MS-Zentrum nutzt Sprachtests als digitale Biomarker

Karikatur zur Evaluierungsstudie für Sprachtests als digitale Biomarker. (Zeichnung: Phil Hubbe/Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden)

Das Multiple-Sklerose-Zentrum der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden startet eine Evaluierungsstudie für ein neues Verfahren zur Diagnostik und Verlaufskontrolle der neurodegenerativen Erkrankung. Bei dem neuen digitalen Projekt steht die Analyse des Sprechens im Mittelpunkt. Gesammelt werden die Daten über eine App. 

Multiple Sklerose (MS) führt mit ihren überall im Gehirn auftretenden Entzündungsherden zu Problemen in den unterschiedlichsten neurologischen Funktionssystemen. Dies betrifft vor allem die Denkfähigkeit, das Sehen sowie motorische Fähigkeiten. Darüber hinaus kann es zusätzlich zu Veränderungen in der Stimmung oder zu anhaltender Müdigkeit (Fatigue) kommen. Diese für MS typischen Symptome wirken sich indirekt auch auf das Sprechen aus. „Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie sich unsere Sprache bei freudigen und traurigen Ereignissen moduliert“, sagt Prof. Tjalf Ziemssen, Leiter der Multiple-Sklerose-Zentrums: „Bei der MS kommen beispielsweise Probleme bei der Bildung von Lauten hinzu, wenn die betroffene Person spricht. Undeutliches, verwaschenes Sprechen, eine monotone Sprachmelodie oder Kurzatmigkeit beim Sprechen können ebenfalls vorkommen“.

Probleme mit der Aufmerksamkeit, dem Gedächtnis und der Wahrnehmung wirken sich ebenfalls auf das Sprechen aus. So kann beispielsweise die Bildung von langen Sätzen bei einer reduzierten Gedächtnisspanne erschwert sein, oder nur selten benutzte Wörter sind nicht mehr erinnerlich. Da die Auswertung der Sprache eine Möglichkeit darstellt, um auch dahinterliegende Funktionen wie Stimmung oder Denkfähigkeit zu erfassen, kann eine Sprachanalyse über mehrere Ansatzpunkte relevante Informationen für die Beschreibung der MS-bedingten Probleme liefern, glauben die Forscher.

Sprachdiagnostik bei Alzheimer-Demenz liefert Blaupause

Die sprachanalytische Erkennung von MS-spezifischen Symptomen wie Müdigkeit, Denken und Depression, ist bei anderen Erkrankungen wie beispielsweise der Alzheimer-Demenz bereits gut belegt. „Ein Transfer der Ergebnisse in den MS-Bereich könnte einen signifikanten Beitrag zum besseren Monitoring der durch Multiple Sklerose ausgelösten Problemen leisten“, erklärte Ziemssen. „Bisher ist aufgrund der Vielfalt der Symptome eine lange, aufwendige Testung notwendig, um die Facetten der Krankheit und den Schweregrad der einzelnen Symptome darzustellen. Die Erfassung von Müdigkeit und Depression kann darüber hinaus oft nur über den Selbstbericht der Patientinnen und Patienten erfolgen, was die Objektivität der Verfahren limitiert. Eine Untersuchung mittels des digitalen Biomarkers Sprache stellt eine einfachere und objektive Ergänzung dar, die sogar auch Spaß machen kann.“

Dieser objektive und standardisierte Ansatz könnte deshalb bereits subklinische Sprechprobleme bei nur leicht von MS beeinträchtigten Personen offenbaren. Darüber hinaus können Zweitaufgaben-Parameter, zum Beispiel das Sprechen während des Gehens, wichtige Einblicke in das Zusammenspiel aus Denk- und motorischen Fähigkeiten geben und eine innovative und feiner differenzierte Untersuchung von Zusammenhängen zwischen verschiedenen MS-Problemen ermöglichen.

App ermöglicht engmaschigeres Monitoring ohne Besuch der Ambulanz

Digitale Biomarker, wie die Sprachanalyse mittels App, verfügen außerdem grundsätzlich über das Potenzial, notwendige Untersuchungen auch aus der eigenen Häuslichkeit mit einem geringeren Aufwand zu ermöglichen. Damit wäre nicht nur ein engmaschigeres Monitoring realisierbar, sondern es ließen sich auch Patienten in die Untersuchung einbeziehen, die beispielsweise aufgrund motorischer Beeinträchtigungen oder der Entfernung zum MS-Zentrum nur in größeren Abständen in Dresden ihre Visiten wahrnehmen können, erklärte das Forscherteam. Hier wäre es möglich, die Sprachanalyse zum Beispiel an die Videosprechstunde anzukoppeln. „Passive“ Sprachanalysen, bei der eine Sprachaufzeichnung während des generellen Arztgespräches erfolgt und analysiert werden kann, sind ebenfalls denkbar. Sie stellen ein zeitsparendes Verfahren für beide Seiten dar, um auch ohne Ambulanztermin Müdigkeit, Denkprobleme, Depression und die Notwendigkeit einer logopädischen Beübung screenen zu können.

Ob sich Sprachtests analog zur Alzheimer-Diagnostik auch bei MS als wichtiger Marker etablieren lassen, wird nun am MS-Zentrum Dresden im Rahmen der Forschungskooperation INTONATE mit dem Schweizer Unternehmen Hoffmann-La Roche und dem Softwareentwickler ki:elements aus Saarbrücken untersucht. Da diese Daten auch mit einer Kontrollgruppe verglichen werden sollen, sucht das MS-Zentrum Dresden teilnahmewillige Patientinnen und Patienten. Sie müssen mindestens 18 Jahre alt sein und sich im Multiple Sklerose Zentrum des Uniklinikums Dresden vorstellen. Voraussetzung ist die Diagnose einer chronisch-entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems. Für die Kontrollgruppe werden zudem gesunde Personen im Erwachsenenalter gesucht, die weder von neurologischen noch psychiatrischen Leiden betroffen sind. Sie erhalten eine Aufwandsentschädigung sowie Erstattung ihrer Fahrtkosten.