Krankenhäuser auf „Müll-Diät“

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Das Institut für Industrial Ecology (INEC) der Hochschule Pforzheim erhebt mit seiner deutschlandweiten Benchmarkstudie verlässliche Kennwerte zur Abfallentstehung und -vermeidung in Kliniken. Diese gehören zu den relevantesten Abfallerzeugern in Deutschland.

Pro Bett und Jahr fallen über 1,5 Tonnen Abfälle in der Krankenpflege an, etwa die Hälfte davon sind krankenhausspezifische Abfälle. Sie werden fast ausschließlich verbrannt, tragen so zur Klimaerwärmung bei und vernichten gleichzeitig hochwertige Werkstoffe, so die Hochschule Pforzheim.

Daten als Grundlage für Kreislaufwirtschaft

Bereits heute dokumentieren Krankenhäuser ihre Abfallmengen für die betriebliche Abfallwirtschaft und -entsorgung. Ein bundesweiter Vergleich unterschiedlicher Krankenhausstandorte ist jedoch nur möglich, wenn die Daten nach einheitlichen Kriterien erhoben und mit geeigneten Strukturgrößen verknüpft werden, so die Hochschule Pforzheim. Mit der Benchmarkstudie verfolge man daher zwei Ziele: Einerseits soll die Abfallentstehung in deutschen Krankenhäusern detailliert in Abfallschlüsselnummern beschrieben werden. Andererseits sollen Krankenhäuser ihre kreislaufwirtschaftlichen Kennzahlen einordnen und vergleichbaren Einrichtungen gegenüberstellen können. Durch den Vergleich würden ncht nur Unterschiede zwischen Standorten sichtbar, sondern es könnten auch mögliche Ursachen sowie Ansatzpunkte für Abfallvermeidung, getrennte Erfassung und eine stärkere Kreislaufführung von Produkten und Materialien untersucht werden.

Kooperation von Hochschulen, Krankenhäusern, Medizinprodukteherstellern und Entsorgern

Die Untersuchungen werden im Rahmen des Forschungsprojekts „MEiK – Medizinische Einmalgebrauchsprodukte in der Kreislaufwirtschaft“ durchgeführt. Das von der Hochschule Pforzheim geleitete Verbundvorhaben läuft von 2024 bis Mitte 2027 und wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie mit insgesamt knapp 1,7 Millionen Euro gefördert. In dem Projekt arbeiten Hochschulen, Krankenhäuser, Medizinproduktehersteller und Unternehmen der Entsorgungswirtschaft gemeinsam daran, Lösungen für eine klimafreundlichere und hochwertige stoffliche Verwertung medizinischer Einmalprodukte zu entwickeln und unter ökologischen und ökonomischen Gesichtspunkten zu bewerten.

Von Abfallmengen bis zu Strukturkennzahlen

Der Umfang der Benchmarkstudie geht nach Angaben der Hochschule Pforzheim über die Abfrage der Abfallmenge eines Krankenhauses deutlich hinaus. Spezifische Angaben pro Abfallart beziehungsweise Abfallschlüssel, die durch einen Online-Fragebogen oder eine Uploade-Möglichkeit erfasst würden, identifizierten besonders relevante Stoffströme. Ergänzend würden Strukturparameter der Krankenhausstandorte erhoben. Hierzu zählen unter anderem Planbetten, Behandlungsfälle und Beschäftigtenzahlen. Diese Angaben ermöglichten es, absolute Abfallmengen in vergleichbare Kennwerte zu überführen. So könne beispielsweise untersucht werden, wie viele Kilogramm Abfall je Planbett oder je Behandlungsfall entstehen.

Da sich Krankenhäuser hinsichtlich Größe, Versorgungsauftrag und medizinischem Leistungsspektrum deutlich unterscheiden, schlagen sich diese strukturellen Unterschiede bei der Auswertung nieder, so die Hochschule. Deshalb werden die Ergebnisse jeweils für allgemeine Krankenhäuser, Universitätskliniken, Fachkliniken und sonstige Krankenhäuser ausgewertet.

Neben den Abfallmengen wird in der Studie auch nach der Abfall-Intralogistik der Krankenhäuser gefragt. Damit soll zunehmend erfasst werden, wie bestimmte Abfälle innerhalb der Einrichtungen gesammelt und getrennt werden und welche Voraussetzungen für eine hochwertigere Verwertung bestehen.

