Migränepatienten werden nicht optimal versorgt20. November 2019 Foto: ©goodluz – stock.adobe.com Trotz evidenzbasierter Leitlinien lässt die Therapie von Migränepatienten noch zu wünschen übrig. Das belegen die Ergebnisse einer Studie, die am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) durchgeführt worden war. „Diese Ergebnisse zeigen den großen Bedarf einer Verbesserung der Migräneversorgung“, sagte die Präsidentin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), PD Dr. Stefanie Förderreuther. Mit dem Ziel, dass alle Patienten, die eine professionelle Therapie benötigen, schnellstmöglich die bestmögliche und angemessene Therapie erhalten, hat die DMKG die bundesweite Initiative “Attacke! Gemeinsam gegen Kopfschmerzen” (www.attacke-kopfschmerzen.de) gestartet. Die aktuelle Studie bestätigt: Bei Migränepatienten geht oft wertvolle Zeit verloren, bis die richtige Diagnose gestellt wird1, zudem erhält die Mehrheit von ihnen keine adäquate Akuttherapie und Prophylaxe2, was nicht nur das Risiko für eine Chronifizierung und einen Medikamentenübergebrauch erhöht3,4, sondern auch die Lebensqualität erheblich einschränkt und unnötige Kosten verursacht. In die Studie wurden 1935 Patienten eingeschlossen, die zwischen 2010 und 2018 wegen ihrer Migräne die Kopf- und Gesichtsschmerzambulanz des UKE aufgesucht haben. Dorthin kommen neben Patienten, die von Allgemeinmedizinern oder Spezialisten für eine Zweitmeinung oder eine Optimierung der bisherigen Therapie überwiesen werden, auch Kopfschmerzgeplagte, die auf eigene Faust nach kompetenter Hilfe suchen. Die Studienteilnehmer waren im Schnitt 37,3 Jahre alt und litten durchschnittlich an 12,1 Tagen im Monat unter Kopfschmerzen. Zu viele Arzttermine und unnötige Untersuchungen In den zwölf Monaten vor ihrem ersten Termin in der Ambulanz haben die Patienten wegen ihrer Beschwerden im Schnitt etwa siebenmal einen Arzt aufgesucht – 89,5 Prozent einen Allgemeinarzt und 74,9 Prozent einen Neurologen. Zudem berichtete fast ein Drittel aller Patienten, wegen ihrer Migräne mindestens einmal in der Notaufnahme gewesen zu sein. 22,5 Prozent der Studienteilnehmer wurden wegen ihres Migränekopfschmerzes sogar bereits stationär behandelt. Fast die Hälfte hatte auch einen Orthopäden aufgesucht. „Die Patienten konsultieren immer wieder Orthopäden, weil es gar nicht selten zu nackenbetonten Schmerzen im Rahmen einer Migräneattacke kommt – aber die Migräne ist keine Erkrankung der Halswirbelsäule“, stellt Förderreuther klar. Dass bei Migränepatienten häufig unnötige Untersuchungen durchgeführt werden, belegen die Studienergebnisse ebenfalls eindrücklich. So ist bei 54,2 Prozent der Patienten wegen des Kopfschmerzes eine Computertomographie (CT), bei 51,4 Prozent eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Kopfes durchgeführt worden, ohne dass dies zur Diagnose beigetragen hätte. Dabei besteht aufgrund wissenschaftlicher Untersuchungen Konsens, dass Patienten mit typischer Migränesymptomatik und normalem Untersuchungsbefund zur Sicherung der Diagnose keine CT oder MRT benötigen. Bildgebende Untersuchungen verursachen erhebliche Kosten und tragen nicht zu einer verbesserten Therapie bei. „Bildgebende Untersuchungen beruhigen Patienten und Arzt gleichermaßen. Patienten fordern oft ein CT oder MRT ein, weil sie sich schwer vorstellen können, dass so schwere Kopfschmerzen ohne krankhafte Befunde am Gehirn auftreten können.