LMU-Studie untersucht Auswirkung der Stigmatisierung auf die Menstruationshygiene in Bangladesch29. Mai 2024 Foto: © Davizro-Photography/stock.adobe.com Silvia F. Castro und Clarissa Mang vom Institut für Volkswirtschaftslehre der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) haben untersucht, wie sich Stigmatisierung in Bangladesch auf die Menstruationshygiene von Frauen auswirkt. Die LMU-Doktorandin Castro untersucht in ihrer Forschung mit Hilfe von Feldversuchen in Unternehmen die Auswirkungen des sozialen Umfelds auf das Verhalten der Unternehmensmitglieder. Ihr besonderes Interesse gilt dem Einfluss des Umfelds auf die organisatorische Dynamik, die Effizienz von Unternehmen und das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter. Im Interview mit der LMU berichtet Castro von den Ergebnissen zu der oben genannten Studie, die in der Fachzeitschrift „Journal of Development Economics“ veröffentlicht wurde. LMU: Welche Probleme haben Frauen in Bangladesch während ihrer Periode? Silvia F. Castro: Sie sind mit einem massiven Stigma rund um das Thema Menstruation konfrontiert. Dieses Stigma gibt es zwar weltweit, aber in vielen Teilen des asiatischen Subkontinents schränkt es den Zugang der Frauen zu den dringend benötigten Menstruationsprodukten ein. Erhebungen in einkommensschwachen Gegenden zeigen, dass die meisten Frauen einfach ein Stück wiederverwendeten Stoff benutzen, um ihre Menstruation zu regeln. Das kann gut funktionieren, wenn der Stoff gründlich gewaschen und getrocknet wird. Da die Frauen jedoch versuchen, ihre Menstruation aufgrund des Stigmas zu verbergen, scheuen sie sich, die Waschmöglichkeiten ihrer Gemeinde zu nutzen oder das Tuch zum Trocknen im Hof aufzuhängen. Stattdessen waschen sie es an Orten, die zwar Privatsphäre bieten, aber unhygienisch sind, wie z. B. auf dem Boden öffentlicher Latrinen. Zu Hause bewahren sie das noch feuchte Tuch auf und versuchen, es geheim zu halten. Das kann zu verschiedenen gesundheitlichen Problemen führen, insbesondere in einem feuchtheißen Land wie Bangladesch. Sind Hygieneartikel aus der Apotheke zu teuer oder zu wenig bekannt? Früher glaubte man, dass mangelndes Wissen oder fehlende finanzielle Mittel die Frauen davon abhalten, auf alternative, im Handel erhältliche Menstruationsprodukte umzusteigen. Doch trotz erheblicher Investitionen in Bildung und Zugangsmöglichkeiten zu menstruationsspezifischen Produkten in den letzten zehn Jahren sind diese noch immer nicht überall angekommen. Meine Arbeitsgruppe hat sich daher mit dem Kauf von Einwegtampons befasst, bei dem die Frauen sich – wieder einmal – mit Stigmatisierung konfrontiert sehen. Apotheken in Bangladesch befinden sich meist an öffentlichen, überfüllten Orten und werden fast ausschließlich von männlichen Verkäufern betrieben. Das hält viele Frauen davon ab, Binden zu kaufen, vor allem in einem sozialen Umfeld, in dem es als unangemessen gilt, dass eine Frau weibliche Hygieneartikel bei einem männlichen Verkäufer kauft. Die Frauen müssen also abwägen zwischen den Vorteilen eines neuen Menstruationsprodukts und dem Unbehagen und der möglichen sozialen Peinlichkeit in einem Geschäft oder einer Apotheke. Wie könnte man diese Situation verbessern? Unsere Hypothese war, dass offene Gespräche über die Menstruation das Tabu aufheben, die Wahrnehmung der Frauen in Bezug auf die Menstruationsgesundheit verändern und ihr Verhalten ändern können. Bislang verhindern das Stigma der Menstruation und das Verheimlichen von allem, was damit zusammenhängt, Gespräche selbst zu Hause zwischen Mutter und Tochter. Wir haben daher untersucht, wie sich eine Enttabuisierung durch einfaches Sprechen über die Periode auf den Umgang der Frauen mit alternativen Menstruationsprodukten auswirken würde. Wie lief die Studie ab? An unserer empirischen Untersuchung nahmen Arbeiterinnen in einer großen Bekleidungsfabrik in Bangladesch teil. Die Frauen der Treatment-Gruppe nahmen an einstündigen Diskussionen mit 15 bis 20 Kolleginnen teil. In dieser sicheren Umgebung wurden sie ermutigt, persönliche Erfahrungen auszutauschen, und sie diskutierten offen und ehrlich über die Menstruation als Teil ihres Lebens. Für viele von ihnen war es das erste Mal, dass sie offen über einen so wichtigen Teil ihres Lebens sprachen. Anschließend untersuchten wir die Auswirkungen dieser Gespräche auf die Bereitschaft, Produkte zu kaufen und verglichen sie mit einer Kontrollgruppe, die nicht an den Gesprächen teilgenommen hatte. Um reale Bedingungen widerzuspiegeln, wurde die Abholung dieser Produkte in einem Laden auf dem Fabrikgelände verabredet, der von einem Mann betrieben wird. In der Studie wurden dann zwei Messgrößen benutzt: wie die Frauen die vertrauten Damenbinden bewerteten, und wie sie ein ihnen zuvor unbekanntes, neuartiges Produkt annahmen: eine antibakterielle wiederverwendbare Unterwäsche. Um die Mechanismen, die den Entscheidungen der Frauen zugrunde liegen, besser zu verstehen, haben wir ein “diskretes Auswahlexperiment” durchgeführt, bei dem der Produktpreis, das Geschlecht des Ladenbesitzers und die Privatsphäre beim Kauf variierten. Was waren die Ergebnisse? Unsere Experimente haben gezeigt, dass Frauen, die an den Gruppengesprächen teilgenommen haben, bereit waren, 25 Prozent mehr für Menstruationsbinden zu bezahlen, was einen erheblichen Wandel in ihrer Wertschätzung dieser Produkte zeigt. Dabei unterschieden wir zwischen Frauen, die üblicherweise wiederverwendete Tücher benutzten, und solchen, die bereits Binden verwendeten und diese Produkte entweder selbst kauften oder ihre Ehemänner in den Laden schickten. Die stärksten Auswirkungen fanden wir bei den Frauen, die sich auf ihre Ehemänner verließen und sich so mögliche Peinlichkeiten im Geschäft ersparten. Außerdem war die Wahrscheinlichkeit, dass die Diskussionsgruppe die neuartige Menstruationsunterwäsche, die kostenlos zur Verfügung gestellt wurde, mitnahm, um 14 Prozent höher als in der Kontrollgruppe. Das Discrete-Choice-Experiment bestätigte die Ergebnisse der Untersuchung, nämlich dass Frauen sich von stigmatisierenden Aspekten wesentlich stärker abschrecken lassen als von finanziellen Kriterien. Das unterstreicht, wie stark die Stigmatisierung Frauen davon abhält, sich die benötigten Hygieneartikel zu kaufen – und wie es scheint, gibt es ihnen mehr Selbstvertrauen, wenn sie offen über dieses Thema sprechen. Unsere Studie weist zum ersten Mal experimentell nach, dass die Normalisierung des Themas Menstruation und die Förderung von Gesprächen darüber den Frauen Zugang zu besseren Menstruationsprodukten verschafft. Aus der Sicht einer Ökonomin hat die Menstruation Einfluss auf die Hälfte der weltweiten Erwerbstätigen – und zwar jeden Monat.
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