Lösungen gesucht: Depressionen bei Lungenkrebs14. Oktober 2026 Die Diagnose Lungenkrebs verursacht bei vielen Betroffenen Ängste und Depressionen. (Abbildung/KI-generiert: Вадим Перегудов/stock.adobe.com) Fast 40 Prozent aller Lungenkrebspatienten leiden an Depressionen oder Ängsten. Inwieweit sich Sport oder psychologische/psychosoziale Interventionen in diesen Fällen eignen, beschreiben zwei aktuelle Metaanalysen. Eine neue Querschnittstudie hat sich speziell mit NSCLC-Patienten unter Immuntherapie beschäftigt. In einer noch anstehenden Untersuchung wollen Forschende einen ganz neuen Ansatz verfolgen. von Britta Achenbach Wissenschaftler von der Ohio State University (USA) stehen vor dem Start einer klinischen Studie, in der sie untersuchen wollen, ob eine Therapie mit Psilocybin Depressionen und emotionalen Stress bei Lungenkrebspatienten lindern kann. Psilocybin ist eine natürlich vorkommende psychedelische Substanz, die in bestimmten Pilzen enthalten ist. In der genannten Studie wird sie unter streng kontrollierten medizinischen Bedingungen mit Beratung und Unterstützung durch geschulte Therapeuten verabreicht werden. „Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass eine Therapie mit Psilocybin Depressionen bei Krebspatienten lindern kann“, erklärt Dr. Alan Davis, einer der Hauptverantwortlichen der Studie und Leiter des Center for Psychedelic Drug Research and Education an der Ohio State University. „Bisher hat sich jedoch keine Studie speziell mit Lungenkrebspatienten befasst. Dies ist die erste klinische Studie, in der untersucht werden soll, ob dieser Ansatz die besonderen psychologischen Herausforderungen dieser Patientengruppe bewältigen kann.“ Erprobung eines kombinieren Behandlungsansatzes In ihrer Studie werden die Forschenden Veränderungen hinsichtlich der Depressionswerte und des emotionalen Wohlbefindens von Lungenkrebspatienten messen, um herauszufinden, ob ein kombinierter Behandlungsansatz – Psychotherapie mit einer überwachten Psilocybin-Dosis – eine weitere Option für Patienten mit fortgeschrittenem Krebs darstellen könnte. Die Teilnehmer absolvieren zunächst eine etwa achtstündige Vorbereitung mit zwei geschulten Therapeuten. Anschließend erhalten sie im Rahmen einer ganztägigen Behandlung in klinischer Umgebung Psilocybin, gefolgt von einer Beratung zur Verarbeitung ihrer Erfahrung. „Vom ersten Tag der Studie an wird jedem Patienten ein Therapeut zur Seite gestellt, der ihn während des gesamten Prozesses begleitet“, betont Davis. „Ziel ist es, den Teilnehmern ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, Vertrauen aufzubauen und ihre Erfahrungen so zu verarbeiten, dass sich ihr Wohlbefinden verbessert.“ An der Ohio State University in Columbus/Ohio, entwickelten Alan Davis (li.) und Theodore Wagener (re.) die weltweit erste klinische Studie zur Behandlung von Lungenkrebspatienten mit einer auf Psilocybin basierenden Therapie. (Quelle: The Ohio State University Comprehensive Cancer Center) Die Wissenschaftler unterstreichen, dass die Psilocybin-gestützte Therapie noch experimentell und zudem nicht für jeden Patienten geeignet ist. Die Teilnehmer werden sorgfältig ausgewählt, und die Behandlung erfolgt nur unter strenger ärztlicher Aufsicht. Eine erfolgreiche Studie könnte dazu beitragen, solche Patienten zu identifizieren, die am ehesten von einer Behandlung profitieren, glauben die Forschenden. Sie könnte ihrer Meinung nach auch die Grundlage für größere Studien schaffen, die darauf abzielen, die Behandlungsmöglichkeiten für krebsbedingte Depressionen zu erweitern. Psychologische und psychosoziale Interventionen bei Lungenkrebs Schon weiter als in der Erforschung von Psilocybin in dem genannten Zusammenhang ist man bei der Erforschung psychologischer