Mehr Bildung verringert das Demenzrisiko Jahrzehnte später30. Oktober 2026 Symbolbild KI-generiert mit Gemini. Eine britische Schulreform aus dem Jahr 1972 scheint Jahrzehnte später zu weniger Demenzdiagnosen geführt zu haben. Eine Studie deutet darauf hin, dass mehr Bildung das Demenzrisiko senken könnte, selbst bei Menschen mit hoher genetischer Veranlagung. Ein Gesetz, das britische Jugendliche dazu verpflichtete, ein weiteres Jahr zur Schule zu gehen, hatte fast 50 Jahre später eine unerwartete Folge: weniger Demenzdiagnosen. Forschende der University of Southern California, der University of Wisconsin–Madison und der University of Michigan (USA) untersuchten eine britische Reform der Schulpflicht aus dem Jahr 1972, durch die das Mindestalter für das Verlassen der Schule von 15 auf 16 Jahre angehoben wurde. Sie stellten fest, dass die durch die Reform bedingte längere Schulbildung Jahrzehnte später zu weniger Diagnosen von Alzheimer und anderen Demenzformen führte. Die neue Studie lieferte zudem ein zweites interessantes Ergebnis: Der Rückgang der Demenzhäufigkeit zeigte sich selbst bei Menschen mit einer hohen genetischen Anfälligkeit für die Erkrankung. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Bildung gerade für diejenigen einen besonders starken Schutz bieten könnte, die ein hohes erbliches Risiko tragen – was die Annahme infrage stellt, dass ein genetisches Risiko eine unveränderliche Vorhersage für die zukünftige Gesundheit darstellt. Es handelt sich den Autoren zufolge vermutlich um die erste Studie, die einen kausalen Zusammenhang zwischen Bildung und einer Demenzdiagnose belegt und zeigt, dass Bildung das ererbte Demenzrisiko abmildern kann. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlicht. Eine politische Änderung, die dabei hilft, Ursache von Korrelation zu unterscheiden Es ist schon lange bekannt, dass Menschen mit höherem Bildungsgrad ein geringeres Demenzrisiko haben. Doch allein aus diesem Muster lässt sich nicht schließen, ob die Schulbildung tatsächlich die Ursache für diesen Unterschied ist. So könnten Menschen mit mehr Bildung beispielsweise in anderen familiären oder sozioökonomischen Verhältnissen aufgewachsen sein, die sich ebenfalls auf ihre spätere Gesundheit auswirken. Die Forschenden begegneten dieser Problematik, indem sie eine Reform aus dem Jahr 1972 in England, Schottland und Wales untersuchten, durch die das Mindestalter für das Verlassen der Schule von 15 auf 16 Jahre angehoben wurde. Schülerinnen und Schüler, die am oder nach dem 1. September 1957 geboren wurden, mussten länger in der Schule bleiben; diejenigen, die kurz vor diesem Stichtag geboren wurden, konnten die Schule bereits mit 15 Jahren verlassen. Diese klare Trennlinie ermöglichte es den Forschenden, Menschen zu vergleichen, die nur wenige Tage auseinander geboren wurden, unterschiedlichen schulischen Anforderungen unterlagen, ansonsten aber sehr gut miteinander vergleichbar waren. Durch die Reform stieg der Anteil der Jugendlichen, die bis mindestens zum 16. Lebensjahr in der Schule blieben, um 14 Prozentpunkte. Mithilfe von Daten der UK Biobank begleiteten die Forschenden die Teilnehmenden bis zum Alter von 65 Jahren, wobei sie auf Krankenhausunterlagen, Sterberegister und Angaben der Teilnehmenden zu ihrer eigenen Krankengeschichte zurückgriffen. Personen, die kurz nach dem Stichtag geboren wurden – und daher länger die Schule besuchen mussten –, erhielten seltener eine Demenzdiagnose als diejenigen, die kurz vor diesem Stichtag geboren wurden. Das Studiendesign geht über den bekannten Zusammenhang zwischen Bildung und besserer