Kugel, Nagel, Bolzen: Studie untersucht durchdringende Hirnverletzungen

Mehr als die Hälfte der untersuchten Verletzungen hatten sich die Patienten selbst zugefügt. (Foto: © pro2audio – stock.adobe.com)

Erstmals hat eine Studie Art, Ursache und Heilungschancen von Hirnverletzungen durch eindringende Objekte in Österreich erfasst. 

Fast die Hälfte aller Patientinnen und Patienten, die mit einer Hirnverletzung aufgrund von eindringenden Objekten wie Kugeln oder Nägeln lebend ins Krankenhaus eingeliefert werden, können überleben. Das ist eines der Ergebnisse einer Studie der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften Krems (KL Krems), die erstmals in Österreich die Art, Ursachen und Genesungsaussichten dieser Art von Verletzungen erfasste. Wichtig für die Behandlung ist laut der Studie die richtige Einschätzung der Eindringgeschwindigkeit der Objekte. Geringere Geschwindigkeiten verursachen Verletzungen mit deutlich besseren Heilungsaussichten. In Österreich fallen zudem die Häufigkeit von Verletzungen durch Bolzenschussapparate auf.

Auf Leben und Tod

„Generell muss gesagt werden, dass durchdringende Hirnverletzungen in vielen Fällen tödlich enden“, erläutert Dr. Franz Marhold, Klinische Abteilung für Neurochirurgie des Universitätsklinikum St. Pölten der KL Krems. „Dreiviertel der Betroffenen sterben noch am Unfallort, zumindest gilt das für den Zivilbereich.“ Doch selbst bei jenen, die noch lebend in ein Klinikum eingeliefert werden, galten bisher die Überlebenschancen als gering. Aber genau für diese Gruppe liefert die nun publizierte Studie neue Einsichten.

„Unsere Ergebnisse zeigen ein differenzierteres Bild der Überlebenschancen dieser Betroffenen“, erläutert Marhold. „Entscheidend ist demnach unter anderem die Eintrittsgeschwindigkeit des Schaden verursachenden Objektes. Ist diese gering, dann hatten in unserer Studie 70 Prozent der Betroffenen Aussicht auf eine gute Prognose. Bei Objekten mit hoher Geschwindigkeit waren es jedoch weniger als 20 Prozent.“ Dabei ist, so Marhold, bis heute noch nicht eindeutig definiert, was als „geringe“ und was als „hohe“ Geschwindigkeit gilt. Doch wie die Ergebnisse der Studie zeigen, ist die Unterscheidung wichtig, um die weiteren Behandlungsschritte zu entscheiden. Und das, wie er betont, in extrem zeitkritischen Situationen, in denen das Leben der Betroffenen oft am seidenen Faden hängt.

Langzeitstudie

Erhoben wurden die Daten über einen Zeitraum von 13 Jahren am Universitätsklinikum St. Pölten. Insgesamt wurden in dieser Zeit 24 betroffene Patientinnen und Patienten lebend eingeliefert und weiter neurochirurgisch behandelt. Deutlich mehr als die Hälfte der Betroffenen (58 %) fügte sich ihre Verletzungen selbst zu. Die Methode der Wahl war dabei die Nutzung einer Feuerwaffe. In den meisten Fällen führte das zu Hochgeschwindigkeitsverletzungen mit schlechter Prognose. „In diesen Fällen entstehen Hirnschäden auch jenseits des eigentlichen Eintrittskanals des Projektils“, erklärt Marhold. „Objekte mit geringer Geschwindigkeit hingegen verursachen eher lokale Verletzungen, was die deutlich bessere Prognose dieser Betroffenen erklärt.“

Verletzungen mit geringer Eintrittsgeschwindigkeit waren meistens Unfälle oder Suizidversuche. Hier fiel der hohe Anteil (5/13) durch Bolzenschussapparate auf, die in österreichischen Schlachtbetrieben weit verbreitet sind. Eine Anzahl, die im internationalen Vergleich sehr hoch ist.

Neben der Beurteilung über die Eintrittsgeschwindigkeit, so zeigt die Studie, liefert vor allem der Pupillenstatus der Betroffenen wichtige Hinweise auf den möglichen Behandlungserfolg. Präsentieren sich die Pupillen weitestgehend normal, so konnte das Studienteam in über 60 Prozent einen günstigen Behandlungsverlauf verzeichnen. Zeigten die Pupillen jedoch pathologische Reaktionen, sank dieser Anteil auf unter 20 Prozent. Auch die Beurteilung der Bewusstseins- und Hirnfunktionsstörungen nach der Glasgow Coma Scale wurde als wichtiges Entscheidungskriterium identifiziert.