“ Die Schwelle, entsprechende Untersuchungen anzufordern, sei damit auch für den Arzt niedrig, denn er kann sich damit ein Stück weit absichern und zugleich seinem Patienten vermitteln, dass er die Beschwerden ernst nimmt, interpretiert Förderreuther dieses Studienergebnis. Eine Prophylaxe wird selbst von Spezialisten zu selten eingeleitet Patienten, die die Hamburger Kopfschmerzambulanz aufsuchten, hatten zu einem Drittel (34,2 %) keine leitliniengerechte Therapie erhalten. Lediglich bei 0,6 Prozent waren alle empfohlenen Behandlungsstrategien ohne Erfolg eingesetzt worden. Mehr als der Hälfte der Studienteilnehmer (53,3 %) war entweder nie ein Medikament zur Prophylaxe verschrieben worden oder sie hatten dieses nicht eingenommen – und das, obwohl bei drei von fünf Patienten (60,8 %) die Indikation für eine Migräneprophylaxe bestanden hatte. Von diesen Patienten hatten 87,9 Prozent einen Allgemeinarzt und 67,5 Prozent sogar einen Neurologen aufgesucht. Für die Betroffenen hatte das gravierende Folgen. Denn diejenigen, die nicht vorbeugend behandelt worden waren, versäumten in den drei Monaten vor ihrem ersten Termin in der Ambulanz im Schnitt 5,1 (bis zu 15) Arbeits- oder Schultage, konnten an 8,2 (bis zu 19) Tagen im Monat den Haushalt nicht erledigen und verpassten im Schnitt 7,3 und in Einzelfällen bis zu 18 Tage ihres Familienlebens oder ihrer Freizeit. Leitliniengerechte Therapie – Wirksam und gut verträglich Dabei ist Migräne, wie Förderreuther betont, an sich nicht schwer zu therapieren. „Die Behandlung wird allerdings aufwendiger, je weiter ein Patient chronifiziert ist“, gibt die Neurologin zu bedenken. Migräne ist eine hirnorganische Erkrankung, deren Verlauf durch viele Einflussgrößen, seien es nun zum Beispiel hormonelle Schwankungen, Lifestyle-Faktoren oder Stress, mitbestimmt wird. Dies zu erkennen und anzuerkennen ist für Arzt und Patient gleichermaßen eine Aufgabe. „Individuelle Therapiekonzepte erfordern mehr als nur ein Rezept. Die sprechende Medizin ist hier gefordert“, ist Förderreuther überzeugt. Dass viele Patienten tatsächlich gut auf eine leitliniengerechte Behandlung ansprechen, bestätigen die Follow-up-Daten der Hamburger Studie. So bewerteten die Ärzte die Wirksamkeit der am UKE eingeleiteten Behandlung in 71,2 Prozent der Fälle als sehr gut oder gut. Auch die Akuttherapie wurde in 77,3 Prozent der Fälle als sehr gut oder gut eingestuft. Bei 140 Patienten mit mindestens drei Migräneattacken pro Monat ohne prophylaktische Vorbehandlung erwies sich eine Prophylaxe in 79,3 Prozent der Fälle als sehr gut, gut oder ziemlich gut, die Verträglichkeit fiel mit 75,8 Prozent ähnlich positiv aus. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, so die Ansicht der Autoren, wie wichtig es ist, die Behandlungsleitlinien besser in die tägliche klinische Praxis zu implementieren. Außerdem sollte das Wissen zur Diagnose und Behandlung von Kopfschmerzen in der Ausbildung junger Ärzte eine größere Rolle spielen, so ihr Fazit. Literatur: 1. Feigin VL et al.: Global, regional, and national burden of neurological disorders during 1990–2015: a systematic analysis for the global burden of disease study 2015. Lancet Neurol 2017;16(11):877–897. 2. Katsarava Z et al.: Poor medical care for people with migraine in Europe – evidence from the Eurolight study. J Headache Pain 2018;19(1):10. 3. Lipton RB et al.: Ineffective acute treatment of episodic migraine is associated with new-onset chronic migraine. Neurology 2015;84(7):688–695. 4. May A, Schulte LH: Chronic migraine: risk factors, mechanisms and treatment. Nat Rev Neurol 2016;12(8):455–464.
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