Lungenkrebs bei Niemalsrauchern: Wenig erforscht, aber Handeln ist nötig

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Lungenkrebspatienten, die nie geraucht haben, machen einen großen und dabei zunehmenden Anteil der Lungenkrebsfälle weltweit aus. Dabei sind Nichtraucher, die an Lungenkrebs erkranken, aber immer noch eine wenig erforschte Patientengruppe.

Diesen Umstand belegen Forschende vom University College London (UCL; Großbritannien) in einer gerade veröffentlichten Studie. Einer Mitteilung des University College zufolge war Lungenkrebs im Jahr 2020 unter Nichtrauchern global gesehen die fünfthäufigste Krebs-assoziierte Todesursache.

Die Autoren der Studie, veröffentlich in der Zeitschrift „Trends in Cancer“, fordern eine bessere Finanzierung von Screening-Maßnahmen und der Erforschung von Lungenkrebs bei Nichtrauchern (lung cancer in never-smokers [LCINS]). Denn: Deren Anteil an den Lungenkrebsfällen insgesamt wachse stetig. Studien mit mehreren Tausend Lungenkrebspatienten in den USA und Großbritannien deuteten darauf hin, dass auch die absolute Zahl der Lungenkrebsfälle bei Nichtrauchern gestiegen ist. In der britischen Studie verdoppelten sich die Fallzahlen zwischen 2008 und 2014.

LCINS als eigenständige Form von Lungenkrebs behandeln

Derzeit zielt der weitaus größte Teil der Screening-Ressourcen beim Lungenkrebs auf Raucher ab. So gebe es auch in Großbritannien kein routinemäßiges Lungenkrebs-Screening für Menschen, die niemals geraucht haben, berichten die Wissenschaftler.

Infolgedessen wird LCINS häufig erst zu einem späteren Zeitpunkt diagnostiziert, was zu schlechteren Behandlungsergebnissen für die Patienten führt. Zudem sind gängige Therapien gegen Lungenkrebs, der mit Tabakkonsum in Zusammenhang steht, wie beispielsweise die Immuntherapie, bei Nichtrauchern deutlich weniger wirksam.

Laut den Forschende unterstreichen diese Unterschiede, wie wichtig es ist, LCINS als eigenständige Form von Lungenkrebs zu behandeln und verstärkt in Forschung, Screening und klinische Studien zu investieren.

Größtes Problem: Zu selten diagnostiziert

Die Erstautorin der Studie, Dr. Deborah Caswell von der Abteilung Pneumologie des UCL, ist der Ansicht, dass es eine neue Strategie zur Risikobewertung, Früherkennung und Prävention von LCINS braucht: „Die Unterdiagnose ist das größte Problem, da Lungenkrebs bei Nichtrauchern nicht dem erwarteten Profil entspricht. Wenn eine junge Nichtraucherin mit Schulterschmerzen zum Hausarzt geht, kommt diesem möglicherweise gar nicht in den Sinn, dass Lungenkrebs die Ursache sein könnte.“

Caswell ergänzt: „Lungenkrebs bei Nichtrauchern wird derzeit nicht als eigenständige Form von Lungenkrebs betrachtet, was die Früherkennung erschwert. Zwar rauchen heutzutage weniger Menschen, was positiv ist. Dies hat jedoch dazu geführt, dass der Anteil von Lungenkrebsfällen unter Nichtrauchern gestiegen ist, weshalb wir bessere Früherkennungsprogramme und ein besseres Verständnis der Ursachen brauchen.“

Forderung: Risikobasiertes Screening, nicht primär wegen Tabakkonsum

Die Studienautoren argumentieren, dass LCINS spezifische Ursachen und eine eigene Biologie besitzt, die einen anderen Ansatz erfordert. Laut den Forschenden wäre es ratsam, die Lungenkrebsdiagnostik stärker auf ein risikobasiertes Screening auszurichten, anstatt sich primär auf die Raucheranamnese zu stützen.

Neue Risikofaktoren wie Genetik, klonale Hämatopoese und Umwelteinflüsse wie Luftverschmutzung, Radonexposition und Passivrauchen tragen den Wissenschaftlern erheblich zur jährlichen globalen Krankheitslast bei. Das relative Risiko jedes einzelnen dieser Faktoren sei jedoch gering, was die Rechtfertigung eines Screenings erschwere.

Erhöhte Wahrscheinlichkeit für Adenokarzinom bei LCINS

Niemalsraucher mit Lungenkrebs entwickelten mit höherer Wahrscheinlichkeit ein Adenokarzinom, fahren die Forschenden fort. Studien zeigten, dass etwa 80 Prozent der Lungenadenokarzinome therapeutisch relevante Mutationen aufweisen und auf die Therapie ansprechen. Im Vergleich zu Rauchern reagierten aber Menschen mit Lungenadenokarzinom weniger gut auf Immuntherapien.

Bis zu 4,5 Prozent aller Menschen mit Lungenadenokarzinom tragen vererbte genetische Varianten, die das Krebsrisiko erhöhen. Einige Mutationen, wie beispielsweise EGFR T790M, können dazu führen, dass Krebs früher und an mehreren Stellen gleichzeitig auftritt. Auch Veränderungen in der APOBEC3-Genfamilie – normalerweise Teil der körpereigenen antiviralen Abwehr – können das Risiko erhöhen. Dies unterstreicht laut den Wissenschaftlern die Bedeutung von Gentests.

Erhöhtes Risiko bei klonaler Hämatopoese

Eine weitere potenzielle Risikogruppe stellen Menschen mit klonaler Hämatopoese dar. Bei dieser altersbedingten Erkrankung führt eine genetische Veränderung in einer Blutstammzelle zur Vermehrung abnormaler Zellen im Knochenmark. Laut Forschungsergebnissen erhöht dies unter Umständen das Lungenkrebsrisiko unabhängig von der Raucheranamnese, indem chronische Entzündungen gefördert werden, die das Tumorwachstum unterstützen.

Obwohl erste Erkenntnisse darauf hindeuten, dass entzündungshemmende Therapien das Risiko bei Hochrisikopatienten senken können, gibt es derzeit keine routinemäßigen Leitlinien für das Screening oder die Behandlung dieser Erkrankung im Rahmen der Krebsprävention. Die Autoren der aktuellen Studie betonen das Potenzial der Entwicklung von Interventionen zur Prävention von LCINS, darunter:

  • gezielte Prävention bei erblicher Veranlagung
  • entzündungshemmende Strategien für Menschen mit Entzündungen aufgrund von Umweltverschmutzung, klonaler Hämatopoese unbestimmten Potenzials (CHIP) oder entzündlichen Erkrankungen
  • Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit wie Radonmessung und Reduzierung der Belastung durch Luftverschmutzung und Passivrauchen

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