Kooperative Forschung: TiHo startet drei Forschungsverbünde

Prof. Gemma Mazzuoli-Weber, Prof. Franziska Richter Assêncio und Prof. Julia Metzger. Fotos: © TiHo

Die Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover verknüpft Grundlagen- und klinische Forschung, damit neue Erkenntnisse schneller in der Praxis ankommen – rund 2,5 Millionen Euro fließen in Neuroinfektiologie, Tiergesundheit und Genomforschung.

Die Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) hat drei sogenannte Research Integration Units bewilligt, wie sie mitteilt. Eine Research Integration Unit – kurz RIU – bringt Arbeitsgruppen aus verschiedenen Einrichtungen aus der TiHo zusammen und verbindet Grundlagen- mit klinischer Forschung.

Es geht um die Projekte GutFeelings, VENOM und VETCODE

Die Anschubfinanzierung soll die RIUs befähigen Strukturen und Vorarbeiten aufzubauen, mit denen sie sich anschließend erfolgreich um große Verbundvorhaben wie DFG-Forschungsgruppen, Sonderforschungsbereiche oder EU-Projekte einwerben können.

Am 15. September 2026 stellten die drei ausgewählten Projekte GutFeelings, VENOM und VETCODE ihre Forschungsideen vor.

Die TiHo fördert die RIUs mit den Mitteln aus der gemeinsamen Ausschreibung „Potenziale strategisch entfalten“ des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur (MWK) und der VolkswagenStiftung. Die TiHo erhielt in der Ausschreibung eine Förderzusage von 14 Millionen Euro. 2,5 Millionen Euro fließen in die RIUs.

TiHo-Präsident Prof. Klaus Osterrieder sagt: „Wir möchten die klinische Forschung stärker mit den Erkenntnissen aus der Grundlagenforschung verbinden. Die Voraussetzung an der TiHo sind dafür ideal. Mit der Anschubfinanzierung der RIUs geben wir unseren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern den Raum, genau dort gemeinsam zu arbeiten – und schaffen zugleich die Grundlage, um künftig große Verbundvorhaben einzuwerben.“

Staatssekretär Prof. Joachim Schachtner, Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur sagt: „Mit ‚Potenziale strategisch entfalten‘ wollen wir Hochschulen ermutigen, ihre Stärken konsequent weiterzudenken. Die TiHo zeigt mit den RIUs beispielhaft, wie aus vorhandener Exzellenz neue Forschungsstrukturen wachsen.“

Von 18 eingereichten Anträgen erreichten nach einer zweistufigen Begutachtung sechs Vorhaben die Short List. Drei wurden final bewilligt. Die Auswahl erfolgte durch eine internationale wissenschaftliche Kommission. Die Förderentscheidung traf die Hochschulleitung. Die RIUs sind auf 48 Monate angelegt, bewilligt sind zunächst 30 Monate. Nach 24 Monaten folgt eine kompetitive Evaluation. Nur zwei der drei Research Integration Units können um weitere 18 Monate verlängert werden. Über beide Förderperioden hinweg stellt die TiHo für die drei Projekte insgesamt rund 2,5 Millionen Euro bereit. Diese sollen Personalkosten, Sachmittel und Grundausstattung abdecken.

GutFeelings: Wie das Darmmikrobiom Epilepsie beeinflusst

Antragstellerin: Prof. Gemma Mazzuoli-Weber

Weitere Antragstellende: Prof. Marcus Fulde, Prof. Holger Volk

GutFeelings untersucht, wie Veränderungen des Darmmikrobioms und die entstehenden Stoffwechselprodukte die Erregbarkeit von Nervenzellen beeinflussen und damit möglicherweise auch die Anfälligkeit für/bei Epilepsie verändern. Ziel ist es, unterschiedliche mikrobielle Arten, funktionelle Stoffwechselwege und charakteristische Stoffwechselprodukte zusammen zu betrachten, die mit neuronaler Übererregbarkeit und Anfallsaktivität in Verbindung stehen und langfristig gemeinsam als Biomarker dienen könnten.

Dafür kombiniert das Team drei Ansätze:

Erstens werden die Forschenden eine Stuhltransplantation bei Hunden mit idiopathischer Epilepsie durchführen. Diese Erkrankung weist viele Gemeinsamkeiten mit der Epilepsie des Menschen auf. Die Stuhltransplantation ermöglicht es den Forschenden, gezielt zu untersuchen, ob eine Veränderung des Darmmikrobioms auch Veränderungen der Anfallsaktivität nach sich zieht.

Zweitens verfolgt das Team über einen längeren Zeitraum, wie sich das Darmmikrobiom und seine Stoffwechselprodukte verändern. Mittels Shotgun-Metagenomik untersuchen die Forschenden dabei, welche Mikroorganismen vorhanden sind und über welche funktionellen Stoffwechselwege sie verfügen. Mit gezielter und ungezielter Metabolomik erfassen sie parallel eine Vielzahl von Stoffwechselprodukten.

