Nationale Herz-Kreislauf-Strategie gefordert: Zeit für eine bessere Patientenversorgung drängt

Stephan Baldus, Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Foto: ©Universitätsklinikum Köln

40 Prozent aller Sterbefälle in Deutschland gehen auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurück. Fachgesellschaften und Patientenvertreterinnen und -vertreter legen nun einen Vorschlag für einen nationalen Aktionsplan vor. Ihrer Ansicht nach ist dieser dringend notwendig, denn der Bund würde Forschung und Innovation auf diesem Gebiet seit Langem nur unzureichend fördern.

„Wer am Herzen erkrankt, ist selbst schuld.“ So wird es in der Öffentlichkeit nach Ansicht kardiologischer Fachgesellschaften meist wahrgenommen. Falsche Ernährung, Übergewicht, mangelnde körperliche Aktivität, Rauchen, eine angeblich selbstverschuldete Zuckerkrankheit, die Liste der vermeintlichen Verhaltensfehler ist lang. In Wahrheit sind diese „Risikofaktoren“ nur für weniger als die Hälfte aller Erkrankungen an den Herzkranzgefäßen verantwortlich, für andere Herzerkrankungen wie Herzmuskelschwäche, Herzrhythmusstörungen oder angeborenen Herzfehlern sogar weniger oder gar nicht. Darauf verweist die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) angesichts der Veröffentlichung eines Positionspapiers, in welchem sie gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie (DGTHG), der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie (DGPK) und der Patientenvertretung Deutsche Herzstiftung eine nationale Herz-Kreislauf-Strategie fordert. Denn viele Patientinnen und Patienten hätten durch eine Änderung des Lebenswandels gar keine Chance, ihren Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.

Konkrete Ansätze zur Verbesserung der Patientenversorgung

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind Volkskrankheiten – meist chronisch, da nur selten heilbar – und gehen häufig mit erheblichen körperlichen und psychischen Belastungen oder gar Pflegebedürftigkeit einher. Allein im Jahr 2019 mussten annähernd 2 Millionen Menschen in Deutschland wegen Herzkrankheiten stationär behandelt werden.

In dem nun vorgelegten gemeinsamen Positionspapier fordern die Fachgesellschaften von der Bundespolitik dringend eine nationale Herz-Kreislauf-Strategie für eine bessere Versorgung von Herzkranken und innovative Forschung in Deutschland. „In Anbetracht der unverändert hohen Erkrankungshäufigkeit und Sterblichkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen müssen für unsere Patientinnen und Patienten vergleichbar große Anstrengungen unternommen werden wie beispielsweise im Bereich der Krebsforschung und -behandlung“, erklärt Prof. Stephan Baldus, Präsident der DGK. „Die Bundesregierung unterstützt das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung gerade einmal mit 13 Prozent des Betrages, der dem Deutschen Krebsforschungszentrum zur Verfügung steht.“

Die Gesellschaften beschreiben in ihrem Papier konkrete Ansätze für eine wesentliche Verbesserung der Defizite in Forschung und Versorgung und wenden sich mit der dringenden Bitte um Unterstützung an die Vertreterinnen und Vertreter der Bundespolitik. Im Mittelpunkt stehen die folgenden Punkte:

Stärkung der kardiovaskulären Forschung

Die Stärkung der Grundlagenforschung und von Projekten, die dazu führen, diese Ergebnisse in den klinischen Alltag umzusetzen, sind ein ganz wesentliches Instrument zur Verbesserung der Patientenversorgung. Große Studien der letzten Jahre haben deutlich gemacht, dass allgemeine Therapieempfehlungen um individuelle, auf das Krankheitsprofil der einzelnen Person abgestimmte Behandlungen erweitert werden müssen, um den Patientinnen und Patienten bestmöglich helfen zu können. Besonders software- und KI-basierte Forschungsstrategien müssen daher in den Fokus rücken und durch die Politik unterstützt werden – ebenso wie industrieunabhängige klinische Studien, die neueste Forschung für Herzkranke verfügbar machen.

Interdisziplinäre Versorgungsnetzwerke aufbauen

Die interdisziplinäre und intersektorale Patientenbetreuung durch den Aufbau von Versorgungsnetzwerken ist ein weiterer Ansatz, der nicht nur das Patientenwohl verbessern, sondern auch die Kosten des Gesundheitssystems begrenzen kann. „Es muss nicht nur die ambulante Versorgung gestärkt werden, die viele Krankenhauseinweisungen durch frühzeitiges Eingreifen verhindern kann, sondern auch die in unserem Gesundheitssystem vorgegebenen starren Strukturen aufgebrochen werden, die im Moment die notwendige Zusammenarbeit unterschiedlicher medizinischer Fachgebiete erschweren“, so Baldus.

Digitalisierung fördern

Eine wichtige Voraussetzung für effektive Versorgungsnetzwerke ist eine Initiative zur Digitalisierung der medizinischen Versorgung in Deutschland. Der Einsatz telemedizinischer Versorgungsprogramme vor allem in Regionen mit geringer Facharztdichte kann die Sicherheit, die Lebensqualität und die Überlebensprognose vieler Patient*innen verbessern. Obwohl überzeugende wissenschaftliche Evidenz für den Erfolg der Telemedizin vorliegt, wird dieses Instrument bisher nur begrenzt eingesetzt.

Früherkennung von Risikopatient*innen

Zuletzt betonen die Expertinnen und Experten in ihrem Papier die Wichtigkeit von Programmen zur Früherkennung von Risikopatientinnen und -patienten, wie es sie bereits in anderen Bereichen gibt, beispielsweise bei der Brust- und Darmkrebsvorsorge. Die Prognose und der Therapieerfolg kann bei vielen Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch eine frühzeitige und konsequente medikamentöse Behandlung von kritischen Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus und Niereninsuffizienz deutlich verbessert werden. Auch Herzrhythmusstörungen früh zu erkennen und rechtzeitig zu behandeln, gehört dazu. Diese Erkrankungen können mit einfachen und kostengünstigen Mitteln wie Langzeit-Blutdruckmessung oder einem EKG und Untersuchungen des Blutes diagnostiziert werden.

„Die Politik muss jetzt handeln“, betont Baldus. „In den kommenden 10 Jahren wird die Zahl der Herz-Kreislauf-Erkrankten voraussichtlich um 25 Prozent steigen. Die Zeit für die Umsetzung der von uns genannten Maßnahmen drängt!“