Morbus Crohn: Antikörper-Nachweis zur Früherkennung – Chance auf Prävention?

Bei einigen Personen mit einer genetischen Veranlagung zu Morbus Crohn zeigen sich erhöhte Antikörperspiegel gegen Flagellin. Das weckt die Hoffnung auf eine Früherkennung und möglicherweise sogar Prävention. Bildquelle: Colin Dewar/Sinai Health

Erst Symptome, dann die Diagnose? Dank Forschenden aus Kanada könnte sich das für Morbus Crohn vielleicht bald ändern: Bestimmte Personen mit erhöhtem Risiko für die Erkrankung können potenziell frühzeitig durch einen Nachweis von Flagellin-Antikörpern im Blut identifiziert werden.

Morbus Crohn ist eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung (CED), die teils starke Verdauungsbeschwerden, Schmerzen und Fatigue verursacht. Die Symptome treten meist schubweise auf und können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.

Ein Team des Lunenfeld-Tanenbaum Research Institute, Teil des Sinai-Health-Systems und der University of Toronto (Kanada), hat einen Bluttest entwickelt, der Morbus Crohn vorhersagen könnte – und zwar vor dem Auftreten von Symptomen. Grundlage des Tests ist die Immunantwort auf Flagellin, einem Bestandteil von Darmbakterien. Die Ergebnisse der Studie sind in der Fachzeitschrift „Clinical Gastroenterology and Hepatology“ veröffentlicht.

Zusammenspiel von Darmmikrobiom und Immunsystem

Die genauen Ursachen von Morbus Crohn sind weiterhin ungeklärt und mutmaßlich multifaktoriell. Frühere Studien deuten darauf hin, dass genetische Risikovarianten mit der Entstehung in Verbindung stehen. Das ist auch im Einklang mit der Beobachtung einer familiären Häufung. Robuste Früherkennungsmaßnahmen gibt es bislang aber nicht, ebenso keine Präventionsstrategien oder gar Heilung.

Ein bekanntes Problem bei CED ist in vielen Fällen die Schädigung der Darmbarriere. Folglich dringen Darmbakterien in die Darmwand ein und lösen dort Entzündungsreaktionen aus. Unklar ist, ob diese Prozesse bei Morbus Crohn ursächlich für die Entstehung der Erkrankung oder eine Folge vorausgehender Entzündungsprozesse sind.

Hier setzt die Arbeit der Wissenschaftler um Studienleiter Ken Croitoru und Erstautoren Richard Wu und Mingyue Xue an. Denn das Vorhandensein von Flagellin-Antikörpern lange vor dem Auftreten von Symptomen deutet laut Croitoru darauf hin, dass diese Immunreaktion eher zum Ausbruch der Krankheit beiträgt, als deren Folge zu sein.

Antikörper gegen bakterielles Flagellin

Die aktuelle Forschungsarbeit ist Teil des von Croitoru geleiteten Projekts „Genetic, Environmental and Microbial (GEM)“, einer globalen Kohortenstudie mit mehr als 5.000 gesunden Verwandten ersten Grades von Menschen mit Morbus Crohn. Seit 2008 werden genetische, biologische und umweltbedingte Daten gesammelt, um die Entstehung der Krankheit besser zu verstehen. Bislang entwickelten 130 Teilnehmende Morbus Crohn, was den Forschenden die seltene Gelegenheit bietet, die Vorstadien der Erkrankung zu untersuchen.

Forschende der University of Alabama unter der Leitung von Dr. Charles Elson hatten zuvor einen Test zum Nachweis von Antikörpern gegen Flagellin entwickelt. Ihre Daten zeigen, dass Menschen mit Morbus Crohn erhöhte Antikörperspiegel gegen Flagellin von Lachnospiraceae-Bakterien aufweisen. Das Team um Croitoru wollte nun herausfinden, ob diese Immunreaktion auch bei asymptomatischen gesunden Menschen nachweisbar ist, die familiär mit Morbus Crohn vorbelastet sind.

Antikörpertest könnte Risikopersonen identifizieren

Untersucht wurden 381 Verwandte ersten Grades von Patienten mit diagnostiziertem Morbus Crohn, darunter 77 Personen, die später selbst erkrankten. Bei 28 von ihnen, also mehr als einem Drittel, stellten die Forschenden stärkere Antikörperantworten fest. Am stärksten ausgeprägt waren diese Antikörperreaktionen bei Geschwistern. Der typische Zeitraum von der Blutentnahme bis zur Diagnose von Morbus Crohn betrug bei den Personen mit positiven Antikörpertests knapp zweieinhalb Jahre.

Croitorus Team hatte bereits 2021 Ergebnisse dieser Studie veröffentlicht und gezeigt, dass Risikopersonen potenziell frühzeitig erhöhte Antikörperreaktionen aufweisen. In der aktuellen Publikation liefern die Wissenschaftler nun den Nachweis, dass sich diese Antikörper gegen ein konserviertes bakterielles Flagellin-Epitop richten. Damit stünde nicht nur ein potenzieller Biomarker für die Früherkennung zur Verfügung, so die Forschenden. Es eröffne sich auch die Möglichkeit, beispielsweise einen Impfstoff zur Krankheitsprävention oder andere neue Therapiemaßnahmen zu entwickeln.

(mkl/BIERMANN)