Krankheitsbedingte Mangelernährung als tödliches Risiko: Ernährungsmediziner fordern umfassende Maßnahmen12. November 2024 Um gegen das Problem Mangelernährung vorzugehen, fordert die DGEM unter anderem klare Verpflegungsstandards und eine solide finanzielle Grundlage für die Klinikkost. (Foto: © chinnarach/stock.adobe.com) Mangelernährung in deutschen Krankenhäusern betrifft jeden vierten bis fünften Patienten und bleibt oft unbehandelt. Mit fatalen Folgen: Die Sterblichkeit Betroffener ist laut Experten um das Dreifache erhöht. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V. (DGEM) sieht daher dringenden Handlungsbedarf und fordert verpflichtende Maßnahmen zur Bekämpfung der Mangelernährung. Anlässlich der Malnutrition Awareness Week 2024 hat die DGEM über Risiken, Fakten und Lösungsansätze informiert. Die Fachgesellschaft fordert dabei erneut ein systematisches Screening auf Mangelernährung. Das unterschätzte Problem In Deutschland sind 20 bis 30 Prozent aller Krankenhauspatienten von Mangelernährung betroffen. Insbesondere Menschen mit chronischen oder schweren Erkrankungen und ältere Menschen leiden darunter. Prof. Matthias Pirlich, Vizepräsident der DGEM und niedergelassener Endokrinologe und Ernährungsmediziner in Berlin, betont die Dringlichkeit des Problems: „Mangelernährung ist kein Randproblem. Sie führt vielfach zu Komplikationen in der Behandlung und mindert die Lebensqualität der Betroffenen erheblich.“ Die stationäre Verweildauer steige bei mangelernährten Patienten um über 40 Prozent, was zu massiv höheren Behandlungskosten führe. „Im Jahr 2023 belaufen sich die Mehrkosten durch Mangelernährung auf bis zu 8,6 Milliarden Euro. Diese Zahlen machen deutlich, dass Mangelernährung für das Gesundheitssystem eine erhebliche Belastung darstellt“, erklärt Pirlich. Lösungsansätze und Forderungen der DGEM Um die dramatischen Folgen der Mangelernährung in Deutschland einzudämmen, setzt die DGEM auf verpflichtende Maßnahmen. Seit Januar 2024 gibt es erstmals Qualitätsverträge für Krankenhäuser, die in Kooperation mit Krankenkassen umgesetzt werden können. Dr. Gert Bischoff, Präsident der DGEM und Leitender Arzt am Zentrum für Ernährungsmedizin und Prävention – ZEP in München, sieht darin eine große Chance: „Diese Qualitätsverträge ermöglichen es, die Versorgung der Patientinnen und Patienten signifikant zu verbessern und ein Ernährungsteam zu finanzieren. Leider nutzen bisher nur wenige Kliniken diese Möglichkeit, da die strukturellen Voraussetzungen fehlen.“ Bischoff fordert daher, dass alle Krankenhäuser verpflichtend über qualifizierte Ernährungsteams verfügen sollten, um flächendeckend die Versorgung sicherzustellen. Die DGEM sieht weitere Herausforderungen bei der Qualität der Krankenhausverpflegung. Aktuell belaufen sich der Fachgesellschaft zufolge die täglichen Ausgaben für die Verpflegung eines Patienten häufig lediglich auf fünf bis sechs Euro. „Eine qualitativ hochwertige Ernährungsversorgung kann so kaum gewährleistet werden. Wir brauchen klare Verpflegungsstandards und eine solide finanzielle Grundlage für die Klinikkost,“ unterstreicht Bischoff. Zahlen und Fakten: Warum Mangelernährung tödlich sein kann Mangelernährung wirkt sich direkt auf die Gesundheit der Betroffenen aus. Sie schwächt das Immunsystem, führt zu einem Verlust der Muskelmasse und verlängert die Genesungszeit. Bei Menschen im Krankenhaus sind diese Auswirkungen besonders fatal: Schätzungen zufolge sterben jedes Jahr rund 200.000 mangelernährte Patienten. „Ein systematisches Ernährungsmanagement könnte jährlich rund 55.000 Todesfälle vermeiden“, sagt Pirlich. Eine individuell angepasste Ernährungstherapie hat zudem das Potenzial, die Gesamtkosten der Behandlung zu senken, da weniger Komplikationen und Wiederaufnahmen ins Krankenhaus auftreten. „Mangelernährung ist kein unvermeidliches Schicksal. Durch gezielte Maßnahmen können wir das Problem an der Wurzel bekämpfen und den Betroffenen zu einer besseren Lebensqualität verhelfen“, betont Bischoff abschließend. Malnutrition Awareness Week 2024 In der Woche vom 11. bis 15. November 2024 macht die DGEM im Rahmen der europaweiten Malnutrition Awareness Week gemeinsam mit zahlreichen Kooperationspartnern auf die Problematik der krankheitsbezogenen Mangelernährung aufmerksam. Die Malnutrition Awareness Week ist Teil der ONCA-Initiative (Optimal Nutritional Care for All) und zielt darauf ab, evidenzbasierte Therapieansätze für Mangelernährung im Gesundheitswesen zu etablieren.
Mehr erfahren zu: "Umbrella-Review: Opioide lindern viele akute Schmerzen nur kurzfristig" Umbrella-Review: Opioide lindern viele akute Schmerzen nur kurzfristig Eine neue Übersicht über 59 systematische Reviews verdeutlicht, dass Opioide bei vielen akuten Schmerzzuständen nur eine geringe und kurzfristige Linderung bewirken – bei einigen zeigen sie keinen klaren Vorteil gegenüber […]
Mehr erfahren zu: "Fortschritte in der Migräneprävention: Neue Therapien verbessern Lebensqualität" Fortschritte in der Migräneprävention: Neue Therapien verbessern Lebensqualität Migräne beeinträchtigt die Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit von rund 1,2 Milliarden Menschen weltweit. Ein internationales Forschungsteam berichtet nun in „The Lancet Neurology“ über die Fortschritte in der Vorbeugung von Migräneattacken.
Mehr erfahren zu: "Chronifizierte Beschwerden: Erwartungen als messbarer und potenziell veränderbarer Faktor" Chronifizierte Beschwerden: Erwartungen als messbarer und potenziell veränderbarer Faktor Anhaltende körperliche Beschwerden wie Erschöpfung, Magen-Darm-Probleme oder Juckreiz begleiten viele Betroffene über Monate oder Jahre und schränken ihr Leben ein. Doch wie kommt es zu einer solchen Chronifizierung von Beschwerden […]