Nachlese zur 75. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Urologie: „DGU-Kongress stärker denn je“

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Mehr als 6200 nationale und internationale Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben die 75. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) vom 20. bis 23. September 2023 im Congress Center Leipzig (CCL) besucht.

DGU-Kongresspräsident Martin Kriegmaier.
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„Damit liegt Leipzig annähernd gleichauf mit dem bekanntlich bisher besten Standort Hamburg“, Generalsekretär Prof. Maurice Stephan Michel hatte nach vier ereignisreichen Kongresstagen allen Grund zur Freude. „Die große Zahl der Besucherinnen und Besucher zeigt, wie wichtig Wissenstransfer und persönlicher Austausch vor dem Hintergrund der aktuellen fundamentalen Umwälzungen im Gesundheitssystem sind“, resümierte DGU- und Kongresspräsident Prof. Martin Kriegmair, der die wohl am stärksten berufspolitisch geprägte Jahrestagung der wissenschaftlichen Fachgesellschaft geleitet hatte.

Der Präsident Europas größter nationaler Vereinigung von Urologinnen und Urologen hatte unter dem Motto #Urologie #interdisziplinar #voraus die interdisziplinäre Zusammenarbeit in einer immer komplexeren Urologie und, im Jahr der großen Gesundheitsreformen, die Transformation des Faches durch Digitalisierung, Krankenhausreform, Ambulantisierung und den Fachkräftemangel in den Fokus gerückt und damit offenbar genau die Bedürfnisse der urologischen Community getroffen, so die Einschätzung der DGU in einer Mitteilung.

DGU stellt Algorithmus für ein risikoadaptiertes, PSA-basiertes Screening vor

Am Eröffnungstag stellte DGU-Generalsekretär Michel im Rahmen einer Pressekonferenz einen Algorithmus für ein risikoadaptiertes, PSA-basiertes Screening mit gegebenenfalls anschließender multiparametrischer Magnetresonanztomografie (mpMRT) vor und appellierte an die Verantwortlichen, die EU-Ratsempfehlung für ein Prostatakrebs-Früherkennungsprogramm als Leistung der Gesetzlichen Krankenkassen umzusetzen. „Es darf nicht sein, dass Deutschland zum Schlusslicht in der Früherkennung des Prostatakarzinoms in Europa wird“, so der Generalsekretär.

Im DGU-Plenum wurde Gesundheitspolitik diskutiert: Ambulantes Operieren könne nach Worten des Präsidenten „eine Erfolgsstory werden“, dafür brauche es eine hohe Fallzahl und eine eigene organisatorische, personelle und bauliche Infrastruktur, die Vergütung müsse ausreichend und entsprechende Investitionsmittel vorhanden sein. Mit Blick auf das Krankenhausstrukturgesetz unterstrich Generalsekretär Michel, dass die Urologie für die kommenden Veränderungen sicher aufgestellt sei und es für den 3. Sektor bislang stationärer Leistungen enger Kooperationen und regionaler Vernetzungen bedürfe.

Ein Plädoyer für die Zweiteilung des DGU-Vorstandsressorts Ressort Wissenschaft und Praxis in Klinik und Praxis hielt der scheidende DGU-Vorstand Dr. Thomas Speck, der während seiner siebenjährigen Höchstamtszeit die Belange niedergelassener Urologinnen und Urologen in dem Gremium vertreten hatte. Auch die Vorsitzende der GeSRU, Dr. Carolin Siech, sandte einen Appell aus dem DGU-Plenum: Weiterbildung müsse auch bei eingeschränkten Ressourcen funktionieren.

Die folgenden Kongresstage boten ein wissenschaftliches Programm, das sechs Plenen, unter anderem zum Prostata- und zum Harnblasenkarzinom, 36 Foren und 365 angenommenen Abstracts in 40 Vortragssitzungen umfasste. Über 30 nichturologische Referentinnen und Referenten trugen der Interdisziplinarität Rechnung. Vorgestellt wurden die Aktualisierungen der S3-Leitlinie Harnwegsinfektionen, der S2e-Leitlinie Diagnostik und Therapie des Benignen Prostatasyndroms (BPS) sowie der S2k-Leitlinie Varianten der Geschlechtsdifferenzierung. Brennende Themen wie Fachkräftemangel, Nachwuchsbindung, neue Versorgungs- und Kooperationsmodelle, Digitalisierung der Urologie, Telehealth, Apps, Künstliche Intelligenz und Co. wurden schwerpunktmäßig adressiert.

Prominente Stimmen auf dem 75. DGU-Kongress

Fast bis auf den letzten Platz besetzt war das Plenum des Präsidenten am Kongress-Donnerstag, in dem DGU-Präsident Kriegmair das Auditorium auf, in seinen Worten, disruptive Veränderungen in der Urologie durch die Krankenhausreform, die Alterung der Gesellschaft sowie den Fachkräfte- und Ärztemangel vorbereitete. Mit Spannung erwartet wurde die Festrede von Ministerpräsident a.D. Dr. Edmund Stoiber. Der 81-jährige ehemalige bayerische Ministerpräsident warb ein Jahr vor den Europawahlen für eine starke europäische Gemeinschaft und blickte auf Deutschlands Rolle in einer globalisierten Welt.

