Lebenserwartung: Wie viel Einfluss haben die Gene?4. Februar 2026 Unsere Gene beeinflussen unsere Lebensspanne. Allerdings sind auch unser Verhalten und Umweltfaktoren maßgeblich entscheidend. Symbolbild: Parradee/stock.adobe.com Laut einer neuen Studie, ist der Einfluss unserer Gene auf unsere Lebensspanne deutlich größer als bisher vermutet. Für einzelne Personen sind die Ergebnisse jedoch eher von geringer Bedeutung – unser Verhalten und Umweltfaktoren bleiben ebenso entscheidend. Gene könnten etwa die Hälfte der Unterschiede des Sterbealters zwischen Menschen erklären, wenn äußere Todesursachen wie Unfälle oder Infektionskrankheiten herausgefiltert werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Modellierungsstudie, die kürzlich im Fachjournal „Science“ erschienen ist. Bisherige Studien gingen von einem genetischen Anteil von etwa 20 bis 25 Prozent aus. Diese untersuchten vor allem historische Zwillingskohorten, die aber potenzielle Störfaktoren beinhalteten, so die Forschenden der „Science“-Studie. Extrinsische versus intrinsische Todesursachen Um genauer auf die Vererbbarkeit der Lebensspanne schließen zu können, unterscheidet das Forschungsteam der aktuellen Studie zwischen intrinsischen und extrinsischen Todesursachen. Ersteres bezieht sich auf körperliche Prozesse wie genetische Mutationen oder den physiologischen Alterungsprozess. Zweiteres umfasst neben Unfällen und Infektionskrankheiten auch beispielsweise Tötungen oder Umweltgefahren. Diese äußeren Todesursachen würden die Rolle der Genetik bei der Vererbbarkeit der Lebensspanne verzerren, so die Autorinnen und Autoren. Rechnet man diese extrinsischen Todesursachen heraus, ergibt sich, dass genetische Faktoren tatsächlich für etwa 50 Prozent der Variabilität der Lebensspanne verantwortlich sind. Das zeige sich anhand von Modellierungen dreier Studien aus Skandinavien, die die Lebenserwartung bei Zwillingen untersuchte. Dabei wurden knapp 14.000 Geschwisterpaare analysiert, die zwischen 1870 und 1935 geboren wurden und mindestens 15 Jahre alt wurden1-3. Die Ergebnisse wurden mit einer US-amerikanischen Kohorte von Geschwistern Hundertjähriger kontrolliert4. In allen Kohorten zeige sich, dass die Unterschiede in der Lebenserwartung zu etwa 50 Prozent durch die Gene erklärt werden können – wenn extrinsische Todesursachen herausgerechnet würden. Keine Rückschlüsse auf einzelne Individuen „Dies ist grundsätzlich nicht überraschend, da die maximale Lebensspanne von Säugetieren genetisch bedingt ist: Mäuse leben nur wenige Jahre, andere Arten wie der Grönlandwal jedoch bis zu 200 Jahre. Diese Unterschiede lassen sich nicht allein durch Umwelt oder Lebensstil erklären, da selbst unter optimalen Bedingungen eine artspezifische Obergrenze besteht“, ordnet Dr. Chiara Herzog die aktuellen Erkenntnisse ein. Sie ist wissenschaftliche Mitabeiterin am Department für Zwillingsforschung und Genetische Epidemiologie des King’s College London und war nicht an der Studie beteiligt. „Auch unter besten Haltungsbedingungen kann eine Maus nach heutigem Kenntnisstand keine 200 Jahre alt werden“, fährt Herzog fort. Ihrer Ansicht nach sei es deshalb entscheidend, die neuen Ergebnisse im richtigen Kontext zu interpretieren. Vererblichkeit sei eine populationsbasierte Kenngröße und erlaube keine direkten Rückschlüsse auf einzelne Personen. Die neuen Ergebnisse sind also kein Freifahrtsschein. Direkte Auswirkungen haben sie auf uns zunächst erstmal nicht. „Auf individueller Ebene spielen Verhaltensfaktoren wie Bewegung, Ernährung, und soziale Einbindung ebenso wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen – etwa der Zugang zu sauberer Luft, Wasser, und Grünflächen – weiterhin eine zentrale Rolle, nicht nur dafür wie lange, sondern auch wie gesund wir innerhalb dieser Zeit leben“, so Herzog. Einfluss von nicht-erblichen Faktoren bleibt hoch Dieser Meinung ist auch Prof. Steve Hoffmann, Leiter der Arbeitsgruppe Bioinformatik für Alterungsprozesse am Leibniz-Institut für Alternsforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI) in Jena.„Die vorliegende Schätzung ist lediglich ein Anhaltspunkt für eine ‚durchschnittliche‘ Vererbbarkeit der Lebensspanne. Ob dieser Anteil nun bei 25 Prozent oder bei 50 Prozent liegt, der Einfluss nicht-erblicher Faktoren bleibt auch nach dieser Schätzung hoch.“ Darüber hinaus machten mathematische Modelle häufig die vereinfachende Annahme, dass intrinsische und extrinsische Faktoren strikt unabhängig voneinander sind. „In der Realität können genetische und externe Faktoren jedoch in komplexer Weise zusammenwirken – sowohl in förderlicher als auch nachteiliger Weise“, ergänzt Hoffmann. Beispielsweise können sich Umweltfaktoren auf das Epigenom eines Menschen auswirken und dadurch auch vererbt werden. Inwiefern diese Faktoren sich auf die intrinsische Mortalität auswirken, bleibt unklar. Die neuen Ergebnisse seien deshalb kein Argument, individuelle oder gesellschaftliche Präventionsmaßnahmen zu vernachlässigen, findet Herzog. Vielmehr würden sie neue Möglichkeiten eröffnen, genetische Faktoren der Langlebigkeit besser zu verstehen und die zugrundeliegenden biologischen Mechanismen zu entschlüsseln. Langfristig könnten daraus neue Ansätze für Prävention und Therapie entstehen. (mkl/BIERMANN)
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