Nachwuchsprobleme in der Unfallchirurgie durch Image und aktuelle Arbeitsbedingungen

Michael J. Raschke, einer der drei Kongresspräsidenten des diesjährigen DKOU sieht ein Nachwuchsproblem in der Unfallchirurgie. Foto: © DKOU

Prof. Michael Johannes Raschke, Kongresspräsident des diesjährigen DKOU sieht ein Nachwuchsproblem in der Orthopädie und Unfallchirurgie, das langfristig die bisherige medizinische Versorgung in Deutschland gefährdet. Im Vorfeld des Kongresses fordert er zur Problemlösung zeitgemäße Arbeitsbedingungen.

Raschke sieht in der Orthopädie und Unfallchirurgie einen zunehmenden Mangel an Fachärztinnen und Fachärzten und befürchtet, dass Patienten und Patientinnen beim medizinischen Versorgungsstandard zukünftig mit Nachteilen rechnen müssen. Der Kongresspräsident hält fest: „Das Weiterbildungssystem ist unfair“, und verweist dabei auf die für die ausbildenden Kliniken ungünstige Kostenverteilung. Ebenso befürwortet Raschke bessere Arbeitszeitmodelle, um der neuen Generation die Work-Life-Balance-Forderungen einzuräumen. Hier sieht Raschke zwei Lösungsmöglichkeiten, welche die Kliniken zusammen mit der Politik sofort umsetzen müssen, da die positiven Effekte erst in Jahren spürbar sein werden: effektive Teilzeitarbeitsmodelle und finanzielle Anreize zur Weiterbildung.

Kliniken brauchen sofort Teilzeitangebote für Chirurginnen

Der Frauenanteil bei den Medizinstudierenden liege bei 70 Prozent, so Raschke, aber der Frauenanteil in der Orthopädie und Unfallchirurgie liege unter 10 Prozent. Die Ursache liegt nach Beobachtungen von Kongresspräsident Raschke darin, dass Menschen zunehmend Teilzeitmodelle bevorzugen und sich zudem die Lebensplanung der jungen Ärztinnen mit dem Klinikalltag so kaum vereinbaren lässt: „Eine Teilzeitanstellung als Ärztin ist in der Unfallchirurgie schwierig“, und präzisiert: „Die Patienten kommen bei uns nicht auf Termin.“ Dennoch ergänzt der Klinikdirektor: „Teilzeit ist ein moderner Weg, gleichzeitig Ärztin und Mutter zu sein“, und fügt an: „Von Teilzeitverträgen sind viele Kliniken noch weit entfernt. Wir sollten jedoch alles daransetzen, unsere Mitarbeiterinnen, die bei uns eine hochqualifizierte Weiterbildung erfahren haben, wieder in unseren Kliniken zu integrieren.“

Ärztinnen Teilzeitverträge zu ermöglichen ist für Raschke unter geänderten Voraussetzungen heute bereits Realität, vor allem nach der Babypause. In seinen Augen kann ein Wiedereinstieg mit 25 bis 50 Prozent Arbeitszeit beginnen. Gleiches gilt natürlich auch für die männlichen Kollegen, die zur Betreuung der Kinder eine Pause vom chirurgischen Alltag einlegen. Auch flexible Arbeitszeiten seien laut Raschke ein Weg allerdings stünden dem aktuell Hürden entgegen: Die damit einhergehende höhere Zahl an Ärztinnen und Ärzten muss am Markt zur Verfügung stehen. Zwar verursacht die höhere Zahl an Beschäftigten eine komplexe Belegungsplanung, andererseits seien diese Mitarbeiterinnen motiviert und hervorragend organisiert. Der Experte vermutet, dass dieser Weg nur mit neuen Klinikstrukturen, Kooperationsmodellen und Weiterbildungsrotationen realisierbar ist, bei denen Spezialisierungen stärker herausgearbeitet werden: „Wenn Ärztinnen und Ärzte spezialisierte Aufgabenfelder haben, können wir terminlich besser planen. Selbst eine komplizierte Operation ist auch mit Teilzeitkräften problemlos umsetzbar“. Für Raschke ist dies trotz aktueller Hürden dennoch der richtige Weg: „Nur mit zeitgemäßen Arbeitsbedingungen sichern wir den Nachwuchs!“

