Leitlinie „Neurologische Manifestationen bei COVID-19“ erweitert und aktualisiert20. Dezember 2021 Foto: ©wladimir1804 – stock.adobe.com Die aktualisierte Leitlinie „Neurologische Manifestationen bei COVID-19“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologe gibt Anleitungen zum Vorgehen in der ambulanten und stationären Behandlung. Nun wurden auch Kapitel zum Post-COVID-Syndrom und zu den SARS-CoV-2-Impfungen in das Werk aufgenommen. Bei COVID-19 können zahlreiche neurologische Manifestationen und Komplikationen auftreten. Am häufigsten sind Enzephalopathien zu finden (auf Intensivstation bis zu 50 %), die deutlich mit der Mortalität assoziiert sind, gefolgt von Schlaganfällen, Enzephalitiden und neuromuskulären Symptomen. Im August 2020 erschien die Erstveröffentlichung der Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der „Neurologischen Manifestationen bei COVID-19“, deren umfassende Aktualisierung nun, wieder unter Federführung von Prof. Peter Berlit, Berlin, publiziert wurde (Entwicklungsstufe S1, Living Guideline – Version 3). Herausgeber ist die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin (DGNI), der Deutschen Gesellschaft für Neurorehabilitation (DGNR) und der Deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC). Die S1-Leitlinie richtet sich an alle Behandelnden von COVID-19-Erkrankten und an alle weiteren an der Versorgung beteiligten Berufsgruppen. Enthalten sind Handlungsempfehlungen für den ambulanten und stationären Bereich bei neurologischen COVID-19- Manifestationen und für chronisch-neurologisch Erkrankte mit und ohne SARS-CoV-2-Infektion. Alle Themenbereiche der Leitlinie wurden überarbeitet und teilweise erweitert. Neu sind unter anderem die Kapitel zum Post-COVID-Syndrom und zum Umgang mit möglichen Komplikationen nach SARS-CoV-2-Impfungen. Long- und Post-COVID-19-Syndrom Wenn Symptome länger als vier Wochen nach der COVID-19-Akutphase persistieren, spricht man von Long-COVID. Ein spezielles Krankheitsbild ist das Post-COVID-Syndrom, bei dem mehr als drei Monaten nach der Infektion häufig neurologische Symptome wie Gedächtnisstörungen, Fatigue, Riech- und Schmeckstörungen, Kopfschmerzen, Myalgien und/oder Neuropathien bestehen. Das Auftreten scheint unabhängig von der Schwere der Akutinfektion zu sein. Bei Post-COVID- Betroffenen sollte der Leitlinie zufolge immer eine umfassende Diagnostik erfolgen, um die Pathogenese zu klären und ursächliche andere neurologische Krankheitsbilder abzugrenzen. Die Pathogenese ist bislang nicht abschließend geklärt. Verschiedene Hypothesen werden untersucht, von fortbestehenden Entzündungsprozessen bis zu virusgetriggerten, immunvermittelten Mechanismen. Bei Hinweisen auf ein autoimmunes Geschehen ist eine immunmodulatorische Behandlung möglich; insgesamt wird eine interdisziplinäre Herangehensweise empfohlen. COVID-19-Impfungen Grundsätzlich wird die Impfung zum Schutz vor COVID-19 auch, beziehungsweise gerade bei vorbestehenden neurologischen Erkrankungen empfohlen – sie ist auch unter laufenden Immuntherapie sinnvoll und sicher (wie beispielsweise bei Multipler Sklerose). Für bestimmte Immunsuppressiva schlägt die aktuelle Leitlinienfassung geeignete Impfstrategien vor (z. B. kürzere Impfabstände). Insgesamt sei bislang milliardenfach gegen COVID-19 geimpft worden und abgesehen von den typischen unspezifischen Impfreaktionen an den ersten beiden Tagen seien die mRNA- und Vektorimpfstoffe nebenwirkungsarm, erklärte die DGN. Im Zusammenhang mit COVID-19-Impfungen seien sehr selten neurologische beziehungsweise neuromuskuläre Nebenwirkungen oder Komplikationen beschrieben worden. Dazu gehören etwa Fazialisparesen oder ein Guillain-Barré-Syndrom. Eine Besonderheit stelle die Vakzin-induzierte immun-thrombotische Thrombozytopenie (VITT) dar, die sehr selten nach Gabe von Vektorimpfstoffen auftreten und zu Hirnvenen- (bzw. Sinus-) Thrombosen führen könne, erklärte die Fachgesellschaft. Das Risiko sei etwa zehnmal höher als bei mRNA-Impfstoffen, aber wesentlich niedriger als die Wahrscheinlichkeit, eine Thrombose durch die COVID-19-Erkrankung zu erleiden. Die rechtzeitige Therapie einer VITT könne Hirnvenenthrombosen verhindern; klinisch hinweisend seien starke Kopfschmerzen und eine erniedrigte Thrombozytenzahl (sowie die spezifischen Plättchenfaktor-4-Antikörper). “Wir sind sehr froh, allen Kolleginnen und Kollegen, die neurologisch symptomatische COVID-19-Kranke behandeln, diese Leitlinie zur Seite stellen zu können, zumal viele Aspekte der SARS-CoV-2-Infektion neu sind und sich von früheren neuroinfektiologischen Erfahrungen unterscheiden“, sagte Berlit, Generalsekretär der DGN. „Für viele Betroffene mit chronischen neurologischen Erkrankungen ist es wichtig, die Fakten zur COVID-19-Erkrankung zu kennen, beispielsweise, dass bei fast allen präexistenten neuroimmunologischen und neuromuskulären Erkrankungen kein generell erhöhtes SARS-CoV-2-Infektionsrisiko besteht, wenn die grundlegenden Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden. Darüber hinaus ist es uns wichtig hervorzuheben, dass auch neurologische Patientinnen und Patienten unter Immuntherapien von der Impfung profitieren, hier gibt es seitens der Betroffenen und ihrer Betreuer noch immer viele Vorbehalte und Unsicherheiten.”
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