Können Smartwatches die übliche Blutdruckmessung ersetzen?

Die Blutdruckmessung mittels Smartwatch findet eine immer breitere Anwendung. Die medizinische Diagnostik ersetzt sie derzeit aber nicht. (Symbolfoto: ©adrian_ilie825/stock.adobe.com)

Smartwatches und Wearables tracken schon lange nicht mehr nur die tägliche Schrittzahl. Ob Schlaf, Herzparameter, oder die Sauerstoffsättigung – die erhobenen Daten werden immer umfangreicher. Über die Vor- und Nachteile einer Blutdruckmessung mit den Geräten referierte Prof. Christina Magnussen auf der 92. DGK-Jahrestagung.

Von Dr. Aileen Hochhäuser

Schätzungen zufolge leiden weltweit rund 1,4 Milliarden Menschen an einem Bluthochdruck und etwa 10,8 Millionen Menschen versterben jährlich daran. In Deutschland ist rund jede dritte erwachsene Person von einem Bluthochdruck betroffen – viele von ihnen, ohne es zu wissen. Dabei zeigt die Evidenz, dass jeder zweite kardiovaskuläre Erkrankung vermeidbar wäre – neben der Kontrolle klassischer Risikofaktoren wie Cholesterin, Diabetes, Übergewicht und Rauchen spielt der gut eingestellte Blutdruck hier eine besonders ausgeprägte Rolle. Allein 30 Prozent der Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehen auf eine Hypertonie zurück, wie Prof. Christina Magnussen bei der 92. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) in Mannheim erläuterte.

Die stellvertretende Klinikdirektorin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ging in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung von Smartwatches und Wearables bei der Blutdruckkontrolle ein. Denn diese eröffnen heute neue Möglichkeiten in der Gesundheitsüberwachung.

Die Technologie

Grundsätzlich kann bei den neuen Gerätegenerationen von Wearables zwischen zwei unterschiedlichen Formen der Blutdruckmessung unterschieden werden. Der Großteil der Smartwatches, die über eine Funktion zur Blutdruckmessung verfügen, greift auf eine Algorithmus-basierte Technologie zurück. Diese nutzt die internen Herzfrequenz-Sensoren zur indirekten Bestimmung des Blutdrucks. Im Gegensatz dazu integrieren andere Produkte aufblasbare Manschetten, die eine direkte Blutdruckmessung am Handgelenk ermöglichen. Erste Systeme sind bereits CE-zertifiziert.

Frühwarnsystem im Alltag

Als positiv hob Magnussen hervor, dass durch die Blutdruckmessung mittels Smartwatch problematische Muster in Alltagssituationen aufgedeckt werden können. „Nutzerinnen und Nutzer erhalten Hinweise, die auf ein mögliches Risiko hindeuten – oft bevor eine klassische Diagnose gestellt wird. Ein entscheidender Vorteil liegt dabei nicht in einer einzelnen Messung, sondern in der kontinuierlichen Beobachtung. Wiederholte, alltagsnahe Daten können Veränderungen durchaus sichtbar machen. So entsteht ein neues Prinzip der Früherkennung: nicht punktuell, sondern longitudinal“, verdeutlichte die Kardiologin.

Kein Ersatz für medizinische Diagnostik

Gleichzeitig warnte Magnussen vor den Grenzen der Technologie: „Trotz des Potenzials ist eine klare Einordnung durch den Arzt oder die Ärztin entscheidend und unerlässlich. Smartwatches liefern derzeit keine standardisierte Blutdruckmessung in mmHg. Sie erkennen Muster, sie diagnostizieren aber nicht.“

Ferner verwies sie auf weitere relevante Einschränkungen der Wearables zur Blutdruckmessung. So hängt die Messgenauigkeit selbst bei Geräten mit integrierter Druckmanschette stark von der korrekten Anwendung ab, insbesondere von der Position des Arms auf Herzhöhe. Gleichzeitig sei die Handgelenksmessung grundsätzlich störanfälliger als die etablierte Oberarmmessung, betonte Magnussen. Hinzu komme das Risiko von allgemeinen Fehlmessungen oder Fehlinterpretationen, die im ungünstigsten Fall zu falscher Sicherheit oder zu Verunsicherungen der Anwender führen können.

„Auch eine CE-Zertifizierung bedeutet in diesem Zusammenhang nicht automatisch, dass die Messverfahren die gleiche klinische Validierungstiefe oder diagnostische Verlässlichkeit wie etablierte Standardmethoden erreichen. Deshalb gilt weiterhin: Die valide Blutdruckmessung am Oberarm und die ärztliche Einordnung bleiben der diagnostische Standard“, verdeutlichte die Kardiologin. Somit eignen sich die Geräte auch nicht zur Therapiesteuerung bei diagnostizierter Hypertonie, wie Magnussen hervorhob.

Einbindung in das Gesundheitssystem nötig

Ein weiteres Manko ist laut Magnussen, dass die Blutdruckdetektion mittels Smartwatches und Wearables derzeit mehr ärztliche Ressourcen durch Abklärung möglicher Befunde bindet, als dass sie Kliniken und Praxen entlasten. Der Nutzen, so Magnussen, liege somit nicht allein in der Technologie, sondern vor allem in ihrer intelligenten Integration in die Versorgung durch medizinisches Fachpersonal. „Hier sind auch Regelungen zur sinnvollen Einbindung in das Gesundheitssystem gefragt.“

Ihr Fazit: Richtig eingesetzt könnten Wearables eine zentrale Rolle in der kardiovaskulären Prävention der Zukunft spielen – als niederschwelliges, digitales Frühwarnsystem, das Menschen früher in die Versorgung bringt. Eine medizinische Diagnostik ersetzen sie derzeit jedoch noch nicht.