Das Weiterbildungssystem an deutschen Kliniken ist unfair

Den zweiten Lösungsansatz sieht der Chefarzt in der Regelung der Weiterbildung. Er stuft das Ausbildungsniveau der Ärzte und Ärztinnen an den deutschen Universitätskliniken als hervorragend ein und beobachtet mit Sorge einen Trend: „Universitätskliniken und andere Maximalversorger investieren in die Weiterbildung zum Facharzt viel Zeit, Geld und Knowhow“, und fügt an: „Topausgebildete junge Ärztinnen und Ärzte wandern anschließend in die Privatwirtschaft ab.“ Raschke erklärt das finanzielle Dilemma: Junge Ärzte und Ärztinnen müssen zum Operieren angeleitet werden, um sich zu qualifizieren. Eine Operation benötigte mehr Zeit, wenn diese von jungen Ärzten und Ärztinnen im Rahmen der Weiterbildung unter Anleitung durchgeführt wird. Dieser Aufwand ist notwendig zur Aus- und Weiterbildung, verursache aber automatisch mehr Kosten, worin Raschke Handlungsbedarf sieht: „Wir sollten Weiterbildung nicht bestrafen, sondern belohnen.“ Der Chefarzt sieht in der Weiterbildung einerseits die hohen Herausforderungen an die Ärztinnen und Ärzte, zum Beispiel bei ungewöhnlichen, seltenen Eingriffen oder auch bei aufwändiger Forschung. Er erkennt genau darin die Vorteile für interessierte Mediziner und Medizinerinnen. Ziel sollte es nach Raschke sein, dass diese Ärzte und Ärztinnen mit ihrer Qualifikation entweder den universitären Sektor unterstützen oder in ländlichen Gegenden für einen hohen Standard sorgen.

Raschke befürchtet Ablösesummen wie im Fußball bald auch für Ärzte

Raschke bedient sich eines Vergleichs zum internationalen Fußball. Fußballvereine rekrutieren früh junge Talente und investieren in diese. Wandert dieser Fußballer nach Jahren des Aufbaus an Erfahrung und Knowhow in einen anderen Verein ab, wird dem Ausbildungsverein eine Ablösesumme als Schadensersatz gezahlt: „Wenn die Ausbildungskosten der Universitätskliniken und von anderen großen Einrichtungen nicht fairer verteilt werden, haben wir bald ein Ablösesystem für Ärzte wie im Profifußball. Das darf für Ärzte nicht kommen!“ In der Pflege wird dieses Prinzip bereits praktiziert. Für die erfolgreiche Vermittlung einer Pflegekraft für den Operationsbereich oder auf der Intensivstation zahlen einige Häuser bereits vier- stellige Beträge als „Erfolgssumme“.

Der Kongresspräsident kritisiert nicht den Gang vieler Ärztinnen und Ärzte in die freie Wirtschaft, sondern akzeptiert die persönlichen beruflichen Entscheidungen. Er sieht die Kostenverteilung der vorangehenden Weiterbildung zum Facharzt skeptisch. Raschke kennt Beispiele aus der Schweiz oder Niederlande, die dieses Problem besser gelöst haben: Hier beteiligen sich die Regionen oder das Land an den Weiterbildungskosten zum Facharzt in Form von Gehaltszuschüssen.


Antiquiertes Image der Orthopädie und Unfallchirurgie durch TV-Serien

Der Kongresspräsident Raschke vermutet, dass sich mehr Medizinstudierende für die Orthopädie und Unfallchirurgie entscheiden würden, wenn das Image dieses Berufs an den Kliniken zeitgemäß dargestellt wäre. Er kritisiert das antiquierte Image und vermutet, den Verursacher entdeckt zu haben: „TV-Serien sorgen für ein Negativimage. Studenten sehen Emergency-Movies und glauben, dies sei die Wirklichkeit.“ Dabei sei der hektische Krankenhausalltag in den Serien weit entfernt von der Realität, sagt Raschke: „In der Unfallchirurgie arbeiten wir sehr strukturiert und strategisch. OP-Hektik wie in den TV-Serien ist Hollywood.“

Laut Raschke bieten die Orthopädie und Unfallchirurgie große Vorteile gegenüber anderen Fachrichtungen. So beschreibt der Chefarzt es als höchst motivierend, dass Ärzte und Ärztinnen vom kleinen Zeh bis hin zum obersten Halswirbel den gesamten Patienten im Blick haben, und dies in allen Altersgruppen. Und noch zwei weitere Punkte sprechen seiner Ansicht nach für diese Fachrichtung: In vielen Disziplinen seien die Ergebnisse und der Erfolg der Behandlung erst Jahre später zu erkennen. In der Orthopädie und Unfallchirurgie sei der Erfolg hingegen unmittelbar erkennbar. Außerdem hebt der Kongresspräsidenten hervor, dass sein Fachgebiet in vielen Fällen in der Lage sei, der Patientin oder dem Patienten eine 100-prozentige Heilung zu ermöglichen, was in anderen Fachgebieten nicht möglich sei. „100-prozentige Patientenheilung ist der Wunsch eines jeden Arztes und einer jeden Ärztin. In der Orthopädie und Unfallchirurgie geht das.“