Lebensqualität unter aktuellen Therapien für metastasiertes hormonsensitives Prostatakarzinom11. März 2022 Prostatakrebs-Therapie und gute Lebensqualität: Nicht unbedingt ein Widerspruch. Foto: VictorHugo – stock.adobe.com Zwei aktuelle Publikationen im “Journal of Clinical Oncology” berichten detailliert über die Entwicklung der Lebensqualität bei Patienten, die wegen eines metastasierten hormonsensitiven Prostatakarzinoms (mHSPC) behandelt werden. Knapp zusammengefasst, lässt sich konstatieren: Unter Abirateronacetat plus Prednison/Prednisolon (AAP) verbesserte sich die Lebensqualität nach zwei Jahren im Vergleich zu Docetaxel, jedoch nicht in dem Maße, das die Studienautoren zuvor als ausschlaggebend festgelegt hatten. Enzalutamid verschlechterte im Vergleich zur Kontrolltherapie zunächst einige Faktoren der Lebensqualität, aber nicht den Gesamtwert. Betrachtet man den Gesamteffekt, in den auch das Potenzial von Enzalutamid einfließt, die Progression hinauszuzögern, ergibt sich keine Verschlechterung. Abirateron versus Docetaxel Die Gruppe um Dr. Ruth E. Langley vom University College in London (Großbritannien) untersuchte die Lebensqualität bei Männern mit mHSPC, die in der STAMPEDE-Studie nach dem Zufallsprinzip Docetaxel oder Abirateron erhalten hatten (jeweils zusätzlich zur Standardbehandlung). Zur Bewertung der Lebensqualität nutzten sie ein gemischtes Modell, d.h. die Patienten mussten mindestens einen der zwei validierten Fragebögen der European Organisation for Research and Treatment of Cancer (EORTC) ausgefüllt haben: den Kernfragebogen zur Lebensqualität (QLQ-C30) und/oder das krankheitsspezifische Modul für Prostatakrebs (QLM-PR25). Der primäre Endpunkt war der Unterschied in der Gesamt-Lebensqualität zwei Jahre nach Randomisierung, mit einem vordefinierten Kriterium für einen klinisch bedeutsamen Unterschied von >4,0 Punkten. Zu den sekundären Ergebnismessungen gehörten Längsvergleiche von Funktionsbereichen, Schmerzen und Müdigkeit sowie die Gesamt-Lebensqualität zu definierten Zeitpunkten. 515 Patienten (173 Docetaxel und 342 AAP) wurden in die Analyse eingeschlossen. Die Ausgangsmerkmale, der Anteil fehlender Daten und der mittlere Score der Gesamt-Lebensqualität (Docetaxel 77,8 und AAP 78,0) waren in beiden Gruppen zu Studienbeginn ähnlich. Nach zwei Jahren war die Gesamt-Lebensqualität bei den AAP-Patienten um 3,9 Punkte (95%-Konfidenzintervall [KI] 0,5-7,2; p=0,022) höher als bei den Docetaxel-Patienten. Damit wurde der vordefinierte Wert für klinische Signifikanz knapp verfehlt. Übertroffen wurde die Grenze jedoch im ersten Jahr (+5,7 Punkte; 95%-KI 3,0-8,5; p<0,001), insbesondere zu den Zeitpunkten 12 Wochen (+7,0 Punkte; 95% KI 3,0-11,0; p=0,001) und 24 Wochen (+8,3 Punkte; 95%-KI 4,0-12,6; p<0,001). Enzalutamid versus Bicalutamid, Nilutamid oder Flutamid Dr. Martin B. Stockler von der University of Sydney (Australien) und Kollegen analysierten die gesundheitsbezogene Lebensqualität (health-related quality of life, HRQL) bei mHSPC-Patienten in der ENZAMET-Studie. Hierin waren 1125 Patienten per Zufall einer Behandlung mit Enzalutamid im Vergleich zu einer aktiven Kontrolle (Bicalutamid, Nilutamid oder Flutamid nach Wahl