Mit KI gegen chronische Rückenschmerzen: DGS-Präsident Richard Ibrahim im Interview15. März 2026 Digitale Anwendungen können beim Erhalt einer guten Rückengesundheit unterstützen. (Symbolfoto: ©agenturfotografin/stock.adobe.com) Rückenschmerzen sind nach wie vor die häufigste Form chronischer Schmerzen in Deutschland. Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) nutzt den Tag der Rückengesundheit am 15. März, um für eine bessere Prävention und Versorgung zu sensibilisieren. Im Interview erklärt Dr. Richard Ibrahim, Orthopäde, Schmerzmediziner und DGS-Präsident, wann der Weg von der Hausarztpraxis zu spezialisierten Medizinern nötig ist – und warum moderne Schmerztherapie heute weit mehr ist als Tabletten und Operationen. Herr Dr. Ibrahim, was sind derzeit die häufigsten Ursachen für Rückenschmerzen? Ibrahim: Rückenschmerz ist ein Symptom mit unterschiedlichen Ursachen. Von Muskel- und Gelenkproblemen bis hin zu Veränderungen im Bereich des Spinalkanals kann vieles eine Rolle spielen. Zuletzt sahen wir vor allem unfallbedingte Rückenschmerzen – etwa durch Stürze beim Wintersport oder auf vereisten Wegen. Wenn man nicht richtig reagiert, können daraus leider schnell chronische Beschwerden werden. Wann reicht die Behandlung durch Haus- oder Fachärzte nicht mehr aus? Ibrahim: Das Versorgungssystem ist sinnvoll gestuft aufgebaut. Aber wenn Schmerzen chronisch werden und Standardtherapien nicht greifen, sollte eine spezialisierte Schmerztherapie erfolgen. Hier kommen auch Fachärzte an ihre Grenzen, daher sollte man sich zu einem Arzt oder einer Ärztin mit der Zusatzbezeichnung „Spezielle Schmerztherapie“ überweisen lassen. Dort stehen deutlich erweiterte Therapieoptionen zur Verfügung – etwa spezialisierte medikamentöse Strategien, interventionelle Verfahren oder strukturierte multimodale Programme. Wann ist eine Operation nötig? Und wie findet man Spezialisten? Ibrahim: Akute Fälle mit Warnsignalen wie Lähmungen, Schwäche in den Beinen oder Entzündungen erfordern rasches Handeln. In solchen Fällen kann eine Operation notwendig sein, um dauerhafte Schäden zu vermeiden. Bei chronischen Rückenschmerzen gilt jedoch: Zunächst werden alle konservativen und multimodalen Therapieoptionen ausgeschöpft. Schmerzmedizin arbeitet interdisziplinär – wir stimmen uns eng mit Orthopädie, Neurochirurgie, Psychologie und weiteren Fachrichtungen ab. Eine operative Maßnahme erfolgt nur dann, wenn sie medizinisch wirklich indiziert ist und im gemeinsamen Konsens aller beteiligten Disziplinen sinnvoll erscheint. Viele Betroffene wünschen sich vor allem eines – schmerzfrei zu sein. Wie realistisch ist das? Ibrahim: Der Wunsch nach Schmerzfreiheit ist absolut verständlich. Unser Ziel ist es jedoch in vielen Fällen zunächst, Schmerz zu reduzieren und Funktion wiederherzustellen. Chronischer Schmerz lässt sich nicht immer „wegoperieren“ oder „wegmedikamentieren“. Entscheidend ist, dass Patienten wieder aktiv werden, Bewegung nicht aus Angst vermeiden und lernen, mit dem Schmerz umzugehen, ohne dass er ihr Leben bestimmt. Welche Rolle spielen Künstliche Intelligenz (KI) und digitale Gesundheitsanwendungen dabei? Ibrahim: Digitale Tools sind eine wichtige Ergänzung. In der ärztlichen Sprechstunde bleibt oft wenig Zeit für ausführliche Erklärung oder wiederholte Anleitung. Rückenschmerz-Apps auf Rezept, Podcasts oder virtuelle Anwendungen ermöglichen es, Inhalte zu vertiefen, Übungen regelmäßig durchzuführen und Ängste vor Bewegung abzubauen. KI erkennt dabei Fehlhaltungen und passt Übungen individuell an. Die digitalen Hilfsmittel ersetzen keine ärztliche Behandlung – aber sie unterstützen sie. Gerade bei chronischen Rückenschmerzen kann das helfen, langfristig Verhaltensänderungen zu stabilisieren. Hinweis: Das Interview wurde von der DGS zur Verfügung gestellt und redaktionell eingekürzt.
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