DKK 2026 Langzeitüberleben beim Melanom aus Sicht von Klinik und Praxis16. Februar 2026 Viele langzeitüberlebende Melanom-Patienten leiden unter andauernden therapieassoziierten Nebenwirkungen. Strukturierte Survivorship-Programme könnten dazu beitragen, die Lebensqualität Betroffener zu verbessern. (Symbolbild: © blende11.photo/stock.adobe.com) Langzeitüberlebende Melanom-Patientinnen und -Patienten stehen häufig vor anhaltenden therapieassoziierten Nebenwirkungen, psychosozialen Belastungen und Einschränkungen im Alltag. Die Daten unterstreichen die Notwendigkeit strukturierter Survivorship-Programme. von Prof. Dr. Andrea Forschner Seit Einführung der Immuncheckpoint-Inhibitoren (ICI) beim Melanom, insbesondere der kombinierten Immuntherapie, ist ein Langzeitüberleben trotz nicht resektabler Fernmetastasen keine Seltenheit mehr. Aus der Studie CheckMate-067 wissen wir, dass die melanomspezifische 10-Jahres-Überlebensrate bei über 50 Prozent in der Erstlinie liegt1. Vor wenigen Jahren wurden PD-1-Antikörper auch im adjuvanten Setting beim Melanom zugelassen2,3. Seitdem werden zahlreiche, auch nicht metastasierte Melanom-Patientinnen und -Patienten ab Stadium IIB adjuvant mit ICI behandelt. Der Anteil derer, die während ihrer Krebserkrankung mindestens einen ICI erhalten, ist somit erheblich. Angesichts dieser Tendenzen gewinnt die „Überlebensqualität“ zunehmend an Bedeutung. Fokus auf chronische Nebenwirkungen Fast die Hälfte aller Langzeitüberlebenden mit einer Melanom-Diagnose befindet sich im erwerbsfähigen Alter, viele von ihnen haben noch minderjährige Kinder. Die Diagnose Krebs ist häufig eines der belastendsten Lebensereignisse bei unseren Patientinnen und Patienten. Je nach Art der durchgeführten Therapien geht sie häufig nicht nur mit psychosozialen, sondern auch mit körperlichen und mitunter auch finanziellen Problemen einher. Gerade die chronisch persistierenden, therapieassoziierten Nebenwirkungen sind noch nicht vollständig in den Fokus gerückt. Zu nennen sind hier insbesondere endokrinologische Nebenwirkungen, wie: eine Hypophyseninsuffizienz nach Hypophysitis eine Hypothyreose nach Thyreoiditis ein immuntherapieassoziierter, insulinpflichtiger Diabetes mellitus. Diese Erkrankungen begleiten die Patienten meist zeitlebens. Auch eine Vitiligo, eine persistierende Polyneuropathie nach Neuritis oder eine getriggerte Polyarthritis mit anhaltenden Gelenkbeschwerden sind Beispiele für chronisch persistierende Nebenwirkungen unter ICI. Ein weiteres häufiges Problem ist die Fatigue. Aus multizentrischen Forschungsprojekten innerhalb der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie (ADO) wissen wir, dass prozentual fast genau so viele Melanom-Langzeitüberlebende an einer Fatigue leiden wie Langzeitüberlebende nach Brust-, Darm- oder Prostata-Krebserkrankungen. Fast die Hälfte aller Langzeitüberlebenden betroffen Eine Befragung von Langzeitüberlebenden mit Melanom im Stadium IV zeigte: fast 50 Prozent aller Betroffenen berichtet über therapieassoziierte Nebenwirkungen, etwa ein Drittel fühlt sich bei Freizeitaktivitäten eingeschränkt4. Die Autoren einer retrospektiven, multizentrischen Kohortenstudie kommen außerdem zu dem Schluss, dass chronische immunvermittelte Nebenwirkungen potenziell untererfasst sind. Untersucht wurden fast 400 Teilnehmende nach erfolgter adjuvanter PD-1-Antikörpertherapie beim Hochrisiko-Melanom. Auch in dieser Studie wurden bei 43 Prozent der Patientinnen und Patienten chronische immunvermittelte Nebenwirkungen identifiziert5. In einer Übersichtsarbeit zur Lebensqualität bei langzeitüberlebenden Melanom-Patientinnen und -Patienten aus 2025 wurden bis zu 30 Prozent