicine“ publizierten, systematischen Übersichtsarbeit und Evidenzbewertung können Kinesiologische Tapes möglicherweise kurzfristige Linderung verschaffen. Die Autoren bewerten die aktuelle Evidenzlage jedoch als „sehr unsicher“. Der Mangel an aussagekräftigen Beweisen und mögliche Hautreizungen könnten die Anwendung in der klinischen Praxis einschränken, resümieren sie.

Umbrella-Review zu 128 systematischen Übersichtsarbeiten

Um die aktuelle Studienlage zu klären, fassten die Forscher die Erkenntnisse zur Anwendung von Kinesiologischem Taping hinsichtlich Schmerzintensität, Funktion/Beeinträchtigung, Bewegungsumfang, Muskelkraft, Lebensqualität und spezifischer Krankheitssymptome zusammen. Sie durchsuchten Forschungsdatenbanken nach relevanten systematischen Übersichtsarbeiten zur Anwendung von Kinesiologischen Tapes als primäre Behandlungsmethode bei Erkrankungen des Bewegungsapparates. Sie inkludierten Studien, die seit Einführung der Kinesiologischen Tapes bis Oktober 2025 veröffentlicht wurden.

Ihre gepoolte Datenanalyse schloss 128 englischsprachige systematische Übersichtsarbeiten ein, von denen 73 veröffentlicht und 55 registriert, aber noch nicht publiziert waren. Diese Übersichtsarbeiten umfassten 310 randomisierte klinische Studien mit 15.812 Teilnehmenden und 29 Erkrankungen des Bewegungsapparates über verschiedene Therapiezeiträume hinweg. Die meisten Übersichtsarbeiten befassten sich mit Erkrankungen der Beine und Füße (45 %) und der Schmerzintensität (89 %).

Kurzfristige Effekte möglich, aber Evidenzlage sehr unsicher

Ihren Erkenntnissen zufolge könnte Kinesiologisches Taping die Schmerzintensität unmittelbar und kurzfristig reduzieren und die Funktionsfähigkeit bzw. den Grad der Beeinträchtigung unmittelbar verbessern. Dies betrifft die Anwendung bei einer Reihe häufiger Erkrankungen, wie zum Beispiel nach Knieoperationen, bei chronischen Knie- oder Rückenschmerzen, Kniearthrose, Tennisarm und Plantarfasziitis. Die mittelfristige Wirkung auf die Schmerzintensität sowie die kurz- und mittelfristige Wirkung auf die Funktionsfähigkeit bzw. den Grad der Beeinträchtigung beurteilten die Forscher auf Basis ihrer Analyse als unerheblich bis vernachlässigbar. Das gleiche gilt für die Effekte hinsichtlich Muskelkraft, Bewegungsradius und krankheitsspezifischer muskuloskelettaler Symptome. All dies beruht laut den Forschern jedoch auf einer insgesamt sehr unsicheren Evidenzlage.

Ferner stellten die Autoren fest, dass Kinesiologisches Taping möglicherweise nur geringfügig (d. h. mit minimalen klinisch relevanten Unterschieden) wirksamer ist als Placebo-Taping. Auch hier sei die Aussagekraft der Evidenz jedoch gering, und die Wirkung könne je nach Patientengruppe oder Erkrankung variieren, merken die Forscher an.

Lediglich 19 der inkludierten Studien berichteten über Nebenwirkungen, wobei Hautreizungen (40 %) und Juckreiz (30 %) am häufigsten auftraten. Obwohl diese in der Regel ohne weitere Behandlung abklangen, geben sie nach Auffassung der Forscher weiterhin Anlass zur Sorge. Schließlich gab es auch nicht genügend Evidenz, um zu bestätigen, ob Kinesiologisches Taping die Lebensqualität von Menschen mit Erkrankungen des Bewegungsapparates verbessert.

Schließlich hebt die Forschergruppe hervor, dass die Methodik der meisten (78 %) systematischen Übersichtsarbeiten fehlerhaft sei und erhebliche Unterschiede im Studiendesign aufweise. Zudem gebe es beträchtliche inhaltliche Überschneidungen, was es schwierig mache, eindeutige Empfehlungen für die Anwendung auszusprechen, betonen die Forscher.

Sie schlussfolgern: „Die aktuelle Evidenzlage hinsichtlich der klinischen Wirkung von Kinesiologischem Taping auf Erkrankungen des Bewegungsapparates ist sehr unsicher. Erhebliche Heterogenität, unklare klinische Relevanz und potenzielle Nebenwirkungen können die Anwendung in der klinischen Praxis einschränken.“ Somit bedarf es weiterer hochwertiger Studien unter Berücksichtigung der heterogenen Anwendung, um die Wirkung der bunten Pflaster abschließend beurteilen zu können.

(ah/BIERMANN)