Navigationshilfe durch den Paragrafen-Dschungel: Leitfaden zum Nagoya-Protokoll

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Zwei aktuelle Publikationen bieten praktische Leitlinien zur Einhaltung von Vorschriften, Zugang und Vorteilsausgleich im immer dichter werdenden Geflecht internationaler Vorschriften für die mikrobiologische Forschung.

Forschung findet in einem komplexen rechtlichen Rahmen statt. Das Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH hat zusammen mit einem internationalen Konsortium zwei Publikationen in der Fachzeitschrift „Sustainable Microbiology“ veröffentlicht. Der erste Beitrag „Richtlinie in der Praxis: Wie setzt man das Nagoya-Protokoll um?“ räumt mit gängigen Missverständnissen auf und bietet Forschenden aus aller Welt eine praktische Anleitung für den rechtssicheren Umgang mit biologischen Ressourcen.

Mikroorganismen als Motor für biotechnologische Innovationen

Mikroorganismen spielen eine zentrale Rolle für die biologische Vielfalt, die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen und biotechnologische Innovationen. Die Forschung an mikrobiellen genetischen Ressourcen wird jedoch zunehmend von einem komplexen Geflecht internationaler und nationaler rechtlicher Rahmenbedingungen geprägt.

Die zwei neuen Beiträge gehen diese Herausforderung aus komplementären Blickwinkeln an: eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Einhaltung des Nagoya-Protokolls und ein Überblick über das breitere regulatorische Umfeld, das mikrobielle Ressourcen regelt, einschließlich Regeln zum Zugang und Vorteilsausgleich, geistigem Eigentum, biologischer Sicherheit und sektorspezifischen Vereinbarungen.

Nagoya-Protokoll: Zugang und Vorteilsausgleich

Die Zeiten kolonialer Forschungsexpeditionen sind längst vorbei. Seit Inkrafttreten des Nagoya-Protokolls im Jahr 2010 ist der Zugang zu genetischen Ressourcen an klare Regeln geknüpft: Souveränitätsrechte der Ursprungsländer müssen respektiert und Gewinne fair geteilt werden. „Viele Wissenschaffende verwechseln das Nagoya-Protokoll noch immer mit dem Kyoto-Klimaprotokoll“, erklärt DSMZ-Forscherin Dr. Amber H. Scholz. „Sie haben nur gemeinsam, dass beide in Japan verabschiedet wurden.“

Die Kenntnis über das Nagoya Protokoll sei für Forschende Pflicht. Denn Verstöße gegen ABS-Regeln (Access and Benefit-Sharing) können drastische rechtliche Konsequenzen haben. Ohne Nachweis der Compliance drohen heute beispielsweise die Ablehnung von Manuskripten durch Fachzeitschriften oder der Entzug von Fördergeldern. Die aktuellen Publikationen dienen als „Blaupause“, um diese Fallstricke zu vermeiden. Sie bieten Informationen und eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für die Praxis – von der Einholung der vorherigen Zustimmung (Prior Informed Consent) bis zur Festlegung einvernehmlicher Bedingungen (Mutually Agreed Terms).

Komplexer Rechtsrahmen der mikrobiologischen Forschung

Der zweite Beitrag („Policy Briefing: Vom Zugang zur Nutzung – Die internationalen Rechtsrahmen für mikrobielle Ressourcen entwirren“) erweitert den Blickwinkel über das Nagoya-Protokoll hinaus: Es wird erläutert, dass Mikrobiolog:innen sich oft in einem komplexen Netz von Vorschriften zurechtfinden müssen. Dazu gehören:

  • Übereinkommen über Biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD)
  • Nagoya-Protokoll
  • Digitale Sequenzinformationen (DSI)
  • BBNJ-Abkommen über die biologische Vielfalt der Meere außerhalb der nationalen Hoheitsgewässer
  • Internationaler Vertrag über pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft (ITPGRFA)
  • Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES)
  • Internationales Pflanzenschutzübereinkommen (IPPC)
  • WHO-Rahmenplan zur Pandemievorsorge und WHO-Pandemieabkommen
  • WIPO-Vertrag über geistiges Eigentum, genetische Ressourcen und damit verbundenes traditionelles Wissen

Im Beitrag argumentieren die Autor:innen, dass Forschende und politische Entscheidungstragende einen prägnanten Überblick darüber benötigen, wie sich diese Rahmenwerke überschneiden und ergänzen, anstatt sie isoliert zu betrachten und zukünftig zu harmonisieren oder vereinfachen.

Gerechtere internationale Zusammenarbeit fördern

Gemeinsam zielen die beiden Publikationen darauf ab, eine rechtlich fundiertere, gerechtere und von internationaler Zusammenarbeit geprägte mikrobiologische Forschung zu fördern. Sie betrachten die Einhaltung von Vorschriften nicht als rein administrativen Aufwand, sondern als Teil einer verantwortungsvollen Wissenschaft, die die Herkunftsländer, indigene Völker und lokale Gemeinschaften sowie die übergeordneten Ziele des Schutzes der biologischen Vielfalt und der nachhaltigen Entwicklung achtet. Für weitere Informationen stehen die Forschenden des Departments Science Policy & Internationalisation des Leibniz-Instituts DSMZ zur Verfügung. Weitere Informationen zum Nagoya-Protokoll stellt die DSMZ-geleitete Projektwebseite bereit.