Gesundheit hinaus: Es liefert Belege dafür, dass die durch die Reform bedingte längere Schulzeit zu einer Verringerung der Demenzhäufigkeit führte. „Wir wissen schon lange, dass Menschen mit höherem Bildungsstand seltener an Demenz erkranken, doch es war bisher schwierig zu beurteilen, ob tatsächlich die Bildung selbst dafür verantwortlich ist“, erklärt die Hauptautorin Silvia Barcellos, Gesundheitsökonomin am Center for Economic and Social Research des University of Southern California Schaeffer Institute sowie an der University of Wisconsin–Madison. „Indem wir uns diese Schulreform zunutze machen, können wir den Effekt der Bildung von vielen anderen Faktoren isolieren, in denen sich Menschen voneinander unterscheiden. Unsere Ergebnisse liefern Belege dafür, dass Bildung selbst das Demenzrisiko noch Jahrzehnte später senken kann.“ Besonders Menschen mit höchstem genetischem Risiko profitieren Die Forschenden verknüpften die Schulreform mit genetischen Daten, um einer weiteren entscheidenden Frage nachzugehen: Kann zusätzliche Bildung Menschen schützen, die mit einer hohen genetischen Anfälligkeit für Demenz geboren wurden? Sie stellten fest, dass eine längere Schulzeit die Häufigkeit von Demenz selbst bei Personen mit dem höchsten genetischen Risiko verringerte. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine genetische Veranlagung kein unabwendbares Schicksal ist: Die Lebens- und Lernbedingungen eines Menschen können beeinflussen, ob es bei jemandem mit einem erhöhten Risiko tatsächlich zum Ausbruch der Krankheit kommt. Diese Erkenntnisse erweitern die Debatte über Demenzprävention, die bislang oft erst im späteren Lebensalter ansetzt. Sie legen nahe, dass Investitionen, die Jahrzehnte vor dem Auftreten von Symptomen getätigt werden – etwa in Bildung –, das Demenzrisiko noch lange Zeit später beeinflussen können. „Für Menschen, die wissen, dass sie ein höheres genetisches Demenzrisiko haben, ist dies ein hoffnungsvolles Ergebnis“, sagt Co-Autor Leandro Carvalho, außerordentlicher Professor für Wirtschaftswissenschaften an der USC. „Gene prägen zwar das Krankheitsrisiko, bestimmen aber nicht zwangsläufig den Ausgang. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Erfahrungen und Lebensumstände, die sich im Laufe des Lebens verändern lassen, einen Einfluss darauf haben können, ob eine vererbte Anfälligkeit tatsächlich zu einer Erkrankung führt. Zu verstehen, welche Maßnahmen diese schützende Wirkung entfalten können, ist ein wichtiger Ansatz für die zukünftige Forschung.“ Wie Bildung die Gehirngesundheit beeinflussen kann Eine längere Schulzeit könnte sich über verschiedene Wege auf das Demenzrisiko auswirken: durch bessere berufliche Chancen, ein höheres Einkommen, kognitiv anspruchsvollere Tätigkeiten sowie Veränderungen der gesundheitlichen und sozialen Lebensumstände. In der Studie führte eine längere Schulzeit zudem zu einem höheren Haushaltseinkommen und einer geringeren Häufigkeit von Schlaganfällen und Herzinfarkten. Die Forschenden konnten jedoch nicht genau bestimmen, welche Mechanismen für den Rückgang der Demenzfälle verantwortlich waren. Die Forschenden betonten, dass noch unklar ist, in welchem Ausmaß eine längere Schulzeit das Demenzrisiko genau senkt. Da Demenz in dieser vergleichsweise jungen Gruppe noch selten auftrat, sind die Schätzungen mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Weitere Beobachtungen der Teilnehmenden im Alter werden zeigen, ob dieser schützende Effekt bestehen bleibt, wenn Demenz mit zunehmendem Alter häufiger auftritt. (lj/BIERMANN)
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