und psychosozialer Interventionen bei Lungenkrebspatienten, wie die Verfasser einer jüngst im „European Journal of Surgical Oncology“ veröffentlichten Arbeit darlegen: Solche Maßnahmen seien mit positiven Effekten bezüglich Psychologie, Symptome, Schlaf, Verhalten und Funktion assoziiert. Die konsistenteste Evidenz für den Nutzen psychologischer und psychosozialer Interventionen beobachteten die Forschenden im Hinblick auf Ängste, Depressionen, Stress und die Lebensqualität. Das Forscherteam weist allerdings auf die Notwendigkeit weiterer ausreichend dimensionierter Studien hin. Auch sehen sie noch Optimierungsmöglichkeiten, wenn es um das Ausmaß beziehungsweise die Intensität solcher Maßnahmen, deren Zeitpunkt und die Patientenselektion geht. Die Wissenschaftler hatten sieben Datenbanken nach randomisierten kontrollierten Studien durchsucht, die dort bis August 2025 gelistet worden waren. Die Auswertung ergab, dass in 46 Studien (n=5309) entsprechende Interventionen Ängste reduzierten – ebenso wie Depressionen, Stress, Fatigue, Schmerzen, die subjektiv empfundene Belastung und Schlafstörungen. Gleichzeitig, so heben die Autoren der Analyse hervor, besserten sich unter psychologischen und psychosozialen Maßnahme Atemnot, Lungenfunktion und körperliche Funktionsfähigkeit. Eine Stärkung der Patienten wurde auch in Bezug auf Lebensqualität, Wohlbefinden, Bewältigungsstrategien, Selbstwirksamkeit und Selbstmanagement-Kompetenz beobachtet. Viele dieser Verbesserungen, so berichten die Autoren, seien in den ausgewerteten Studien auch bis zur Nachuntersuchung erhalten geblieben. Als günstiger hätten sich häufigere und kürzere Therapiesitzungen (weniger als 60 Minuten) erwiesen. Die Verfasser der Analyse räumen allerdings ein, dass die Ergebnisse der einzelnen Studien für mehrere Outcomes sehr heterogen ausfielen. Hilft körperliche Aktivität bei Lungenkrebs? Es gibt jedoch auch leichter zugängliche Maßnahmen als die Psychotherapie: Sport wird zunehmend bei Krebserkrankungen allgemein empfohlen. Dies hat teils auf die körperliche Gesundheit (Stärkung des Immunsystems, Stoffwechsel und Hormonhaushalt, Linderung von Nebenwirkungen oder Fatigue) bezogene Gründe. Bewegung und Aktivität wirken sich aber auch günstig auf die Psyche der Krebspatienten aus: Sie sollen die durch die Krebserkrankung beeinträchtigte Lebensqualität steigern und Ängste lösen helfen. Wie sich regelmäßige körperliche Bewegung speziell auf Lungenkrebspatienten auswirkt, war Gegenstand einer aktuellen systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse, in der die Autoren 15 Studien (Januar 2000 bis Juli 2026; 1041 Teilnehmende) bewerten, die sich mit den Auswirkungen körperlicher Aktivität auf depressive Symptome beschäftigten. Das Fazit: Bewegungsbasierte Interventionen können zwar bei einigen Lungenkrebspatienten die Depressionswerte senken. Allerdings sei die Aussagekraft der ausgewerteten Studien begrenzt, was das Ausmaß dieses Effektes angeht. Speziell für Lungenkrebspatienten mit schweren depressiven Störungen lasse sich anhand der analysierten Daten keine Wirksamkeit von Sport nachweisen. Auch Informationen dazu, wie sich die optimale sportliche Betätigung für diese Patienten idealerweise gestalten soll – in Art der Aktivität und im Ausmaß – könne man diesen Untersuchungen nicht entnehmen, urteilen die Forschenden. Somatische Symptome, Ängste, Depression bei NSCLC-Patienten unter ICI-Therapie Mit Patienten, die an einem Nichtkleinzelligen Lungenkarzinom leiden und Immuncheckpoint-Inhibitoren (ICIs) erhalten, hat sich eine andere Arbeitsgruppe beschäftigt. Die ICI-Therapie habe zwar die Prognose beim NSCLC erheblich verbessert, könne jedoch mit „komplexen, heterogenen psychosomatischen Symptomen“ einhergehen, erklären die Wissenschaftler in ihrer Publikation in „PLOS One“. Dabei erfassten bekannte, symptomorientierte Ansätze die zugrunde liegende Patientenheterogenität und die an der Interaktion beteiligten Mechanismen nur unzureichend. Das Forscherteam identifizierte in seiner Querschnittsstudie mit 971 Lungenkrebspatienten unter ICI-Therapie drei Symptomphänotypen: „hohe Symptomlast mit komorbider Belastung“ (C1 [25,1%]), „dominante emotionale Belastung“ (C2 [29,2%]) und „leichte Anpassung“ (C3 [45,6%]). Die logistische Regression brachte starke Risikofaktoren für den Phänotyp mit hoher Krankheitslast (C1) zu Tage: Raucheranamnese, eine Erkrankung im klinischen Stadium IV sowie ein schlechter Performance-Status laut der Eastern Cooperative Oncology Group (ECOG). Als protektiv hingegen erwiesen sich eine Kombinationstherapie, das Leben im Kreise der Familie sowie das Fehlen von Tumormetastasen. Weibliches Geschlecht stellte den Forschenden zufolge einen Risikofaktor für C2 dar. Die Netzwerkanalyse identifizierte für jeden der drei Phänotype spezifische Kern- und Brückensymptome: Müdigkeit war das Kernsymptom für C1, Beeinträchtigungen im Alltag das Brückensymptom. Für den Phänotyp C2 erkannte man Schlafstörungen als das Kernsymptom und Anhedonie als Brückensymptom. Beim Phänotyp C3 stellte eine verminderte Lebensfreude sowohl das spezifische Kern- als auch das Brückensymptom dar. Basierend auf Querschnittsdaten ergaben Computersimulationen potenzielle Interventionsziele für jeden Phänotyp: Müdigkeit für C1, verminderte Lebensfreude für C3 und zwischenmenschliche Netzwerke für C2. Behandlung krebassoziierter Depressionen hinkt noch hinterher Welche Intervention sich letztlich als am wirksamsten und für den jeweiligen Lungenkrebspatienten als machbar erweist – ein Bewusstsein für das Problem und Lösungen dafür müssen geschaffen werden. „Die Krebsbehandlung hat große Fortschritte gemacht, doch die Behandlung von Depressionen, Angstzuständen und Belastungen, die mit fortgeschrittenem Krebs einhergehen können, hat sich nicht so rasch weiterentwickelt“, erklärt Wagener, einer der Hauptveranwortlichen für die anstehende Psilocybin-Studie in den USA. Und sein Kollege Dr. Theodore Wagener, Leiter des Center for Tobacco Research an der Ohio State University, verdeutlicht: „Viele Patienten erhalten die Diagnose einer fortgeschrittenen Erkrankung und müssen sich sehr schnell mit Fragen über ihre Zukunft auseinandersetzen. Sie erfahren möglicherweise Ängste, existenzielle Krisen, Sinnverlust und Sorgen um ihre Familien. Manche leiden auch unter Schuldgefühlen aufgrund der Stigmatisierung von Lungenkrebs.“
Mehr erfahren zu: "Geplante Notfallreform-Änderungen: Ärzte kritisieren verschärfte Terminmeldepflicht" Geplante Notfallreform-Änderungen: Ärzte kritisieren verschärfte Terminmeldepflicht Die Ärzteschaft fordert die Streichung der verschärften Terminmeldepflicht. Neben der KBV fordern auch der SpiFA und der Virchowbund, einen entsprechenden Änderungsantrag zur Notfallreform zurückzunehmen.
Mehr erfahren zu: "DAV sieht „Licht und Schatten“ beim Notfallreformgesetz" DAV sieht „Licht und Schatten“ beim Notfallreformgesetz Anlässlich der antehenden Beratungen im Bundestag begrüßt der Deutsche Apohtekerverband (DVA) eine gesichert Zytostatika-Herstellung, warnt aber vor den Folgen geplanter Hilfsmittel-Ausschreibungen.
Mehr erfahren zu: "Neue Zelltherapie soll transplantierte Organe gezielt schützen" Neue Zelltherapie soll transplantierte Organe gezielt schützen Eine maßgeschneiderte Therapie mit körpereigenen regulatorischen T-Zellen (Tregs) soll nach einer Transplantation die dauerhafte Einnahme immunsuppressiver Medikamente und somit auch deren Nebenwirkungen verringern – ohne das Organ zu gefährden.