Mit einem starken Primärarztsystem die Versorgung verbessern9. Juli 2026 Symbolbild: © benjaminnolte – stock.adobe.com Eine starke Primärversorgung kann nach Einschätzung von Experten die Versorgungsqualität verbessern und die Kosten senken. Wichtig sind jedoch verbindliche Versorgungspfade, digitale Prozesse und eine Entlastung der Hausarztpraxen. Im internationalen Vergleich sind Primärarztsysteme in OECD-Ländern eher die Regel als die Ausnahme. So zeigt bspw. eine vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung geförderte OECD-Studie, dass Primärarztsysteme international weit verbreitet sind (wir berichteten). Ziel des Systems ist eine bessere Patientensteuerung, weniger unnötige Arztkontakte und eine effizientere Nutzung vorhandener Ressourcen. Als Blaupause wird häufig die hausarztzentrierte Versorgung (HZV) genannt, die 2008 zunächst in Baden-Württemberg eingeführt wurde. Dabei suchen Versicherte zuerst ihre gewählte Hausarztpraxis auf und konsultieren Fachärzte nur auf Überweisung. Evaluationsstudien zeigen laut dem Science Media Center Germany (SMC), dass HZV-Versicherte seltener potenziell vermeidbar ins Krankenhaus eingewiesen werden, höhere Impfquoten erreichen und weniger ungeeignete beziehungsweise teure Medikamente verordnet bekommen. Flächendeckende hausärztliche Grundversorgung Prof. Ferdinand Gerlach (Frankfurt am Main) betont, dass es beim Primärarztsystem jedoch nicht nur um „Gatekeeping“ gehe, sondern vor allem um eine flächendeckende, fallabschließende Grundversorgung in 80 bis 90 Prozent der Fälle. Nur bei etwa 10 bis maximal 20 Prozent der Patientenanliegen sei die Weiterleitung in eine andere Versorgungsebene erforderlich und sinnvoll. Ansätze, die sich vornehmlich oder sogar ausschließlich auf die Steuerungsfunktion konzentrierten, würden daher deutlich zu kurz greifen. „Deutschland hat im internationalen Vergleich eine schwach ausgeprägte Primärversorgungsebene ohne definierte Verantwortlichkeiten für eine definierte Population und stattdessen einen weitgehend ungesteuerten Direktzugang in alle Versorgungsebenen (bis hin zur Maximal- und Quartär-Versorgung). Eine schwache Grundversorgung und der Verzicht auf bedarfsgerechte Inanspruchnahme und strukturierte Steuerung entlang von evidenzbasierten Versorgungspfaden führt zwangsläufig zu hohen Ausgaben, hochtourig-ineffizienten Hamsterrädern und schlechten Gesundheitsergebnissen: Unser Gesundheitssystem ist daher häufig dysfunktional, viel zu teuer oder, anders ausgedrückt, unnötig ineffizient“, so Gerlach. Prof. Michel Wensing (Heidelberg) verweist auf Erfahrungen aus Ländern wie den Niederlanden, Dänemark und dem Vereinigten Königreich, in denen starke Primärversorgungssysteme durch verbindliche Einschreibung in Hausarztpraxen, interprofessionelle Teams und digitale Infrastruktur geprägt sind. Die wissenschaftliche Evidenz für eine starke Primärversorgung sei eindeutig: Sie verbessere die Gesundheit der Bevölkerung, reduziere Ungleichheiten und senke insgesamt die Kosten. Verwaltungsaufwand reduzieren, Versorgung stärken Angesichts von rund 51.000 Hausärztinnen und Hausärzten in Deutschland warnen die vom SMC befragten Experten vor einer Überbeanspruchung der hausärztlichen Kapazitäten, wenn zusätzliche Steuerungsaufgaben nicht durch Strukturreformen begleitet werden. Als zentrale Stellschrauben werden unter anderem eine Abkehr von der quartalsbezogenen, kontaktabhängigen Vergütung, der Ausbau multiprofessioneller Praxisteams sowie eine konsequente digitale Transformation von Versorgungsprozessen genannt. Für die ärztliche Versorgungspraxis könnte ein gut ausgestaltetes Primärarztsystem nach Einschätzung der Experten zu weniger „unnötigen“ Arztkontakten und einer Stärkung der hausärztlichen Rolle sowie einer besseren Koordination insbesondere chronisch Kranker führen. Dazu führt Prof. Jonas Schreyögg (Hamburg) als Beispiel Frankreich an. „Das Problem derzeit ist, dass insbesondere chronisch Erkrankte besser versorgt werden könnten. Das heißt, obwohl wir zu den Ländern mit den höchsten Arztkontakten gehören, ist die Qualität der Versorgung nur Mittelmaß. Der Schlüssel ist eine bessere Koordination der Versorgung, die Primärversorgungsteams übernehmen sollen. Frankreich ist am ehesten mit den Strukturen des deutschen Gesundheitssystems vergleichbar. Denn dort gibt es ähnlich wie hier viele Spezialisten, die in Praxen niedergelassen sind. Das System einer verbindlichen Primärarztversorgung hat sich dort bewährt.“ Ohne verbindliche Einschreibung in eine frei gewählte Primärversorgungspraxis, klare Versorgungspfade und angepasste Vergütungsmodelle droht jedoch die Gefahr, dass zusätzliche Steuerungselemente eher zu mehr Bürokratie führen als zu einer spürbaren Entlastung der Versorgung. (ins)
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