Medizinstudium? Ja. Aber welches?

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Eine Kolumne von Fine Lammert.

Das Medizinstudium, welches ich in Münster begonnen habe, läuft ein bisschen anders ab als an so manchen anderen Universitäten. Das Ziel ist zwar überall dasselbe, aber in der Umsetzung zeigen sich dann doch einige Unterschiede…

Bei der Wahl meiner Studienstadt habe ich mir ehrlicherweise weniger Gedanken um die Qualität der Lehre und den Studiengang an sich gemacht, sondern vielmehr um die Stadt selbst. Sie sollte nicht zu groß sein, viele Studierende haben und nicht allzu weit von meiner Heimat und meiner Familie entfernt liegen. Wie unterschiedlich das Medizinstudium jedoch tatsächlich von Stadt zu Stadt ist, wurde mir erst später klar.

Während meiner Recherchen zu den in Frage kommenden Städten, erfuhr ich, dass manche Universitäten keinen klassischen Regelstudiengang, sondern einen Modellstudiengang anbieten – darunter Aachen, Köln, Düsseldorf und Hamburg, nur um einige Beispiele zu nennen. Einmal dort eingeschrieben, ist es nicht mehr möglich, zu einer anderen Uni zu wechseln, da das Studium ganz anders aufgebaut ist. Das war für mich ein Ausschlusskriterium, da ich mir die Möglichkeit offenhalten wollte, die Stadt zu wechseln.

Während in Münster der vorklinische Abschnitt des Studiums, welcher die ersten vier Semester umfasst, hauptsächlich von theoretischen Inhalten geprägt ist und von dem 1. Staatsexamen beendet wird, gibt es zum Beispiel bei dem Modellstudiengang an der HHU Düsseldorf weder eine vorklinische Phase noch das Physikum.

Anstatt die ganze (meiner Meinung nach teils etwas trostlose) Theorie geballt auf die ersten vier Semester zu legen, wird von Anfang an mehr Praxis integriert – etwa in Form von Praktika. Statt einem 1. Staatsexamen gibt es dann eine Zwischenprüfung, die schon nach drei Semestern absolviert werden muss. Auf der Internetseite der HHU Düsseldorf wird das Konzept als kompetenzorientiert, fächerübergreifend, praxisbezogen und profilbildend beschrieben.1

Dies klingt ehrlicherweise schon sehr verlockend. Ich kann mir vorstellen, dass die praktische Erfahrung von Anfang an die Motivation für das Studium etwas besser aufrechterhalten kann, als das ewige und wirklich niemals enden wollende Auswendiglernen in der Vorklinik. Neben den zahlreichen Anatomievokabeln sowie den physikalischen und biochemischen Prozessen geht schnell der Blick und die Vorfreude auf das eigentliche Ziel und die womöglich deutlich spannenderen, praktischeren Themen des Studiums verloren.

Da wundert es nicht, dass die Motivation nach den ersten Wochen eines jeden Semesters gelegentlich ins Straucheln gerät. Andererseits weiß man bei dem Regelstudiengang, dass die ersten zwei Jahre vor allem theoretisch und naturwissenschaftlich geprägt sind, aber danach das Physikum geschafft ist und der spannendere, praxisnähere Teil des Studiums beginnt. Das heißt: zwei Jahre Zähne zusammenbeißen und dann wird es besser. Es hat also beides seine Vor- und Nachteile.

Im Endeffekt bin ich wirklich froh, in Münster zu studieren. Obwohl für mich die Lehre – wie gesagt – bei der Wahl der Universität eher zweitrangig war, habe ich es doch wirklich gut getroffen. Und zwar sowohl die Stadt als auch die Lehre betreffend. Besonders schätze ich das Evaluationssystem nach jedem Semester, welches dafür sorgt, dass der Studiengang ständig weiterentwickelt wird. Die Möglichkeit, beziehungsweise sogar Pflicht, Feedback zu geben und zu sehen, wie dies auch wirklich verbessert wird, dass die Vorschläge der Studierenden ernst genommen und, wenn möglich, umgesetzt werden, ist ein echter Pluspunkt.

