Neue Behandlung gegen Hirnentzündung13. Juli 2021 v.l.: Prof. Britta Eiz-Vesper, Prof. Thomas Skripuletz und PD Dr. Franziska Hopfner mit Blutproben im Labor für T-Zell-Routinekontrolle des Instituts für Transfusionsmedizin und Transplantat Engineering. (Foto: Karin Kaiser/MHH) Ein interdisziplinäres Team der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hat einen Weg gefunden, die Ausbreitung des John-Cunningham-Virus aufzuhalten, das bei immunsupprimierten Patienten zur progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML) führen kann. Das John-Cunningham-(JC-)Virus infiziert etwa 70 bis 90 Prozent aller Menschen weltweit, ohne dass die meisten es überhaupt bemerken. Doch einmal in den Körper gelangt, schlummert das Erbgut des Erregers dort weiter. Ist das Immunsystem durch eine schwere Erkrankung oder immunsuppressive Medikamente geschwächt oder stillgelegt, wird das Virus reaktiviert und vermehrt sich. Über das Blut kann es in das Zentralnervensystem einwandern. Dann besteht die Gefahr einer seltenen Gehirninfektion, die häufig innerhalb von wenigen Wochen zum Tod führt. Bislang gibt es keine Therapie gegen diese progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML), die das Hirngewebe allmählich zerstört. Doch jetzt hat ein interdisziplinäres Team der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) einen Weg gefunden, die Ausbreitung des Virus aufzuhalten. Sie behandelten zwei PML-Patientinnen mit bestimmten Abwehrzellen, die das JC-Virus im Körper der Betroffenen zurückdrängen konnten. Passgenaue T-Zellen transplantiert Bisher gab es nur eine Behandlungsoption für PML-Patienten, die aufgrund einer Erkrankung oder nach einer Transplantation immunsuppressive Medikamente einnehmen mussten: Wurden diese abgesetzt, bestand die Chance, dass sich die PML nicht weiterentwickelt und möglicherweise ausheilt. Das Absetzen einer Immuntherapie ist aber häufig nicht möglich und kann etwa nach einer Transplantation zum Verlust des Spenderorgans führen. „Jetzt haben wir zum ersten Mal einen Ansatz, das Virus ohne größere Nebenwirkungen direkt zu bekämpfen“, erklärt Prof. Thomas Skripuletz, Oberarzt an der MHH-Klinik für Neurologie. Die Lösung liegt im Blut gesunder Menschen, die zwar mit dem JC-Virus infiziert sind, jedoch nicht krank werden. Sie verfügen über passgenaue Abwehrzellen aus der Gruppe der weißen Blutkörperchen. Werden solche spezifischen T-Lymphozyten in den Körper von PML-Betroffenen transplantiert, bekämpfen sie dort das JC-Virus, und der Zustand der Patienten stabilisiert sich. MHH-T-Zellspenderegister identifiziert die passenden Spender „Das funktioniert allerdings nur dann ohne Probleme, wenn die Zellen der Spender die gleichen Gewebemerkmale haben wie die Empfänger, also HLA-kompatibel sind“, erklärt Prof. Britta Eiz-Vesper, Immunologin am MHH-Institut für Transfusionsmedizin und Transplantat Engineering. Weil das Institut nicht nur eine Herstellungsstätte für Virus-spezifische T-Zellen ist, sondern auch das einzige T-Zellspenderregister führt, kann die Wissenschaftlerin geeignete Personen für eine T-Zell-Spende schnell auffinden. „Wir registrieren bei unseren Blutspendern nicht nur die HLA-Merkmale der Blutzellen, sondern bestimmen gleichzeitig die Anzahl spezifischer T-Zellen gegen unterschiedliche Virustypen“, sagt die Immunologin. So können wirksame und auch verträgliche T-Zellen von mit den Patienten nicht verwandten Spendern für eine Zellgabe verwendet werden. Dafür wird das Spenderblut so stimuliert, dass die gesuchten T-Zellen herausgefiltert werden. Dann können diese entweder direkt verabreicht oder für eine spätere Verwendung eingefroren werden. „In diesem Fall haben wir nach T-Zellen gegen das eng mit dem JC-Virus verwandte BK-Virus gesucht, weil dieses den Anforderungen an die Arzneimittelherstellung entspricht und diese Leukozyten beide Virusarten gleichermaßen erkennen und ausschalten können“, erklärt die Wissenschaftlerin. Viruslast im Nervenwasser nimmt ab „Wir haben für unsere Publikation die erfolgreiche Behandlung einer beidseitig lungentransplantierten und einer weiteren Patientin mit schwerer entzündlicher Erkrankung des Immunsystems mit den BK-Virus-spezifischen T-Zellen beschrieben“, erläutert PD Dr. Franziska Hopfner, Oberärztin an der Klinik für Neurologie. In beiden Fällen führte eine dreimalige Gabe von anti-JC-aktiven Spender-T-Lymphozyten zu einer deutlichen Verbesserung des jeweiligen Gesundheitszustandes. „Das Gehirn erholte sich erstaunlich schnell, und die Viruslast im Nervenwasser nahm deutlich ab“, erklärt die Neurologin. Ein Jahr nach dieser Behandlung seien zwar noch Narben in den betroffenen Hirnregionen sichtbar, aber die Patientinnen seien weitgehend stabil. Inzwischen wurden drei weitere PML-Patienten erfolgreich an der Klinik therapiert. „Damit sind wir auf dem besten Weg von einer nicht behandelbaren Erkrankung zu einer erfolgreichen PML-Therapie“, betont Skripuletz. Das sei umso wichtiger, als die Erkrankung vermutlich zu selten im Blick der behandelnden Ärzte stehe und daher möglicherweise viel häufiger vorkomme als angenommen. „Jedenfalls gibt es immer mehr immunsuppressive Behandlungen bei neurologischen Erkrankungen, was eine Hirninfektion durch das JC-Virus begünstigt“, sagt der Neurologe. Das MHH-Team möchte nun den Wirknachweis der Therapie in einer klinischen Studie erbringen. Dann könnte aus der Einzelfall-Behandlung eine für alle PML-Patienten zugelassene Therapie werden. Originalpublikation:Hopfner F et al. Allogenic BK virus-specific T cell treatment in two patients with progressive multifocal leukoencephalopathy. Neurol Neuroimmunol Neuroinflamm 2021;8(4):e1020.
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