Mehr als 111.000 Tonnen dokumentierter Abfall bei 79 Krankenhausstandorten

Die erste Benchmarkstudie erfasste Daten des Kalenderjahres 2023. Insgesamt beteiligten sich daran 122 Krankenhausstandorte. Mit der zweiten Studie wurde die Erhebung für das Kalenderjahr 2024 fortgeführt und methodisch weiterentwickelt, erläutert die Hochschule. An dieser zweiten Erhebung haben 79 Krankenhausstandorte aus 15 Bundesländern teilgenommen und zusammen 111.354 Tonnen Abfall dokumentiert. Diese Menge stelle dabei keine Hochrechnung für das gesamte deutsche Gesundheitswesen dar, sondern die Summe der von den teilnehmenden Einrichtungen angegebenen Abfallmengen, betont die Hochschule.

Die Auswertung zeige, dass der Abfallschlüssel 18 01 04 den mit Abstand größten Anteil mit 51,6 Prozent bildete. Darunter fielen Abfälle aus der medizinischen Versorgung, an deren Sammlung und Entsorgung aus infektionspräventiver Sicht keine besonderen Anforderungen gestellt werden. Zu diesem mengenmäßig besonders relevanten Abfallstrom zählten in der Krankenhauspraxis zahlreiche Materialien und gebrauchte Einmalprodukte. Mit 11,1 Prozent folgten Papier- und Pappabfälle. Weitere 10,5 Prozent der dokumentierten Masse entfielen auf biologisch abbaubare Abfälle.

Bereits diese Verteilung verdeutlicht den Studienverantwortlichen zufolge, dass für die Weiterentwicklung der Kreislaufwirtschaft Ansatzpunkte von klassischen Wertstoffströmen wie Papier und Pappe bis hin zu medizinischen Abfällen berücksichtigt werden müssen, für die eine getrennte Erfassung und stoffliche Verwertung deutlich anspruchsvoller sein kann. Die Verknüpfung mit Strukturparametern und die Berechnung standortbezogener Kennwerte seien dabei ein wesentlicher Bestandteil des Benchmarkings.

Aktuelle Erhebung erweitert den Blick auf die Kreislaufführung

Nach Angabe der Hochschule Pforzheim ist seit September 2026 die dritte Pforzheimer Benchmarkstudie zur Teilnahme geöffnet. Grundlage bleibe die Erhebung zentraler Abfallmengen und Strukturparameter, damit die Vergleichbarkeit zwischen den Erhebungsjahren erhalten bleibt. Gleichzeitig werd der Fragebogen gezielt weiterentwickelt, um aktuelle Fragestellungen der Kreislaufwirtschaft im Gesundheitswesen aufzunehmen. Dazu zählten vor allem die Abfallmenge und der Umgang mit potenziell hochwertigen beziehungsweise wertstoffhaltigen Produkten oder Einweg-Elektrogeräten.

Mit diesen zusätzlichen Informationen versprechen sich die Studienverantwortlichen, auch die logistischen Strukturen hinter den Stoffströmen zu verstehen. Denn für eine hochwertige Verwertung sei nicht allein entscheidend, welche Materialien theoretisch in einem Abfallstrom enthalten sind. Ebenso wichtig sei, ob sie im Krankenhaus getrennt erfasst werden und in welcher Form sie anschließend für Recyclingprozesse zur Verfügung stehen.

Langfristiges Ziel: Entwicklungen statt Momentaufnahmen betrachten

Den besonderen Mehrwert der Datenerhebung des Benchmark-Projektes über einen längeren Zeitaum erläutert die Hochschule wie folgt: Die erste Erhebung mit Daten des Jahres 2023 habe eine Bestandsaufnahme dargestellt. Mit den Daten für 2024 liege inzwischen ein zweiter Messpunkt vor, seit September 2026 erfolge die Datenerhebung der Daten für 2025. Damit werde schrittweise eine Datengrundlage für zeitliche Längsschnittstudien geschaffen. So könnten aus dem kurzfristigen Benchmarking langfristig strukturelle Entwicklungen der Abfall- und Ressourcenwirtschaft im deutschen Krankenhaussektor wissenschaftlich nachvollziehbar gemacht und Grundlagen für weitere Forschungs- und Praxisprojekte zur Kreislaufwirtschaft im Gesundheitswesen geschaffen werden, so die Hochschule Pforzheim.