des Arztes) zugeteilt worden. Die Patienten bewerteten ihre HRQL in den Wochen 0, 4, 12 und dann alle 12 Wochen bis zur Progression mit dem Fragebogen QLM-PR25. Um die Gesamteffekte der Behandlung zu eruieren, entwickelten die Autoren den Endpunkt “verschlechterungsfreies Überleben” (deterioration-free survival, DFS). Hierzu zählte das jeweils früheste Ereignis von Tod, klinischer Progression, Abbruch der Studienbehandlung oder Verschlechterung von 10 Punkten oder mehr gegenüber dem Ausgangswert in Bezug auf Müdigkeit, körperliche Funktion, kognitive Funktion oder allgemeine Gesundheit und Lebensqualität (overall health and quality of life, OHQL). HRQL ließ sich bei 1042 von 1125 Teilnehmern (93%) beurteilen. Die Kontrollbehandlung schnitt signifikant besser ab als Enzalutamid in Bezug auf Müdigkeit (+5,2; 95%-KI 3,6-6,9; p<0,001), kognitive Funktion (+4,0; 95%-KI 2,5-5,5; p<0,001) und körperliche Funktion (+2,6; 95%-KI 1,3 bis 3,9; p< 0,001), aber nicht in Hinblick auf OHQL (+1,2; 95%-KI -0,2 bis 2,7; p=0,1). Die DFS-Raten nach 3 Jahren und die Log-Rank-p-Werte im Vergleich der gesamten Verteilungen begünstigten Enzalutamid gegenüber der Kontrolle für OHQL (31% vs. 17%; p<0,0001), kognitive Funktion (31% vs. 20%; p=0,001) und körperliche Funktion (31% vs. 22%; p<0,001), aber nicht in Bezug auf Müdigkeit (24% vs. 18%; p=0,16). Die Wirkungen von Enzalutamid auf die HRQL waren unabhängig von den Ausgangswerten. “Enzalutamid war mit einer Verschlechterung der selbst berichteten Müdigkeit, der kognitiven Funktion und der körperlichen Funktion verbunden, jedoch nicht der OHQL”, fassen die Autoren zusammen. “Enzalutamid war mit einem verbesserten DFS für OHQL, körperliche Funktion und kognitive Funktion verbunden, da Verzögerungen im Krankheitsverlauf frühere Verschlechterungen in diesen Aspekten der HRQL überwogen.” Stimme des Patienten wird zunehmend berücksichtigt Im Editorial der aktuellen Ausgabe kommentieren Dr. Hannah E. Dzimitrowicz und Dr. Andrew J. Armstrong vom Duke Cancer Institute Center for Prostate and Urologic Cancers der Duke University in Durham (NC, USA) die beiden Studien. Sie heben hervor, wie bedeutend von den Patienten selbst berichtete Angaben über Nebenwirkungen und Lebensqualität sind: “Bei der Meldung symptomatischer unerwünschter Ereignisse ist die Übereinstimmung zwischen verschiedenen Ärzten nicht zuverlässig und häufig werden die Inzidenz und Schwere der Symptome im Vergleich zu den direkten Berichten der Patienten nicht ausreichend angegeben.” Sie loben die Autoren der beiden Veröffentlichungen für die detaillierten Angaben zur Lebensqualität. Ihre Artikel würden zeigen, “dass Verbesserungen des Überlebens durch neue Therapien für Patienten mit mHSPC nicht mit einer signifikanten Beeinträchtigung der Lebensqualität einhergehen müssen”, so ihr hoffnungsvolles Fazit. “Diese Daten wirken sich direkt auf die komplexen, vielschichtigen Behandlungsentscheidungen unter den verschiedenen, gleichermaßen wirksamen Optionen in diesem Umfeld aus, indem sie den Wert der Patientenstimme in Bezug auf die langfristigen Ergebnisse der Lebensqualität einbeziehen und betonen.” (ms)
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