Krebsmedizin 2026: Innovation, klinische Studien und Prävention im Fokus12. Oktober 2026 Blick über Wien. Bild: ©Sascha – stock.adobe.com Die Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Medizinische Onkologie ist der größte Kongress für Hämatologie und Medizinische Onkologie im deutschsprachigen Raum. Vom 09.−12.10.2026 diskutierten in Wien Experten aus Medizin, Pflege und Gesundheitspolitik aktuelle Entwicklungen sowie Chancen und Herausforderungen des Fachgebiets. Innovative Therapien haben die Behandlungsmöglichkeiten von Blut- und Krebserkrankungen in den letzten zwei Dekaden grundlegend erweitert. „Sowohl für solide Tumoren als auch hämatologische Neoplasien gab es in diesem Zeitraum viele wichtige Innovationen“, betonen Prof. Maike de Wit und Prof. Dominik Wolf, die gemeinsam die Kongresspräsidentschaft der Jahrestagung innehaben. De Wit ist Chefärztin der Klinik für Innere Medizin – Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin in Berlin an den Vivantes Kliniken in Neukölln und in Schöneberg, Wolf Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin V (Hämatologie und Onkologie) der Medizinischen Universität Innsbruck. Neue Perspektiven für Patienten Als Beispiele für diese Entwicklung nennt de Wit T-Zell-Engager, CAR-T-Zelltherapien, Tyrosinkinase-Inhibitoren, bispezifische Antikörper und RAS-Inhibitoren. Deutlich werden die Fortschritte unter anderem beim Multiplen Myelom und bei verschiedenen Lymphom-Erkrankungen, bei denen innovative Therapiestrategien die Prognose vieler Patienten in den vergangenen Jahren nachhaltig verbessert haben. „Jede neue wirksame Therapieoption erweitert unsere Behandlungsmöglichkeiten und eröffnet zusätzliche Perspektiven für unsere Patientinnen und Patienten“, betont de Wit. Als aktuelles Beispiel führt sie den Fortschritt bei soliden Tumoren an und verweist auf die Phase-III-Studie „RASolute 302“, in der der RAS-Inhibitor Daraxonrasib bei vorbehandelten Patienten mit metastasiertem Adenokarzinom des Pankreas gegenüber der Standardchemotherapie wichtige klinische Endpunkte verbessern konnte. Spannungsfeld von Innovation und Evidenz Wolf unterstreicht die Verantwortung der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften bei der Einordnung neuer Entwicklungen: „Neben der Begeisterung über die hohe Innovationsdichte und die Geschwindigkeit des Fortschritts müssen wir neue Therapien immer auch wissenschaftlich kritisch bewerten und ihren tatsächlichen Nutzen für die Versorgung beurteilen. Unsere Aufgabe ist es, die Relevanz von Innovationen für Patientinnen und Patienten fundiert einzuordnen.“ Die Zulassung innovativer Therapien auf Basis von Phase-II-Studien bewertet Wolf differenziert: „Solche Studien erreichen zwar nicht die Evidenzstärke großer Phase-III-Studien. Bei Erkrankungen mit hohem medizinischem Bedarf können hochwertige Phase-II-Studien jedoch einen früheren Zugang zu vielversprechenden Therapien ermöglichen. Wichtig ist: Innovation allein ist kein Wert an sich. Entscheidend ist, ob sie das Leben und die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten tatsächlich verbessert. Daran müssen wir neue Entwicklungen messen.“ Klinische Forschung: Unverzichtbarer Teil der Versorgung Einen weiteren Aspekt zu klinischen Studien bringt Prof. Ewald Wöll, Präsident der OeGHO und Ärztlicher Direktor/Ärztlicher Leiter Innere Medizin des Krankenhauses St. Vinzenz in Zams, ein. Der Fortschritt in der Onkologie lebe von innovativen Therapien, die der Dynamik von Krebserkrankungen Einhalt gebieten, bemerkte Wöll – auch im Kontext der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) befürchteten Zunahme der Krebsdiagnosen bis 2050 um 70 Prozent. Dabei seien klinische Studien eben nicht nur in der Forschung unverzichtbar, sondern zeigten auch unmittelbar positive versorgungsökonomische Effekte, so Wöll: „Eine aktuelle Analyse des Instituts für Pharmaökonomische Forschung (IPF) hat festgestellt, dass klinische Studien das Gesundheitssystem in Österreich jährlich um einen Behandlungswert von 122,28 Mio. Euro entlasten. Inbegriffen sind hier kostenfreie Prüfmedikamente, Übernahme der Kosten für Diagnostik und Therapie sowie für administrative Leistungen und die Dokumentation.