persistierende, immunvermittelte Nebenwirkungen festgestellt. Mehr als ein Drittel aller Langzeitüberlebenden berichteten darüber hinaus über neurokognitive Beeinträchtigungen6. Auch berufliche und finanzielle Folgen Rund ein Drittel der Betroffenen beendet mit Beginn einer ICI-Therapie die Berufstätigkeit7. In einer deutschen Studie zum Thema „return to work“ konnte gezeigt werden, dass etwa 70 Prozent aller Langzeitüberlebenden in ihren Beruf zurückkehrten; bei 90 Prozent davon erfolgte die Rückkehr innerhalb der ersten zwei Jahre nach der Krebsdiagnose8. In einer eigenen, innerhalb der ADO durchgeführten, Patientenbefragung unter Langzeitüberlebenden* berichteten etwas mehr als 20 Prozent der Teilnehmenden jedoch über finanzielle Probleme im Zusammenhang mit ihrer Melanom-Erkrankung. Mehr als 40 Prozent der berenteten Patientinnen und Patienten gaben an, die Berentung sei aufgrund der Melanom-Diagnose vorzeitig vorgenommen worden. Darüber hinaus gaben etwas mehr als 30 Prozent an, dass ihre Freizeitaktivitäten durch die Diagnose eingeschränkt wurden. Etwas mehr als 20 Prozent hatten während ihrer Krankheit eine Strahlentherapie wegen Hirnmetastasen erhalten. Jeder Fünfte dieser Patienten berichtete über persistierende Beschwerden, in erster Linie Konzentrationsstörungen. *nach Eintritt in das metastasierte Stadium IV und einem Überleben von mindestens fünf Jahren Fazit: Etablierung von Survivorship-Programmen für Langzeitüberlebende notwendig All diese Daten unterstreichen die dringende Notwendigkeit der Etablierung von Survivorship-Programmen, um sicherzustellen, dass Langzeitüberlebende bestmögliche Unterstützung erhalten. Dazu können geeignete Rehamaßnahmen gehören, ebenso wie die psychoonkologische oder psychotherapeutische Begleitung und eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Fachärztinnen und Fachärzten aus der Endokrinologie/Rheumatologie. Für Betroffene ist es häufig nicht einfach, den Weg zurück in „ihr altes Leben“ zu finden. Hier ist unsere Unterstützung gefragt. Highlight-Sitzung „Survivorship bei Hautkrebs“ Donnerstag, 19.02. 15:00 bis 16:30 Uhr, Raum M4-5 Prof. Dr. Andrea Forschner ist Oberärztin und Leitung der Melanomambulanz am Universitätsklinikum Tübingen. Außerdem ist sie Ärztliche Koordinatorin des Zentrums für Dermatoonkologie am Comprehensive Cancer Center Tübingen-Stuttgart. Referenzen 1. Wolchok JD et al. Final, 10-Year Outcomes with Nivolumab plus Ipilimumab in Advanced Melanoma. N Engl J Med. 2025;392(1):11-22. 2. Eggermont AMM et al. Adjuvant Pembrolizumab versus Placebo in Resected Stage III Melanoma. N Engl J Med. 2018;378(19):1789-801. 3. Weber J et al. Adjuvant Nivolumab versus Ipilimumab in Resected Stage III or IV Melanoma. N Engl J Med. 2017;377(19):1824-35. 4. Reitmajer M et al. Psychosocial distress and persistent adverse events in long-term survivors of stage IV melanoma – a cross-sectional questionnaire study. J Dtsch Dermatol Ges. 2025;23(7):832-42. 5. Patrinely JR et al. Chronic Immune-Related Adverse Events Following Adjuvant Anti-PD-1 Therapy for High-risk Resected Melanoma. JAMA Oncol. 2021;7(5):744-8. 6. Güven DC et al. Survivorship outcomes in patients treated with immune checkpoint inhibitors: a scoping review. J Cancer Surviv. 2025;19(3):806-45. 7. Candido W et al. Quality of life, neurocognitive functioning, psychological issues, sexuality and comorbidity more than 2 years after commencing immune checkpoint inhibitor treatment. J Immunother Cancer. 2025;13(3). 8. Arndt V et al. Return to work after cancer. A multi-regional population-based study from Germany. Acta Oncol. 2019;58(5):811-8.
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