Klinische Adipositas: Große Mehrheit der Betroffenen erfüllt Kriterien

Die meisten Betroffenen mit Adipositas leiden bereits an einer Folgeerkrankung. Symbolbild: Kovalenko/stock.adobe.com

Neuen Daten zufolge erfüllen rund 80 Prozent der Betroffenen die Kriterien für eine klinische Adipositas. Die vorgeschlagene Einteilung in präklinische und klinische Adipositas durch zusätzliche Diagnoseschritte scheint nach Ansicht der Forschenden in der Praxis demnach nicht notwendig.

Eine internationale Forschungsgruppe hat untersucht, wie viele Menschen von präklinischer und klinischer Adipositas betroffen sind und welche Gesundheitsrisiken damit verbunden sind. Das Team unter der Leitung von Prof. Matthias Schulze vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) fand heraus: Nahezu alle Menschen mit Adipositas (BMI von mindestens 30 kg/m²) weisen weitere messbare Anzeichen erhöhter Körperfettmasse auf – rund 80 Prozent der Betroffenen haben bereits gesundheitliche Folgeprobleme. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal „Nature Communications“ veröffentlicht.

Neue Definition von Adipositas

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Adipositas seit langem als Krankheit ein. Trotzdem ist umstritten, ob Adipositas wirklich eine eigenständige Krankheit ist oder eher ein Risikofaktor für andere Erkrankungen.

Im Frühjahr 2025 hat eine internationale Kommission von „The Lancet Diabetes & Endocrinology“ vorgeschlagen, Adipositas in zwei Kategorien einzuteilen: präklinische und klinische Adipositas. Nach diesem Konzept sollte Adipositas neben dem BMI von mindestens einem weiteren anthropometrischen Kriterium, wie z. B. einem erhöhten Taillenumfang oder Körperfettgehalt, bestätigt werden. Personen mit diagnostizierter Adipositas, die darüber hinaus Adipositas-assoziierte Auffälligkeiten wie Bluthochdruck oder Störungen des Zucker- und Fettstoffwechsels haben, sollten demnach als klinisch adipös eingestuft werden – adipöse Personen ohne diese Auffälligkeiten als präklinisch. Die Kommission schlägt vor, klinische Adipositas als eine eigenständige Erkrankung mit entsprechenden Behandlungsindikationen zu klassifizieren.

Ein solches neues Verständnis könnte:

  • gerechtere medizinische Versorgung ermöglichen
  • bessere politische Entscheidungen unterstützen
  • den gesellschaftlichen Umgang mit Adipositas verbessern

Unterschiede im Risiko: Präklinische vs. klinische Adipositas

Vor diesem Hintergrund haben Wissenschaftler:innen des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) vom DIfE und vom Universitätsklinikum Tübingen untersucht, wie häufig präklinische und klinische Adipositas in der Bevölkerung auftreten. Sie untersuchten außerdem, ob die Betroffenen ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben und ob eine Lebensstilintervention die Prävalenz von klinischer Adipositas senken kann. Dafür werteten die Forschenden die Daten aus drei großen Studien aus: NHANES (National Health and Nutrition Examination Survey; repräsentativ für die US-Bevölkerung), EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition)-Potsdam und TULIP (Tübinger Lebensstilinterventionsprogramm).

Das Ergebnis: 100 Prozent der Personen mit einem BMI gleich oder größer 30 kg/m² konnten durch mindestens ein weiteres anthropometrisches Kriterium als adipös eingestuft werden. Darüber hinaus erfüllten davon rund 80 Prozent die Kriterien einer klinischen Adipositas. Diese hatten wiederum ein rund dreifach erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ein etwa achtfach erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes im Vergleich zu Personen, die keine Adipositas haben und die klinischen Kriterien nicht erfüllen. Im Gegensatz dazu hatten Personen mit präklinischer Adipositas kein erhöhtes Herz-Kreislauf-Erkrankungsrisiko, aber trotzdem ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes.

Klinische Adipositas: Prävalenz, Risiko für kardiometabolische Erkrankungen und Veränderung durch eine Lebensstil-Intervention. Bildquelle: Carolin Schrandt/DIfE

Eine neunmonatige Lebensstilintervention in der TULIP-Studie senkte die Häufigkeit klinischer Adipositas von 71 auf 57 Prozent und verringerte die Häufigkeit von Prädiabetes von 52 auf 29 Prozent. Die Wissenschaftler:innen stellten fest, dass sich vor allem der Blutdruck, die Triglyzeridwerte und die Blutzuckerregulation durch die Intervention verbesserten. „Das ist eine wichtige Voraussetzung für mögliche Präventionsstrategien in diesem Zusammenhang“, erklärt Prof. Norbert Stefan vom Universitätsklinikum Tübingen. Wie gut Menschen auf ein Lebensstilprogramm ansprechen, scheint dabei u. a. vom Alter und Leberfettgehalt abzuhängen.

Zusätzliche diagnostische Schritte zum Teil nicht notwendig

„Unsere Ergebnisse liefern eine solide Datengrundlage, um diese neu vorgeschlagene Definition bewerten zu können“, sagt Erstautorin Dr. Catarina Schiborn vom DIfE. „Wir konnten zeigen, dass eine zusätzliche Bestätigung der Adipositas durch weitere anthropometrische Maße wie Taillenumfang oder Körperfettgehalt, wie von der Kommission als erster Diagnoseschritt vorgeschlagen, in der Praxis nicht notwendig zu sein scheint, da sie von nahezu allen Teilnehmenden mit BMI-basiertem Adipositasstatus erfüllt wurden. Hier ist ein Nachschärfen dieser zusätzlichen Kriterien notwendig.“

Außerdem würden nur weniger als 20 Prozent der Menschen mit bestätigter Adipositas als präklinisch gelten. Die meisten Personen mit Adipositas haben bereits messbare gesundheitliche Einschränkungen und werden deshalb in die Kategorie der klinischen Adipositas eingeordnet. „Wir haben darüber hinaus gesehen, dass viele klinische Kriterien stark überlappen“, ergänzt Prof. Matthias Schulze, Leiter der Abteilung Molekulare Epidemiologie am DIfE. „Das wirft die Frage auf, ob eine so umfangreiche Diagnostik zur Einteilung in präklinische und klinische Adipositas tatsächlich notwendig ist.“

In weiteren Untersuchungen wollen die Forschenden die neuen Kriterien mit bereits etablierten Konzepten wie „metabolisch gesunder“ versus „metabolisch ungesunder“ Adipositas vergleichen.