Drittens untersucht das Team, ob besonders auffällige mikrobielle Stoffwechselprodukte und andere Faktoren aus dem Darminhalt tatsächlich Nervenzellen beeinflussen können. Dazu werden ihre Effekte unter anderem auf Nervenzellen des enterischen Nervensystems im Darm sowie auf sensorische Spinalganglienneurone in der Wirbelsäule untersucht, die Signale aus dem Körper an das zentrale Nervensystem weiterleiten.

GutFeelings verfolgt eine mögliche Wirkungskette: Die Stuhltransplantation verändert das Darmmikrobiom. Ein verändertes Mikrobiom produziert andere Stoffwechselprodukte. Diese können die Aktivität von Nervenzellen beeinflussen – und damit möglicherweise auch die Anfallsbereitschaft. Indem die Forschenden diese einzelnen Schritte miteinander verknüpfen, wollen sie herausfinden, welche mikrobiellen und metabolischen Veränderungen für die Erkrankung relevant sind. Langfristig könnten daraus Biomarker zur besseren Einschätzung der Erkrankung sowie neue Ansatzpunkte für mikrobiombasierte Therapien entstehen.

VENOM: Virusinfektionen als Risikofaktor für neurodegenerative Erkrankungen

Antragstellerin: Prof. Franziska Richter Assêncio

Weitere Antragstellende: Prof. Andreas Beineke, Prof. Gülşah Gabriel, Prof. Klaus Jung, Prof. Sjoerd van Wijk, Prof. Holger Volk, Prof. Maren von Köckritz-Blickwede

VENOM geht der Frage nach, über welche Mechanismen Virusinfektionen das Risiko erhöhen, im fortgeschrittenen Alter an einer neurodegenerativen Erkrankung wie Parkinson zu erkranken.

Im Mittelpunkt steht ein Dreiklang pathogener Prozesse:

Sauerstoffmangel im Gewebe (Hypoxie), Entzündungsreaktionen im Nervensystem (Neuroinflammation) und die Fehlfaltung und Ablagerung von Proteinen (Proteinopathie). Das interdisziplinäre Team will aufklären, wie diese Mechanismen entstehen, wie sie zusammenwirken, wie sie sich gegenseitig beschleunigen und wie aus ihnen schließlich ein neurodegenerativer Prozess wird.

Einen Schwerpunkt der Forschungen werden zoonotische Viren sein – also Erreger, die zwischen Tier und Mensch übertragen werden. Damit greift VENOM den One-Welfare-Forschungsschwerpunkt der TiHo auf, der Tiergesundheit, menschliche Gesundheit und Umwelt zusammendenkt. Der Forschungsverbund bündelt die an der TiHo vorhandene Expertise zu Virusinfektionen und zu neurodegenerativen Erkrankungen und soll die nationale und internationale Position der Hochschule im Feld der Neuroinfektion weiter festigen.

VETCODE: Vom Code in die Klinik – Skelettentwicklung und -erkrankungen datengetrieben verstehen

Antragstellerin: Prof. Julia Metzger

Weitere Antragstellende: Prof. Andreas Beineke, Prof. Michael Pees, Prof. Holger Volk

Ein Hund, der lahmt. Kaninchen mit Kieferfehlstellung. Fehlbildungen und Verschleiß am Skelett gehören zu häufigen Leiden bei Haustieren. Sie bereiten Schmerzen, nehmen den Tieren die Bewegungsfreiheit und mindern ihr Wohlbefinden. Ihre Entstehung und ihr Verlauf sind komplex. Genetische und epigenetische Faktoren wirken auf veränderte Zellen und Gewebe und führen zu strukturellen Veränderungen und klinischen Symptomen. Wie diese Prozesse über die verschiedenen biologischen Ebenen hinweg zusammenwirken, ist bislang nur unzureichend verstanden. Genau hier setzt VETCODE an.

Das Team verbindet die klinische, pathologische und genomische Expertise der TiHo, um die Skelettentwicklung und Skeletterkrankungen aus einer systembiologischen Perspektive zu untersuchen. Dafür werden genetische, epigenetische, zelluläre, pathologische, bildgebende und klinische Daten und zusammengeführt. Im Mittelpunkt steht die Mustererkennung über biologische Ebenen hinweg. Die Forschenden untersuchen nicht nur charakteristische Muster innerhalb einzelner Datenebenen, sondern deren Beziehungen zueinander. Mithilfe bioinformatischer, statistischer und KI-gestützter Verfahren sollen solche Zusammenhänge sichtbar gemacht und komplexe Krankheitsmechanismen besser verstanden werden.

Ziel von VETCODE ist es, neue Ansätze zu entwickeln, um Skeletterkrankungen früher und präziser zu erkennen, Krankheitsverläufe besser vorherzusagen und Therapien stärker an den individuellen Krankheitsmechanismus anzupassen, und zugleich eine dauerhafte interdisziplinäre Forschungsstruktur an der TiHo zu etablieren.