Lipide verraten Schizophrenie16. Februar 2023 Foto: © James Thew – stock.adobe.com Auf der Suche nach Biomarkern für schwere psychische Erkrankungen untersuchten Forschende des LMU Klinikums das Lipidprofil von Patienten und wurden im Fall der Schizophrenie fündig. Schizophrenie, Depression, bipolare Störung mit wechselnd depressiven und manischen Phasen – drei psychische Erkrankungen, an denen allein in Deutschland Abermillionen Menschen leiden. Diese Erkrankungen rechtzeitig erkennen zu können, am besten noch vor ihrem Ausbruch, ist ein Traum der biologisch-psychiatrischen Forschung. Einen ersten Schritt haben jetzt Forschende des LMU Klinikums um Prof. Thomas G. Schulze und PD Dr. Eva C. Schulte vom Institut für Psychiatrische Phänomik und Genomik (IPPG) zusammen mit internationalen Kollegen gemacht. Sie haben ein Profil verschiedener Fettverbindungen und Moleküle des Fettstoffwechsels gefunden, das auf eine Schizophrenie hinweist. Basis der neuen Studie bildeten drei Kohorten mit insgesamt 1700 Personen aus Deutschland und Österreich sowie aus Russland und China. Bei 1400 waren eine Schizophrenie, Depression oder bipolare Störung diagnostiziert worden. Bei den restlichen 300 Teilnehmenden lag keine psychiatrische Diagnose vor; sie bildeten die Gruppe der gesunden Kontrollpersonen. Jahrelang haben die Forschenden die Kohorten aufgebaut und den Teilnehmern über die Zeit immer wieder Blut abgenommen, sodass umfangreiche Untersuchungen an Blutplasma der Patienten möglich waren. Konkret ging es um Analysen der Gene, der mRNA, der Proteine – und seit einiger Zeit auch der Fette (Lipide), also von Molekülen, „die im weitesten Sinne am Fettstoffwechsel beteiligt sind“, sagte Schulte. Die Fette sind interessant, weil sie einen Großteil der Gehirnsubstanz ausmachen – und den Forschern zufolge allein schon deshalb für Krankheitsprozesse wichtig sein müssen. Hinzu kommt: Lipide bauen die Zellmembran auf, über die ganz viele Signalwege auch des Hirnstoffwechsels laufen. 77 Fette kennzeichnen bestimmte psychiatrische Erkrankungen Und so machte sich das Team mit neuesten Analyseverfahren (Massenspektrometrie) daran, im Blut der Patienten und der gesunden Kontrollen nach markanten Unterschieden bei den Fetten zu suchen. Zentrales Ergebnis: „Wir haben ein Lipidprofil identifiziert, das 77 verschiedene Moleküle umfasst. Und anhand dieses Profils können wir klar Menschen mit der Diagnose einer Schizophrenie von Menschen ohne eine diagnostizierte Schizophrenie unterscheiden“, erklärte Schulte. Die Forschenden sahen aber auch eine große Schnittmenge mit anderen psychiatrischen Erkrankungen. „Wir können überlappende Lipidprofile prinzipiell auch verwenden, um vorherzusagen, wer eine bipolare Störung oder eine Depression hat und wer nicht, aber deutlich schlechter, um Patienten mit unterschiedlichen psychiatrischen Erkrankungen voneinander zu trennen”, sagte die Wissenschaftlerin weiter. Für die sichere Identifizierung von Betroffenen in der Praxis eignen sich die 77 Fette den Forschenden zufolge nicht. „Es ist eine erste Studie und deren Ergebnisse müssen jetzt durch weitere Studien mit anderen Patientenkollektiven bestätigt werden“, erklärte Thomas Schulze. Wichtig wäre zum Beispiel eine Studie mit noch gesunden jungen Menschen, die auf das Lipidprofil getestet würden und dann viele Jahre immer wieder untersucht und auf das Auftreten psychischer Symptome getestet würden. So ließe sich ermitteln, wie gut ein Lipid-Test die Erkrankung wirklich vorhersagen könnte. Typischerweise erkranken Männer um das 20. Lebensjahr an Schizophrenie, Frauen um das 30. Lebensjahr. Ein solcher Test zur Diagnose wäre dann tatsächlich biologisch begründet. Zwar können Experten und Ärzte psychische Erkrankungen heute gut diagnostizieren. Aber die Diagnosekriterien basieren weitgehend auf der Symptomatik, die abhängig von Zeitgeist-getriebenen Interpretationen und damit veränderbar ist. „Was wir zum Beispiel 1950 als bipolare Störung diagnostiziert haben, ist anders als das, was wir heute als bipolare Störung diagnostizieren“, sagt Schulze. Ein valider, biologisch fundierter Test wäre weitaus weniger bis gar nicht anfällig für derlei interpretative Schwankungen.
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