Medizinische Hilfe für ukrainische Opfer5. April 2022 Foto: polack stock.adobe.com Unfallchirurgen bereiten sich auf eine zunehmende Anzahl von Menschen vor, die mit Kriegsverletzungen nach Deutschland gelangen, um hier versorgt zu werden. Mit dem TraumaNetzwerk DGU® sehen sie sich gut gerüstet für diese Aufgabe. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) vom 1. April laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren, die ersten kriegsverletzten Patienten aus der Ukraine zur medizinischen Behandlung nach Deutschland einzufliegen. Die Patienten wurden vom ukrainischen Zivilschutz ausgewählt und seien bereits den Kliniken des TraumaNetzwerks der DGU zugeordnet worden. „Innerhalb des Netzwerks ist eine medizinisch sinnvolle Verteilung schwerverletzter Patienten in geeignete Krankenhäuser unkompliziert binnen kürzester Zeit möglich. Wir haben die Strukturen in vielen Jahren aufgebaut und immer wieder erweitert, auch auf die Thematik schwerer Verletzungen bei Terroranschlägen. Jetzt stellen wir uns auf die Versorgung von Kriegsopfern ein“, sagt DGU-Präsident Prof. Benedikt Friemert. Die Ärztinnen und Ärzte verurteilen entschieden den barbarischen Gewaltakt und stehen den verletzten Opfern des Krieges mit all ihren Kräften unterstützend zur Seite. Auch künftig sei mit einer vermehrten Anzahl Kriegsverletzter aus der Ukraine zu rechnen, so die Fachgesellschaft weiter. Grundsätzlich soll die zentrale Verteilung von Verletzten aus dem Ukrainekrieg über das Kleeblatt-Prinzip der Länder erfolgen, das für Covid 19 aufgebaut wurde. In die Verteilung werden nun die Unfallchirurgen aus dem TraumaNetzwerk DGU® professionell als Berater eingebunden, um den Schweregrad der Verwundung zu beurteilen. Darüber hinaus können sie eine Einschätzung der notwendigen Versorgungsressourcen vornehmen und Verletzte innerhalb des Netzwerkes schnell und systematisch Krankenhäusern mit geeigneten Kapazitäten und Spezialisten zuordnen, erklärt die DGU. Welche Aufgaben auf die Unfallchirurgen zukommen, erläutert Friemert, der in die Zuordnung der ersten Schwerverletzten eingebunden war: „In einem ersten Schritt haben wir beraten, welcher Patient in einem lokalen oder regionalen Zentrum behandelt werden kann. Hierbei musste darauf geachtet werden, die Kapazitäten der überregionalen Zentren für schwerste Fälle zu erhalten. Zudem ging es um die Beurteilung, wer aufgrund der Komplexität der Verwundung dringend in ein Zentrum der Maximalversorgung muss. Auch welche spezielle chirurgische Fachrichtung im behandelnden Krankenhaus vorhanden sein muss, spielte eine Rolle.“ Als Klinischer Direktor für Unfallchirurgie und Orthopädie, Septische und Rekonstruktive Chirurgie sowie Sporttraumatologie am Bundeswehrkrankenhaus Ulm verfügt Friemert über umfangreiche Erfahrung bei der Behandlung von Kriegsverletzungen. „Beispielsweise unterscheidet sich eine durch eine Bombenexplosion entstandene Brandverletzung wesentlich von der Brandverletzung bei einem Haus- oder Fahrzeugbrand. Davon abhängig ist auch die Auswahl eines speziell dafür ausgestatteten Krankenhausbettes, das gelingt nur mit Expertenwissen“, sagt Friemert. Die Verteilung nach dem Kleeblatt-Prinzip hat sich nach Angaben der DGU in der Pandemiezeit gut bewährt. „Das Verteilungsprinzip macht Sinn, allerdings wurde es für eine Pandemie entwickelt und muss nun für die Behandlung Kriegsverletzter angepasst werden. Dafür braucht es die Strukturen der Unfallchirurgie. In den Bundesländern Berlin und Brandenburg werden die Unfallchirurgen bereits fest in die Koordination mit eingebunden“, sagt Prof. Gerrit Matthes, Leiter der DGU-Sektion Notfall-, Intensivmedizin und Schwerverletztenversorgung (NIS) und Bundeslandmoderator der TraumaNetzwerke Brandenburg. In einigen Bundesländern, wie Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, sind Bundesland-Verantwortliche des Netzwerkes für die Koordination der ukrainischen Kriegsverletzten zuständig und können damit die vorhandenen Strukturen vollständig nutzen. „Wir empfehlen, dieses Prinzip auch auf andere Bundesländer anzuwenden, hier ist die jeweilige Landespolitik gefragt“, sagt Matthes. Die medizinische Behandlung in deutschen Kliniken stellt eine Ergänzung zur medizinischen Behandlung in Krankenhäusern der Ukraine oder anderen helfenden Ländern dar. Künftig werden vermehrt Patienten erwartet, bei denen Schuss- und Explosionsverletzungen oder andere kriegstypische Verwundungen bereits erstversorgt wurden und die nach Komplikationen oder zur Rekonstruktion in Deutschland nachbehandelt werden müssen, konstatiert die DGU. Dabei sei die gut etablierte Zusammenarbeit im Team von Unfallchirurgen, Viszeralchirurgen, Anästhesisten, Pflegekräften und anderen Fachrichtungen von höchster Bedeutung. „Für diese langwierigen Behandlungen ist spezielle unfallchirurgische und interdisziplinäre beziehungsweise interprofessionelle Expertise gefragt, die schnell über das TraumaNetzwerk koordiniert werden kann. Es arbeitet bereits seit 2008, die Abläufe sind dank täglicher Routine eingespielt und zusätzliche Organisationselemente sind nicht vonnöten, um hier kompetent und schnell helfen zu können. Wir wollen damit unseren Beitrag zur Minderung der Kriegsfolgen leisten“, sagt DGU-Generalsekretär Prof. Dietmar Pennig. Hinzu kommt, dass die Sektion Einsatz-, Katastrophen- und Taktische Chirurgie (EKTC) der DGU verschiedene Kurse anbietet, um Ärzte und Ärztinnen für die Behandlung von Schuss- und Explosionsverletzungen zu schulen: „Viele Unfallchirurgen hatten bislang noch nie mit Kriegsverletzungen zu tun, die Behandlung erfordert besonderes Fachwissen. Speziell dafür haben wir ein wöchentliches Webinar zu Kriegsverletzungen entwickelt“, sagt Oberfeldarzt Prof. Axel Franke, Leiter der Sektion EKTC. „Die TraumaNetzwerk-Kliniken sind jederzeit bereit, ukrainische Patienten zu behandeln. Viele dieser Kliniken haben bereits angefragt, ob und wie geholfen werden kann“, erklärt die Fachgesellschaft. Die DGU habe bereits dem Botschafter der Ukraine in Deutschland, Dr. Andrij Melnyk, das Hilfeangebot unterbreitet und stehe mit dem Bundesministerium für Gesundheit in engem Austausch.
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