“ Die Zahl der klinischen Studien in Österreich sank zwischen 2021 und 2024 von 285 auf 205 und stieg 2025 mit 226 wieder leicht an. „Klinische Forschung ist kein fakultatives Zusatzangebot einzelner akademischer Zentren, sondern grundlegender Bestandteil der onkologischen Versorgung in der Breite“, konstatiert Wöll. „Patientinnen und Patienten können von der Teilnahme an einer klinischen Studie auf mehreren Ebenen profitieren: Sie erhalten einen frühen Zugang zu neuen Therapien, sie erhalten eine engmaschige medizinische Betreuung, sie werden umfassend informiert und leisten einen Beitrag zum medizinischen Fortschritt.“ Die Bereitschaft, an klinischen Studien teilzunehmen, sei aber noch ausbaufähig. In Österreich erklärten sich im europäischen Vergleich nur 41 Prozent der Befragten zu einer Teilnahme bereit, in Deutschland und der Schweiz waren es jeweils 48 Prozent. So zweifelten nicht wenige Patienten an der Sicherheit von klinischen Studien. „Es braucht eine Informationsoffensive, um unseren Patientinnen und Patienten Ängste zu nehmen und so größere Einschlüsse zu ermöglichen“ unterstreicht Wöll. „Für die strukturelle Absicherung klinischer Studien hat die OeGHO im Rahmen der Diskussion des Österreichischen Onkologie Forums einige konkrete Verbesserungspotenziale identifiziert und in einem Positionspapier zusammengefasst. Oft braucht es nicht hohe Investitionen, sondern Kompromissbereitschaft, Entscheidungen und eben auch Mut zur Umsetzung.“ Krebsprävention: Großes Potenzial, große Verantwortung Mit der Veröffentlichung des Bandes „Krebs: Neue Wege der Prävention, Früherkennung und frühen systemischen Therapie“ in der Gesundheitspolitischen Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) wird das Potenzial für die Gesundheit und Lebenserwartung der Menschen in Deutschland in den Fokus gestellt. „Pro Jahr erkranken derzeit etwa 500.000 Menschen in Deutschland neu an Krebs“, erklärt Prof. Claudia Baldus, Geschäftsführende Vorsitzende der DGHO und Direktorin der Klinik für Innere Medizin II am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel. „Dies hat neben den unmittelbaren Auswirkungen für unsere Patientinnen und Patienten auch hohe gesamtgesellschaftliche und makroökonomische Auswirkungen“ fährt sie fort. „Verhaltensbedingte, Umwelt- und sozioökonomische Faktoren haben einen maßgeblichen Anteil am individuellen Krebsrisiko. Allein durch bekannte und primärpräventive Maßnahmen könnten etwa 40 Prozent aller Krebsneuerkrankungen verhindert werden. Werden zusätzlich Früherkennungsmaßnahmen und weitere präventive Ansätze konsequent genutzt, ließen sich bis zu 60 Prozent der krebsbedingten Todesfälle vermeiden.“ Angesichts steigender Gesundheitsausgaben sieht Baldus einen dringenden Handlungsbedarf. Ziel müsse es sein, die Lebensqualität durch wirksame Krebsprävention zu verbessern. Prävention, Früherkennung und frühe Therapie seien dabei nicht allein individuelle Aufgaben, sondern eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. „Gesundheitsfördernde Maßnahmen in der Tabak-, Alkohol- und Ernährungspolitik werden in mehreren europäischen Ländern bereits erfolgreich umgesetzt. Für Deutschland hat das Nationale Krebspräventionszentrum hierzu konkrete Handlungsempfehlungen vorgelegt“, so Baldus. Prävention müsse entlang des gesamten Versorgungspfads gedacht werden – von Gesundheitsförderung und Früherkennung über Behandlung und Rehabilitation bis hin zur Langzeitnachsorge. Dafür seien eine enge Zusammenarbeit aller Akteure sowie der Abbau sektoraler Grenzen erforderlich. Ausführliche Informationen unter: https://www.jahrestagung-haematologie-onkologie.com/
Mehr erfahren zu: "Keine Hinweise auf erhöhtes Risiko für Pankreaskarzinom durch Semaglutid" Weiterlesen nach Anmeldung Keine Hinweise auf erhöhtes Risiko für Pankreaskarzinom durch Semaglutid Neue Daten zeigen keinen Zusammenhang zwischen der Anwendung des GLP-1-Rezeptoragonisten Semaglutid und dem Auftreten von Pankreaskarzinomen. Grundlage der Post-Authorisation-Sicherheitsstudie sind landesweite Registerdaten aus Dänemark, Schweden und Norwegen.
Mehr erfahren zu: "Lebertransplantation bei Darmkrebsmetastasen: Besser als Teilresektion?" Lebertransplantation bei Darmkrebsmetastasen: Besser als Teilresektion? Ein Team vom Universitätsklinikum Jena koordiniert eine derzeit laufende internationale transplantationsonkologische Studie im Rahmen des europäischen Forschungsprojektes Lit-Met.
Mehr erfahren zu: "Frühzeitige Behandlung von Depressionen verbessert die Überlebensrate bei Krebs" Frühzeitige Behandlung von Depressionen verbessert die Überlebensrate bei Krebs Depressionen erhöhen die Sterblichkeit von Menschen mit Krebs, während eine Psychotherapie kurz nach der Diagnose das Mortalitätsrisiko senkt. Das geht aus einer Analyse von Medicare-Daten hervor, die auf der Jahrestagung […]