MS: Neuer Biomarker ermöglicht frühe Risikoeinschätzung22. Juni 2021 Der Neuroimmunologe Harald Hegen forscht seit vielen Jahren zu MS. (Foto: ©Martin Vandory) Für die Wahl der individuell passenden MS-Therapie ist vor allem die Vorhersage des weiteren Krankheitsverlaufes essenziell. NeurologInnen an der Medizin Uni Innsbruck haben nun einen Biomarker identifiziert, mit dem dieses Ziel in greifbare Nähe rücken könnte. Wie lange Patenten mit Multipler Sklerose (MS) nach Beginn der Erkrankung ohne Einschränkungen bleiben beziehungsweise wann der nächste Krankheitsschub auftritt, ist bislang kaum verlässlich vorherzusehen. Abgesehen von der Anzahl entzündlicher Läsionen im Gehirn, die mittels Magnetresonanztomographie (MRT) dargestellt werden können und eine gewisse Einschätzung des Krankheitsverlaufs erlauben, sind weitere Stratifizierungskriterien rar. „Um den Nutzen gegen die Risiken der verschiedenen Immuntherapien im Einzelfall abzuwägen, ist aber die Erstellung einer individuellen Prognose notwendig“, erklärt der Neuroimmunologe Harald Hegen von der Innsbrucker Universitätsklinik für Neurologie. Gemeinsam mit seinem Team sowie KollegInnen in Wien und Graz ist es Hegen nun im Rahmen einer Beobachtungsstudie gelungen, ein im Liquor cerebrospinalis nachweisbares Protein, die sogenannten κ-freien Leichtketten (κ-FLC, kappa free light chain), als unabhängigen Biomarker für die frühe Prognose der MS zu identifizieren. „Der neue Biomarker birgt einen zusätzlichen Nutzen zu bereits etablierten Risikofaktoren und bringt uns einen Schritt näher zur individualisierten Behandlung von MS“, bestätigt Hegen. κ-FLC Index als unabhängiger Marker bestätigt In die Innsbrucker Studie wurden insgesamt 88 PatientInnen zum Zeitpunkt des ersten klinischen Ereignisses, etwa einer Rückenmarks- oder Sehnerventzündung, eingeschlossen. Das Durchschnittsalter lag bei 33 Jahren, zwei Drittel waren Frauen, damit entsprach die Kohorte einem auch in der Realität typischen PatientInnenkollektiv. Die StudienteilnehmerInnen wurden dann über vier Jahre lang beobachtet. „Bei hoher Krankheitsaktivität ist die Zeit bis zum zweiten Schub kürzer, erfolgt dieser erst später, ist die Langzeitprognose besser. Eine Vorhersage zu Beginn der Erkrankung ist schwierig und erschwert oft die Therapieentscheidung“, so Hegen. In der Studie bestimmten die Forschenden nun anhand einer initialen Liquor-Probe den κ-FLC Index und korrelierten diesen schließlich mit der Zeit bis zum Auftreten des zweiten Krankheitsschubes. Das Ergebnis: PatientInnen mit einem hohen κ-FLC Index (> 100) hatten ein vierfach erhöhtes Risiko für einen schwereren Krankheitsverlauf, die Zeit bis zum zweiten Schub betrug im Schnitt lediglich elf Monate, während bei PatientInnen mit einem niedrigen κ-FLC Index (≤ 100 ) durchschnittlich erst nach 36 Monaten ein zweiter Schub auftrat. „Auch unter Berücksichtigung bekannter prädiktiver Faktoren wie Alter, Geschlecht, MRT Läsionslast und -aktivität, erwies sich der κ-FLC Index als unabhängiger Marker, mit dem Patientinnen und Patienten mit höherer Krankheitsaktivität früh identifiziert und damit der für sie geeigneten Therapie zugeführt werden können“, betont Hegen. In der Liquordiagnostik sind zum Nachweis von Entzündungsprozessen im zentralen Nervensystem bereits seit Jahrzehnten die oligoklonalen Banden (Immunglobuline vom Typ IgG) etabliert, allerdings nur mit der Möglichkeit eines positiven oder negativen Ergebnisses. „Nachdem bei rund 90 Prozent der Patientinnen und Patienten mit MS ohnehin oligoklonale Banden nachweisbar sind, ist ihr prognostischer Wert sehr limitiert. Der κ-FLC Index erlaubt hier erstmals eine weitere Stratifizierung. Außerdem besticht dieser Marker durch niedrigere Kosten und deutlich schnellere Ergebnisverfügbarkeit“, erklärt Hegen. Originalpublikation: Berek K et al. Kappa-Free Light Chains in CSF Predict Early Multiple Sclerosis Disease Activity. Neurol Neuroimmunol Neuroinflamm 2021 May 28;8(4):e1005.
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