Mehr Aufklärung bei topischen Corticosteroiden erforderlich

Frau cremt einen Ausschlag auf ihrer Hand ein
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Laut den britischen Autoren eines Beitrags im „BMJ Case Reports“ wird der topische Kortikosteroidentzug weiterhin unzureichend erkannt und behandelt.

Es bestehe nur wenig Bewusstsein für die medizinischen und psychologischen Komplexitäten des sogenannten topischen Corticosteroidentzuges (topical steroid withdrawal, TSW), also der unerwünschten Körperreaktion auf das Absetzen oder Ausschleichen dieser hochwirksamen Cremes, die zur Behandlung entzündlicher Dermatosen eingesetzt werden, warnen Ärzte in der Fachzeitschrift „BMJ Case Reports“. Die Erkrankung werde nach Angaben der Autoren häufig nicht erkannt, diagnostiziert, adäquat diagnostiziert oder behandelt und ist bislang nur unzureichend erforscht. Dies habe unbegründete Ängste, vor allem in sozialen Netzwerken, verstärkt, wonach alle Corticosteroide schädlich seien und zugunsten anderer, oft ungetesteter oder nicht evidenzbasierter Mittel gemieden werden sollten.

Nutzen und Risiken topischer Corticosteroide

Topische Corticosteroide werden häufig und mit großem Erfolg zur Behandlung verschiedener entzündlicher Hauterkrankungen. Sie sind in vier Wirkstärkeklassen erhältlich – von schwach bis sehr stark wirksam.

Das Absetzen der Behandlung – insbesondere stärkerer Präparate nach längerer Anwendung – kann jedoch zu einem Rebound mit erneuter Verschlechterung und schwereren Symptomen führen, die belastender sein können als die Grunderkrankung. Diese Symptome können über die ursprünglich behandelten Areale hinausgehen und zusätzlich Schlafstörungen sowie Depressionen auslösen. Die zugrunde liegenden Ursachen sind bislang nur teilweise verstanden; die Diagnosestellung ist schwierig, da die klinischen Manifestationen stark variieren können.

Fallbeispiel eines Steroidentzugs

Um zu einer besseren Bewusstseinsbildung beizutragen, stellen die Autoren einen Fall vor, der die Herausforderungen für Ärzte und Patienten exemplarisch verdeutlicht.

Es handelte sich um eine Frau mittleren Alters mit atopischem Ekzem seit dem Säuglingsalter, die über längere Zeiträume mit Corticosteroid-Cremes verschiedener Wirkstärken behandelt worden war. Sie wurde in die dermatologische Ambulanz überwiesen und berichtete über eine 18 Monate andauernde Verschlechterung der Symptome.

Klinisch zeigten sich ausgeprägte Hautatrophie, insbesondere an den Armen, sowie lichenifizierte Haut in den Beugefalten von Ellenbogen und Handgelenken. Zur Rezidivprophylaxe wurden erneut topische Corticosteroide verordnet, die sie jedoch etwa einen Monat nach dem Ambulanztermin vollständig absetzte. Danach kam es zu einer massiven Verschlechterung der Hautsymptomatik und des Allgemeinzustands.

Zahlreiche Symptome beeinträchtigen Lebensqualität

Die Patientin entwickelte eine generalisierte Erythrodermie mit brennendem Gefühl und starkem Pruritus. Ihre Haut wurde trocken, schuppend, verdickt und rissig, teils mit tiefen Fissuren. Zudem berichtete sie über Ödeme an Oberschenkeln, Füßen, Knöcheln und periorbital, ausgeprägte Hautfaltenbildung und Erschlaffung. Systemische Symptome umfassten Schwindel, Übelkeit, Haarausfall, Schlaflosigkeit, Hypotonie, Temperaturdysregulation sowie Feuchtigkeits- und Taubheitsgefühle. Hinzu kamen starke neuropathische Schmerzen und blitzartige Schmerzattacken mit elektrisierendem Charakter. Die Symptomatik war hochgradig beeinträchtigend.

Die Patientin vermutete einen topischen Corticosteroidentzug. Bis zur vollständigen Besserung vergingen 28 Monate, während derer sie auf jede Behandlung, auch auf Hautpflegemittel, verzichtete. Seither treten nur gelegentliche milde Schübe auf; topische Corticosteroide hat sie seitdem nicht mehr angewandt.

Rückblickend berichtete sie, die Schwere ihrer Symptome habe sie zeitweise ans Bett gefesselt und den Eindruck vermittelt, sie könne sterben.

Sie äußerte: „Ich hätte mir Unterstützung für ein sicheres Ausschleichen gewünscht. Ohne Diagnose war das nicht möglich – ich wurde weiterhin wegen eines Ekzems behandelt, einschließlich fortgesetzter Corticosteroidtherapie. Meines Erachtens können TSW-Patienten sich nicht erholen, solange Corticosteroide Teil ihres Behandlungsplans sind.“

Rolle sozialer Medien und Steroidphobie

Die Autoren betonen: „Trotz zunehmender Anerkennung von TSW in der dermatologischen Fachwelt bleibt das Syndrom im klinischen Alltag unterdiagnostiziert. Patienten suchen daher oft Rat in Online-Foren und greifen zu Selbstbehandlungsstrategien, die uneinheitlich oder potenziell schädlich sein können.“ Und weiter: „Obwohl soziale Medien zur Aufklärung über wenig bekannte Erkrankungen wie TSW beitragen, fördern sie zugleich Steroidphobie. Nach unserer Erfahrung führen alarmierende Online-Berichte dazu, dass viele Patienten selbst bei fachärztlicher Aufklärung die Behandlung mit topischen Corticosteroiden ablehnen – nicht nur bei Hauterkrankungen.“

Abschließend schreiben die Autoren: „Zur Überwindung von Misstrauen und zur Verbesserung der Patientenversorgung müssen Ärzte die Sorgen der Patienten empathisch aufgreifen und Aufklärung in den Mittelpunkt stellen. Offene Gespräche über Wahrnehmungen und Überzeugungen in Verbindung mit evidenzbasierten Empfehlungen können gut informierte Entscheidungen fördern und die Behandlungsergebnisse verbessern.“ (ins)