Multiple Sklerose: Von Anfang an konsequent behandeln

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Moderne Therapien können den Krankheitsverlauf der Multiplen Sklerose modifizieren und die Häufigkeit der Schübe reduzieren. Bei der Dauertherapie gibt es verschiedene Strategien, wobei eine aktuelle Studie zeigt, dass eine „aggressivere“ Behandlung möglicherweise zu besseren Langzeitergebnissen führt. Darauf weist die DGN hin.

Für die Dauertherapie der Multiplen Sklerose (MS) stehen heute krankheitsmodifizierende Therapien („disease-modifying therapies“/DMTs) zur Verfügung, die zielgerichtet in die Entstehungsmechanismen der MS eingreifen bzw. durch immunmodulierende Effekte langfristig entzündungshemmend wirken. „Die Häufigkeit der Schübe kann damit meistens deutlich reduziert werden, eine Heilung gibt es derzeit leider nicht“, erklärte Prof. Ralf Gold, Direktor des St. Josef Hospitals Bochum, Lehrstuhlinhaber für Neurologie an der Ruhr-Universität.
„Für die Frühstadien einer MS ist jedoch nicht abschließend geklärt, wie aggressiv die Dauertherapie optimalerweise erfolgen sollte.“

Dieser Fragestellung ging eine aktuelle Arbeit nach und untersuchte, ob der Einsatz solcher DMT bereits in den frühen MS-Erkrankungsstadien den Langzeitverlauf positiv beeinflussen kann. Retrospektiv wurden die Langzeiteffekte in einer populationsbasierten Kohorte (1998 bis 2016) ausgewertet und mit der initialen Behandlungsstrategie in Beziehung gesetzt. Von insgesamt 720 MS-Patienten mit DMT konnten 592 (82 %) in die Analyse einbezogen werden. Ausschlusskriterien waren initiale Therapien an anderen Orten oder private Behandlungen, Teilnahme an klinischen Studien und fehlende medizinische Angaben.

Die Patienten wurden danach eingeteilt, ob eine frühe intensive bzw. hocheffektive Therapie („early intensive treatment“ = EIT) erfolgt war oder eine moderat-effektive, eskalierende Therapie (ESC). Primäres Outcome war die Änderung des Behinderungsgrades nach fünf Jahren, gemessen am EDSS-Score. Die Gruppen waren hinsichtlich Geschlecht, Alter, DMT-Beginn und Art der Eskalationstherapie adjustiert worden.

Das mittlere Patientenalter bei Symptombeginn lag bei 27 Jahren, die mittlere EDSS-Änderung über fünf Jahre war in der EIT-Gruppe mit 0,3 signifikant geringer als in der ESC-Gruppe mit 1,2. Die Zeit bis zum Erreichen eines bestimmten dauerhaften Behinderungsgrades (SAD = „sustained accumulation of disability“) betrug in der EIT-Gruppe median 6,0 (3,17–9,16) Jahre und in der ESC-Gruppe 3,14 (2,77–4,00) Jahre. Bei Patienten der ESC-Gruppe, die als Zweitlinientherapie eine Therapieeskalation bis hin zu hocheffektiven DMTs erhalten hatten, betrug die SAD-Zeit 3,3 (1,8–5,6) Jahre. 60 Prozent der ESC-Patienten, die im Verlauf dann eine hocheffektiven DMT erhielten, entwickelten den SAD-Grad während der Behandlung mit moderat-effektiven DMT.

„In einer relativ großen Kohorte von MS-Patienten zeigte sich, dass eine frühzeitige intensive krankheitsmodifizierende Therapie gegenüber einer moderaten DMT den Krankheitsverlauf über die ersten fünf Jahre günstig beeinflusst, gerade im Hinblick auf die Entwicklung bleibender Behinderungen“, resümierte Gold. „Ein vorsichtiger Therapieeinstieg ging hingegen mit einem schlechteren Outcome einher. Vor dem Hintergrund dieser Daten erscheint es notwendig, die derzeit geltenden Kriterien, anhand derer eine Einteilung der Patienten zur initialen Therapiestrategie erfolgt, nun in großen randomisierten Studien zu überprüfen. Bis dahin müssen wir versuchen, schon frühzeitig schubförmige MS-Patienten, die nicht stabil sind, mit stärkeren Therapeutika aus dem heute zugelassenen Therapierepertoire zu behandeln.“

Originalpublikation:
Harding K. et al.: Clinical Outcomes of Escalation vs Early Intensive Disease-Modifying Therapy in Patients With Multiple Sclerosis. JAMA Neurol, 18. Februar 2019