Am Anfang eines jeden Semesters werden uns Studierenden die Ergebnisse der letzten Evaluation von dem Studiendekan vorgestellt: Wie sich welche Veranstaltung im Laufe der Jahre verändert hat und auch, welche Verbesserungen und Neuerungen als Reaktion auf die Bewertungen in den kommenden Semestern umgesetzt werden. Im gleichen Rahmen werden neue Projekte, wie zum Beispiel Baumaßnahmen oder neue Veranstaltungsformate der Universität und der medizinischen Fakultät vorgestellt.

Ein Beispiel für die direkten Reaktionen auf die Evaluation ist, dass Veranstaltungen oder Vorlesungen, die von den Studierenden deutlich schlechter bewertet wurden als bei anderen, vorherigen Dozierenden, im darauffolgenden Semester von einer anderen Lehrperson übernommen wurden. Eine andere Veränderung, die aus unseren Rückmeldungen resultierte, ist eine neue Aufteilung der vorklinischen Fächer ab dem Semester nach uns: Zum Beispiel ist der Präparationskurs nun auf zwei Semester verteilt.

Wie ich von Freunden an anderen Universitäten mitbekommen habe, gibt es aber generell sehr große Unterschiede in der Struktur der Vorklinik. Manche Hochschulen setzen auf eine stärkere Verzahnung der Fächer, während andere eher eine streng getrennte Blockstruktur haben. So richtig bewusst wurde mir das, als ich mich mit einer Freundin unterhielt, die in meinem Semester in Gießen studiert. Sie erzählte mir von Studieninhalten, von denen ich noch nie etwas gehört hatte. Ich war völlig verwirrt – hatte ich etwa schon den Überblick über mein eigenes Studium verloren? Erst nach einer kurzen Weile wurde uns klar: Sie hatte die vorklinischen Fächer völlig anders aufgeteilt und wir wussten daher beide Sachen, von denen die andere noch nie gehört hatte. Mir war zwar bewusst, dass es Modell- und Regelstudiengänge gibt, aber, dass selbst innerhalb des Regelstudiengangs so große Unterschiede bestehen, hatte ich nicht erwartet.

Ich kann dazu natürlich nichts aus eigener Erfahrung sagen, aber ich kann mir vorstellen, dass die neue Studienfachaufteilung in Münster den Druck etwas rausnimmt. Bei uns war die Präparation ziemlich geballt im zweiten Semester, was schon ganz schön stressig war, da jeden Monat eine mündliche Prüfung darüber anstand.

Und doch war der Präparationskurs für mich bisher eine der schönsten Erfahrungen. Endlich gab es etwas Praktisches – etwas, das sich wirklich nach Medizin angefühlt hat. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, nicht nur für Prüfungen zu lernen, sondern wirklich zu verstehen, warum wir uns das alles aneignen. Natürlich war der Kurs anspruchsvoll, aber das viele Lernen gehört halt mit dazu.

Mehr zu dem Präparationskurs und wie ich (naja nicht ganz) ohne zu zögern einen Leichnam aufgeschnitten habe, erfahrt ihr in meinem nächsten Text.


junge Frau, blond, Fluss im Hintergrund, Sonne scheint

Fine Lammert studiert seit dem Sommersemester 2024 an der Universität Münster Humanmedizin. Die 19-Jährige gebürtige Düsseldorferin begeistert sich vor allem für die Kindermedizin, liebt aber die vielseitigen Erfahrungen aus dem Studium, so zum Beispiel die Präparation, und ist daher noch für alle Fachrichtungen offen. Ihre (tatsächlich wenige) freie Zeit verbringt sie am liebsten mit ihren Freunden an der frischen Luft am See oder in Cafés.