Anhaltenden Applaus gab es für den Stanford-Professor, Neurowissenschaftler und Nobelpreisträger für Physiologie/Medizin Thomas Christian Südhoff, der in seinem wissenschaftlichen Vortrag mit tiefen Einsichten in das Verständnis für das menschliche Gehirn beeindruckte und mit seinen Zukunftsvisionen, etwa zur Genschere CRISPR, bei den anwesenden überwiegend klinischen Medizinern große Hoffnungen weckte, Krankheiten mit innovativen Methoden bekämpfen zu können.

Novum: Protestaktion von Urologinnen und Urologen

Angesichts der anstehenden Transformationsprozesse widmete die DGU am Kongress-Freitag unter dem Titel „Urologie im Spannungsfeld der Reformen“ erstmals ein Plenum der Berufspolitik. Ansichten zur Reformierung der stationären und sektorenübergreifenden Versorgung gab es hier quasi aus erster Hand von Prof. Tom Bschor, dem Koordinator der Regierungskommission Krankenhausversorgung am Bundesministerium für Gesundheit.

Für Aufsehen sorgte am Ende des Plenums die, soweit bekannt, erste Protestaktion auf einem DGU-Kongress, mit der Urologinnen und Urologen ihrem Unmut gegen die derzeitige Gesundheitspolitik Ausdruck gaben. „Keine Staatsmedizin!“, „Für den freien Arztberuf!“ oder „Sichere Finanzierung für Praxis und Klinik!“ war auf den Schildern zu lesen, die nahezu das komplette Auditorium Richtung Berlin adressierte.

Novum auf dem DGU-Kongress: Protestaktion Urologinnen und Urologen. Foto: DGU

Der DGU-Kongress in Leipzig konnte unter dem Hashtag #dgu23 in den Social-Media-Kanälen auf Twitter (@dgurologie und @dgukongress) und Instagram (dgurologen) sowie auf LinkedIn mit Bildern und O-Tönen aus der DGU-Spitze verfolgt werden.

Auch die Vertreterinnen der DGU-Arbeitsgemeinschaft Ärztinnen und Wissenschaftlerinnen, Dr. Hannah Arnold und Dr. Eva Hellmis, meldeten sich via DGU in den sozialen Medien zu Wort. Unter anderem mit dem Wunsch nach paritätisch besetzten Panels auf den Podien und Moderationen des nächsten DGU-Kongresses. Die AG hatte in Leipzig in einem eigenen Forum ein Update zur Situation der Frauen in der Urologie und den Aktivitäten ihrer Arbeitsgemeinschaft gegeben und mit einem Plakat ihrer Arbeitsgruppe „Operieren in der Schwangerschaft“ auf sich aufmerksam gemacht.

„I love urology“

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Viel Aufmerksamkeit und jede Menge Wir-Gefühl konnte das Ressort Öffentlichkeitsarbeit in Leipzig zudem mit seiner Aktion „I love urology“ generieren: Die Anstecker mit dem Bekenntnis zur Urologie waren höchst gefragt, prangten schließlich an vielen Revers und allen, die den Kongress auf Social-Media begleiteten, winkte ein Pop-Socket fürs Handy – natürlich mit der Aufschrift „#DGU“.

Traditionell fanden im Rahmen der DGU-Jahrestagung ein Pflegekongress für die urologischen Pflege- und Assistenzberufe, ein Schülerinnen- und Schülertag sowie ein Studierendentag für den dringend gebrauchten medizinischen Nachwuchs im Zukunftsfach Urologie statt. Auf der Industrieausstellung im CCL präsentierten rund 160 nationale und internationale Unternehmen Neues aus der Pharmaindustrie und der Medizintechnik.

Der DGU-Stand erwies sich in Leipzig, in ausnehmend guter Lage platziert, einmal mehr als hochfrequentierte Anlaufstelle. Die historische Ausstellung der Fachgesellschaft galt anlässlich des 75. Kongress-Jubiläums Aspekten von Tradition, Kontinuität und Fortschritt in einem sich wissenschaftlich stetig wandelnden Fach.

Vorstandswahl stellt Weichen für die zweite Frau an der Spitze der DGU

Mit der Wahl von Prof. Susanne Krege, Essen, zur 2. Vizepräsidentin, die der Satzung der Fachgesellschaft zufolge in der Amtsperiode 2025/2026 in das Präsidentenamt aufrücken wird, stellten die DGU-Mitglieder bei den turnusgemäßen Vorstandswahlen auf dem Kongress in Leipzig die Weichen für die zweite Frau an der Spitze der Fachgesellschaft.

Zum Schatzmeister wiedergewählt wurde Prof. Christian Bolenz, Ulm. Drei weitere Vorstandspositionen waren aufgrund des Ablaufs der Amtszeit neu zu besetzen. Zum Nachfolger von Prof. Marc-Oliver Grimm im Ressort Fort- und Weiterbildung wählten die Mitglieder Univ.-Prof. Boris Hadaschik, Essen, neu in den Vorstand. Für das zweigeteilte Ressort Wissenschaft und Praxis wurde Prof. Dr. med. Daniela Schultz-Lampel, Villingen-Schwenningen, im Bereich Klinik für eine weitere Amtszeit gewählt. Als Nachfolger von Dr. Thomas Speck, Berlin, im Bereich Praxis wurde Prof. Frank König, Berlin, neu in den DGU-Vorstand gewählt.

Der weltweit drittgrößte Urologie-Kongress endete mit dem Gongschlag und der traditionellen Amtsübergabe: Prof. Martin Kriegmair übergab die Präsidentschaft an Prof. Jürgen Gschwend, München, der den 76. DGU-Kongress vom 25. bis 28. September 2024 im Congress Center Leipzig leiten wird.