Lassen sich die neurologischen Folgen einer Chemotherapie verhindern?

Paclitaxel ist hochwirksam gegen das Tumorwachstum, kann jedoch zu Chemotherapie-induzierter Polyneuropathie führen. (Quelle: © bacsica – stock.adobe.com)

Eine multizentrische Studie unter Federführung der Charité – Universitätsmedizin Berlin will herausfinden, ob eine präventive Lithiumgabe während der Chemotherapie neurologische Beschwerden bei Brustkrebspatientinnen lindern oder sogar ganz verhindern kann.

Ein wichtiger Wirkstoff bei der Behandlung von Brustkrebspatientinnen ist das Medikament Paclitaxel. Es wird aus der Baumrinde der pazifischen Eibe gewonnen und ist hochwirksam gegen das Tumorwachstum. Manche Patientinnen leiden jedoch unter neurologischen Nebenwirkungen oder sogar dauerhaften Spätfolgen: Ihre Konzentration und das Gedächtnis lassen nach, sie leiden unter schmerzhaften Missempfindungen in Händen und Füßen, Feinmotorik oder Gang sind gestört. Diese Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie (CIPN) tritt bei mehr als der Hälfte der mit Paclitaxel behandelten Brustkrebspatientinnen auf und schränkt deren Lebensqualität nachhaltig ein. Zudem führt CIPN häufig dazu, dass die Dosis von Paclitaxel verringert oder gar die Chemotherapie vorzeitig abgebrochen werden muss, was den Behandlungserfolg reduziert.

Ein Forschungsteam an der Charité um Prof. Matthias Endres untersucht nun, wie die neurologischen Nebenwirkungen der Therapie mit Paclitaxel reduziert oder idealerweise komplett verhindert werden können. Der Direktor der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie leitet die Studie PREPARE, in der untersucht wird, ob den Paclitaxel-bedingten neurologischen Nebenwirkungen mit Lithium vorgebeugt werden kann.

Im Labor konnte das Team bereits zeigen, dass die Gabe von Paclitaxel zu einem Anstieg von Kalzium in Nervenzellen führt, was in diesen Zellen den programmierten Zelltod auslöst. Dieser Kalziumanstieg kann durch Lithiumionen verringert werden, was die Nervenzellen vor einer Schädigung durch Paclitaxel schützt. Im Tiermodell konnten die Wissenschaftler bestätigen, dass die vorbeugende Gabe von Lithiumcarbonat verhinderte, dass sich CIPN entwickelte.

In der PREPARE-Studie soll nun erstmals überprüft werden, ob die Gabe von Lithiumcarbonat auch bei Brustkrebspatientinnen, die eine Chemotherapie mit Paclitaxel erhalten, der Entwicklung von Neuropathien vorbeugt. PD Dr. Petra Hühnchen und PD Dr. Wolfgang Böhmerle, ebenfalls von der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie, koordinieren die multizentrische, randomisierte, doppeltverblindete und placebokontrollierte Studie. Lithiumcarbonat wird seit vielen Jahrzehnten vor allem in der Behandlung von Depressionen oder bipolaren Störungen erfolgreich eingesetzt.

Auf Basis der Laborstudien konnten die Wissenschaftler um Endres die PREPARE-Studie vorbereiten und zum April dieses Jahres starten. „Durch die umfangreiche Förderung durch das SPARK-BIH-Programm konnten wir grundlegende Voruntersuchungen durchführen und im Tiermodell zeigen, dass die Gabe von Lithiumcarbonat das Auftreten neurologischer Nebenwirkungen während der Chemotherapie verhindern kann, ohne dass die Wirksamkeit von Paclitaxel beeinträchtigt wird“, sagt der Neurologe. „Die Ergebnisse waren so überzeugend, dass wir mit unserem Forschungsansatz nun in die erste klinische Phase eintreten können. Lithiumcarbonat hat aus unserer Sicht großes Potenzial, die medizinische Praxis der Chemotherapie mit Paclitaxel bei Brustkrebs und womöglich auch bei anderen Krebserkrankungen langfristig zu verändern.“