Leitlinien-Update zur invasiven Parkinson-Therapie

Foto: © Teeradej – stock.adobe.com

Die etablierte medikamentöse Therapie des Morbus Parkinson stößt im Verlauf der Erkrankung oft an ihre Grenzen. Invasive Therapien werden daher stärker denn je weiterentwickelt und in Studien evaluiert – allen voran die Tiefe Hirnstimulation. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) verweist daher auf ein aktuelles Leitlinien-Update der europäischen Fachgesellschaften EAN und MDS.

Die Therapie des Morbus Parkinson erfolgt in der Regel zunächst medikamentös mit oralem Dopamin (L-Dopa) oder mit Substanzen, die den Abbau des Dopamins hemmen (COMT-Hemmer und MAO-B-Hemmer). Bei fortschreitender Erkrankung verschlechtert sich die Medikamentenwirkung jedoch oft, es treten motorische Fluktuationen, Freezing oder unkontrollierte Bewegungen (Hyperkinesie, Dyskinesie) auf.

In fortgeschrittenen Stadien können der DGN zufolge invasive Therapieverfahren die motorischen Symptome und die Lebensqualität deutlich verbessern. Dazu gehören die Technik der Tiefen Hirnstimulation (deep brain stimulation/DBS), die heute für geeignete Krankheitssituationen zur Routine gehört. Die kontinuierliche Zufuhr von Medikamenten (als Pumpentherapien, z. B. die subkutane Gabe von Apomorphin oder  die Gabe von „LCIG= Levodopa/Carbidopa  (LCIG) in den Dünndarm über einen dauerhaft gelegten Schlauch durch die Bauchdecke wird ebenfalls eingesetzt. Neu ist der MRT-gesteuerter fokussierte Ultraschall (MRgFUS), ein läsionelles Verfahren, das von außen durch die geschlossene Schädeldecke zur Anwendung kommt. Die gezielte Thermokoagulation durch erhitzbare Elektroden in verschiedenen Hirnstrukturen (z. B. Pallidotomie, Thalamotomie) gehört zu den älteren, kaum noch eingesetzten operativen Verfahren.

Die erste europäische Leitlinie für die Behandlung der Parkinson-Erkrankung wurde 2006 veröffentlicht, inzwischen erfolgt durch die EAN (European Academy of Neurology) in Zusammenarbeit mit der internationalen MDS (Movement Disorder Society – European Section) regelmäßig ein Update nach der GRADE-Methodik, bei der sowohl die Wirkungsstärke der Therapien graduiert werden als auch die  Zuverlässigkeit, mit der diese Aussagen gelten.

Aktuell wurde der erste Teil eines Updates der Behandlungsleitlinien zum Thema invasive Therapien des M. Parkinson publiziert. Die Arbeitsgruppe erstellte unter Federführung von Prof. Günther Deuschl (Kiel) evidenzbasierte Empfehlungen, die sich auf die Evaluierung der Studienlage im Hinblick auf Outcomeparameter wie Linderung motorischer Symptome, Nebenwirkungen und Lebensqualität stützen. Wo keine studienbasierte Evidenz vorhanden war, formulierte die Expertengruppe Konsensempfehlungen.

Invasive Therapien sind bestimmten Patientengruppen mit spezifischen Profilen vorbehalten – meist Betroffenen mit fortgeschrittener Parkinson-Erkrankung. Der Einsatz der Maßnahmen muss für jeden Einzelfall in einem spezialisierten Zentrum eingeschätzt werden. Alle Neurologen und Allgemeinärzte müssen aber die Einsatzgebiete für diese Therapien kennen, da diese bei den richtigen Patienten einen substanziellen Mehrwert gegenüber der rein medikamentösen Behandlung erzielen. Die wichtigsten evidenzbasierten Empfehlungen sind:

  • Die Tiefe Hirnstimulation des Nucleus subthalamicus (STN-DBS) wird für fortgeschrittene Stadien mit Fluktuationen, die mit oralen Medikamenten nicht zufriedenstellend kontrolliert werden können, als effektivste, am besten untersuchte, interventionelle Behandlungsmöglichkeit eingeordnet. Diesen Betroffenen sollte die STN-Stimulation oder als Alternative die elektrische Stimulation des Globus pallidus internus (GPi) angeboten werden.
  • Auch in frühen Stadien bei geeigneten Patienten, die erst seit kurzem Fluktuationen entwickelt haben, ist die STN-THS besser wirksam als die rein medikamentöse Behandlung.
  • LCIG- oder Apomorphin-Pumpen kommen für diese klinische Situation in Betracht, wenn stark behindernde Fluktuationen vorliegen, wobei die Apomorphinbehandlung keine Wirkung auf die Lebensqualität gezeigt hat.
  • Bei Betroffenen mit einseitiger Parkinson-Erkrankungen kommt eine einseitige MRgFUS des Subthalamus in Betracht (aufgrund der limitierten begrenzten Datenlage dieser neuen Therapie nur innerhalb von Registern/Studien).
  • Wenn die tiefe Hirnstimulation oder eine Pumpentherapie nicht geeignet sind, kann eine unilaterale Pallidotomie mit Thermokoagulation erwogen/angeboten werden.
  • Die Behandlung mit läsionellen Verfahren sowohl mit der Thermokoagulation wie auch mit der gezielten Gamma-Strahlung wird sonst nicht empfohlen.

„Die Leitlinien geben einen detaillierten Überblick zur Evidenz invasiver Therapien bei unterschiedlichen Betroffenengruppen. Die neue GRADE-Methodik erlaubt eine sehr viel spezifischere Darstellung der Nachteile und Vorzüge dieser Therapien. Sie werden damit transparenter für Neurologinnen und Neurologen sowie für Allgemeinärztinnen und Allgemeinärzte, damit sie Betroffenen über die Therapien zum frühestmöglichen Zeitpunkt informieren können. Sie entscheiden darüber, ob Patientinnen und Patienten zum richtigen Erkrankungszeitpunkt der Weg zu diesen modernen Behandlungsmaßnahmen ermöglicht wird“, kommentiert Deuschl abschließend. „Wir hoffen, dass dadurch die Verfahren in die Breite getragen werden und so mehr Betroffene von den Vorteilen invasiver Therapieverfahren im Hinblick auf ihre Lebensqualität profitieren werden.“