Mehr als genug? Das Maß der Versorgung bedenken!

Zu viel des Guten schadet – viele Ärzte kennen das Problem der Überversorgung auf Intensivstationen. So laden etwa neue technische Verfahren dazu ein, häufiger als nötig genutzt zu werden. Zum Beispiel die extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO), die den Gasaustausch unterstützt. „Ärzte müssen aber stets entscheiden, wann welche Verfahren sinnvoll sind“, sagt Dr. Andrej Michalsen, Intensivmediziner am Klinikum Tettnang. Er moderiert die Veranstaltung „Genug ist genug: Wie viel Überversorgung ist auf der Intensivstation gerechtfertigt?“ auf dem verbandsunabhängigen 28. Symposium Intensivmedizin + Intensivpflege in der Messe Bremen. Von Mittwoch bis Freitag, 14. bis 16. Februar 2018, diskutieren Referenten und Teilnehmer aus Intensivpflege, -medizin und Verwaltung auf über 500 Veranstaltungen und Workshops die aktuellen Themen ihrer Fachgebiete.

Teilnehmer und Referenten erörtern etwa im Rahmen der intensivmedizinischen Veranstaltungen die Definition und Therapie der Sepsis: Wie praxistauglich ist die neue Sepsis-Definition – der „SOFA-Score“ (Sequential Organ Failure Assessment)? Kann er die vier „SIRS“- (Systemic Inflammatory Response Syndrome) Kriterien ersetzen? Der neue Score definiert die Sepsis über Dysfunktionen an sechs Organsystemen, unter anderem der Leber, der Niere und der Atemwege. Die „SIRS“-Definition umfasst dagegen vier Kriterien: Fieber, erhöhte Atem- und Herzfrequenz und die Menge der Leukozyten. Professor Dr. Markus Weigand vom Universitätsklinikum Heidelberg wird in seinem Vortrag gegen die Praxistauglichkeit des „SOFA-Score“ argumentieren und Professor Dr. Roland Francis von der Berliner Charité dafür.

Die Notfallmediziner indessen bearbeiten unter anderem das Problem der Kohlenmonoxid-Vergiftungen. Oft bemerke man sie nicht gleich, erklärt Dr. Andreas Callies, Ärztlicher Leiter des Bremer Rettungsdienstes, „etwa bei defekten Heizungsanlagen oder schlecht gelüfteten Shisha-Bars.“ Hier sieht man die Gefahr nicht, man riecht sie nicht und spürt sie nicht. Auch für die Retter ist dies lebensbedrohlich. Eine entsprechende S2K-Leitlinie zu Diagnostik und Therapie der Kohlenmonoxid-Vergiftung soll auch die Gefahr für die Rettungsdienste bald mindern. Dr. Björn Jüttner von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) wird auf dieser Veranstaltung („Der schwer brandverletzte Patient“) den Stand der Leitlinie referieren. Zweiter Schwerpunkt der Veranstaltung: Antidota im Rettungsdienst – welche braucht man wirklich? Melanie Schmidt aus Göttingen wird über ihre Studie zum Thema sprechen.

Das Bremer Symposium möchte alle Berufsgruppen an einen Tisch holen, die sich um Patienten kümmern – etwa in der Sitzung „Multiprofessionelle Patientenversorgung“. Ärzte, Pflegende, Physiotherapeuten oder Techniker und Angehörige müssen als Behandlungsteam ständig miteinander im Gespräch bleiben, sagt der Moderator der Sitzung, Oliver Rothaug, von der Bildungsakademie der Universitätsmedizin Göttingen. So können sie zum Beispiel Dosierungsfehler bei Medikamenten oder etwa falsch eingestellte Medikamentenpumpen vermeiden. „Von Versorgungsfehlern betroffen sind vor allem Patienten, bei denen hoher Therapie- und Pflegeaufwand aufeinandertreffen“, so Rothaug. Unter anderem berichten Ärzte und Pflegende in der Sitzung ihre Erfahrungen mit Fehlern und Irrtümern bei der Versorgung von Intensivpatienten.

Drei Institutionen veranstalten das Symposium gemeinsam: der Wissenschaftliche Verein zur Förderung der klinisch angewendeten Forschung in der Intensivmedizin e.V. (WIVIM), die Bremer HCCM Consulting GmbH sowie die Messe Bremen. 2017 kamen 4503 Teilnehmer, 196 Aussteller und 470 Referenten. Mediziner und Pflegende können Fortbildungspunkte erwerben.

Weitere Informationen: www.intensivmed.de

Quelle
Messe Bremen
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