Lese- und Rechtschreibschwäche können unabhängig voneinander auftreten24. Juli 2018 Lese- und Rechtschreibschwächen können auch unabhängig voneinander auftreten, wie EntwicklungspsychologInnen herausgefunden haben. (Foto: © Christian Schwier – Fotolia.com) In einem gemeinsamen Projekt haben Forscher der Universitäten Graz und München die Legasthenie als häufigste Lernstörung im Grundschulalter untersucht. Sie konnten auf Ebene des Gehirns und des Verhaltens Ursachen für Leseschwäche aufzeigen, die unabhängig von Rechtschreibschwäche auftreten kann. Im Schnitt sind pro Schulklasse ein bis zwei Kinder von einer Lese-Rechtschreibschwäche betroffen. Lange ging man davon aus, dass die beiden Schwächen stets gemeinsam auftreten. In jüngster Zeit mehren sich aber die Hinweise, dass nicht alle Kinder, die Probleme beim Lesen haben, sich auch mit Rechtschreibung schwertun und umgekehrt. So steht es auch im aktuellen Diagnosemanual (ICD11) der Weltgesundheitsorganisation WHO. „Wir fanden es spannend, dass es Kinder gibt, die wissen wie man Wörter schreibt, sich aber dennoch mit dem Lesen abmühen“, erklärte Entwicklungspsychologin Karin Landerl von der Universität Graz. Intuitiv würde man glauben, dass Lesen einfacher ist: Die einzelnen Buchstaben werden zusammen gelautet und man muss zunächst nicht wissen, wie ein Wort geschrieben wird. Einfache Begründungen gehen an den Ursachen der verschiedenen Lernstörungen jedoch vorbei. Material & Methodenvielfalt für komplexe Fähigkeiten Ein Forschungsteam der Universitäten in München und Graz hat sich in einem gemeinsamen Projekt Gehirnfunktion und Verhalten bei der Schriftsprach-Verarbeitung genau angesehen. Die gekoppelte Forschung war unter anderem notwendig, um aussagekräftige Stichproben zu rekrutieren. Untersucht und verglichen wurden vier Gruppen, insgesamt rund 200 Kinder zwischen der 3. und 4. Schulstufe. Je ein Viertel der Untersuchten zeigte eine altersgemäße Entwicklung bei Lesen/Rechtschreibung (Kontrollgruppe), eine kombinierte Lese- und Rechtschreibschwäche oder nur eine der beiden Schwächen. Die Datenerhebung erfolgte zum einen mit Standardtests, zum anderen mit Material, das passgenau für experimentelle Annahmen entwickelt wurde. Verhalten und strukturelle/funktionale Gehirnverarbeitung wurden mit drei Methoden erfasst: Eye-Tracking (Augenbewegungen), EEG und Magnetresonanz-Tomografie. Wörterbuch vorhanden, Zugriff erschwert Bisherige Erklärungen für die Leseschwäche fußten auf der Annahme, dass die Kinder sich nicht merken, wie die Wörter aussehen. Es würde kein „Wörterbuch“ im Gehirn angelegt auf das sie zugreifen können, sodass jedes Wort immer neu und lautierend erlesen werden muss. „Die Annahme, dass die Kinder in dieser Leseanfänger-Strategie steckenbleiben, lässt sich nicht halten. Auch leseschwache Kinder bauen ein Schriftwortlexikon auf, nützen es aber nicht sehr gut“, erklärte Karin Landerl. Untersucht wurde dieser Zusammenhang mit echten Wörtern und Pseudo-Hormophonen: „Letztere klingen wie ein existierendes Wort, sehen aber nicht so aus, etwa Vater geschrieben mit F. Wenn nur lautiert würde, würden wir keinen Unterschied sehen. Aber auch leseschwache Kinder zeigten hier Verarbeitungsunterschiede. Sie sehen länger hin und die Lesezeiten sind messbar erhöht“, erklärte die Entwicklungspsychologin. Im Gehirn der Kinder mit Lese- und/oder Rechtschreibstörungen zeigen sich klare Auffälligkeiten in Struktur und Funktion, die schon vor der Geburt angelegt wurden: „Das bedeutet auch, dass man ‚quick fix’-Therapien ad acta legen kann. Zwei Monate intensiv üben und fertig, funktioniert nicht. Es ist eine ernsthafte Beeinträchtigung, die Kinder dauerhaft begleitet und mit der sie umgehen lernen müssen.“ Erkenntnisse für Diagnose und Therapie Das Team hat Empfehlungen für Diagnose und Unterstützung erarbeitet: „Wenn man die schriftsprachlichen Leistungen eines Kindes feststellen will, muss man immer beides anschauen. Wenn nur ein Rechtschreibtest durchgeführt wird, könnte eine isolierte Leseschwäche übersehen werden“, betonte Landerl.
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