Neue Genvarianten liefern Einblicke in die Entstehung der Fibromyalgie

Das Fibromylagie-Syndrom geht mit chronischen Schmerzen in mehreren Körperregionen einher. (KI-generiertes Symbolbild: ©Pavel/stock.adobe.com)

Ein internationales Forschungsteam hat neue genetische Risikofaktoren identifiziert, die mit dem Fibromyalgie-Syndrom in Verbindung stehen. Sie liefern wichtige Hinweise für ein besseres Verständnis der Erkrankung.

Das Fibromyalgie-Syndrom ist gekennzeichnet durch weit verbreitete Schmerzen und Druckempfindlichkeit, Erschöpfung sowie Probleme mit dem Schlaf, dem Gedächtnis und der Stimmung. Es wird geschätzt, dass etwa zwei Prozent der Weltbevölkerung an dem Syndrom leiden, dennoch ist dessen Ätiologie bislang weitgehend ungeklärt.  Die Ergebnisse einer kürzlich in „Nature Medicine“ publizierten Studie liefern nun wichtige Hinweise auf die zugrundeliegenden pathophysiologischen Mechanismen. Die Studie wurde von einer Gruppe internationaler Wissenschaftler unter Leitung von Dr. Michael Wainberg, Forscher am Lunenfeld-Tanenbaum Research Institute sowie an der Universität Toronto (Kanada), Dr. Nasa Sinnott-Armstrong vom Fred Hutch Cancer Center und der University of Washington in Seattle (USA) sowie Dr. Hanna Ollila von der University of Helsinki (Finnland) und dem Massachusetts General Hospital in Boston (USA) durchgeführt.

Genvarianten deuten auf neurologischen Ursprung der Fibromyalgie

Das Forschungsteam analysierte genetische Daten von mehr als 2,5 Millionen Erwachsenen, darunter 55.000 Fibromyalgie-Patienten. Dabei identifizierten die Wissenschaftler Varianten in 26 Genregionen, die das Risiko beeinflussen, an Fibromyalgie zu erkranken. Viele der in diesen Regionen gelegenen Gene sind an der Funktion des Gehirns und der Nerven beteiligt. Laut den Studienautoren liefern die Ergebnisse den bislang stärksten Beweis dafür, dass Fibromyalgie in erster Linie eine Störung des Nervensystems ist – und keine Autoimmunerkrankung, wie von anderen Forschenden vermutet wird (wir berichteten).

„Diese Arbeit verändert unser Verständnis von Fibromyalgie grundlegend“, sagt Koautor Dr. Michael Wainberg, Forscher am Lunenfeld-Tanenbaum Research Institute sowie an der Universität Toronto. „Seit Jahrzehnten werden Patienten nicht Ernst genommen oder ihnen wird gesagt, ihre Schmerzen seien lediglich psychischer Natur. Unsere Ergebnisse bestätigen, dass die Erkrankung eine klare biologische Grundlage hat.“

Überraschender Zusammenhang mit der Huntington-Krankheit

Die internationale Gruppe um Wainberg und Kollegen trug für die Studie Daten aus elf Kohortenstudien aus den USA, Großbritannien, Finnland, Estland, Dänemark und Island zusammen. Von den 26 identifizierten genetischen Varianten befanden sich diejenigen, die am stärksten mit dem Fibromyalgie-Risiko assoziiert war, im Huntington-Gen (HTT). Andere Mutationen in diesem Gen verursachen die schwere neurodegenerative Erkrankung Chorea Huntington. Eine weitere Variante wies auf einen Rezeptor namens GPR52 hin, der die HTT-Spiegel reguliert. Dieser Rezeptor wird bereits als mögliches Zielmolekül für Medikamente gegen die Huntington-Krankheit untersucht.

Durch die Verknüpfung ihrer Ergebnisse mit einem riesigen Datensatz von 20 Millionen Zellen aus verschiedenen Geweben fanden die Forschenden weitere Belege für einen neurologischen Ursprung der Fibromyalgie. Gene in der Nähe der genetischen Risikofaktoren für Fibromyalgie waren in Zellen des Nervensystems aktiver als in anderen Zelltypen, was die Fibromyalgie von klassischen Autoimmunerkrankungen unterscheidet.

Gemeinsame Mechanismen mit verschiedene Nervenerkrankungen

Die Studie deckte zudem erhebliche genetische Überschneidungen zwischen Fibromyalgie und einer Reihe anderer Erkrankungen auf, darunter Schmerzen im unteren Rückenbereich, das Reizdarmsyndrom und die posttraumatische Belastungsstörung. Die Forscher vermuten, dass gemeinsame biologische Mechanismen innerhalb des Nervensystems Menschen für mehrere dieser Erkrankungen anfällig machen könnten. Das würde auch erklären, warum diese Erkrankungen häufiger gemeinsam auftreten.

„Wir wissen, dass chronische Schmerzsyndrome bei Einzelpersonen und in Familien gehäuft auftreten und genetisch ähnlich sind“, erläutert Koautorin Dr. Frances Williams, Rheumatologin bei TwinsUK am King’s College London (Vereinigtes Königreich). „Eine gezielte Beeinflussung der ihnen zugrunde liegenden gemeinsamen Mechanismen könnte potenziell einer ganzen Gruppe von Erkrankungen zugutekommen.“

Nicht nur genetisch bedingt: Entwicklung der Fibromyalgie ist multifaktoriell

Dennoch ergab die Studie, dass die Genetik nicht der Hauptfaktor dafür ist, ob jemand ein Fibromyalgie-Syndrom entwickelt. Die Autoren vermuten, dass selbst Menschen, die viele genetische Varianten für Fibromyalgie in sich tragen, wahrscheinlich einen weiteren Risikofaktor wie beispielsweise eine schmerzhafte arthritische Erkrankung benötigen, um das Syndrom schließlich auszulösen. „Es ist entscheidend zu verstehen, wie Gene, Umwelteinflüsse und Lebensereignisse gemeinsam zum Risiko für das Fibromyalgie-Syndrom beitragen“, sagt Sinnott-Armstrong. „Weitere Forschungen zu den Auslösern der Fibromyalgie und den damit einhergehenden Veränderungen im Nervengewebe werden dazu beitragen, zu verstehen, was die Fibromyalgie antreibt und wie sie behandelt werden kann.“

Obwohl das Fibromyalgie-Syndrom bei Frauen weitaus häufiger diagnostiziert wird als bei Männern, fanden die Forscher keine genetischen Unterschiede im Risiko zwischen den Geschlechtern. Dies deutet darauf hin, dass die höhere Prävalenz bei Frauen nicht durch genetische Faktoren bedingt ist. Die Forscher vermuten stattdessen hormonelle oder umweltbedingte Einflüsse sowie Unterschiede in der Schmerzempfindlichkeit und den Diagnosemustern.

Besseres Verständnis verschiedener chronischer Schmerzsyndrome

Die Studienautoren betonen, dass ihre Erkenntnisse nicht dazu gedacht sind, einen Gentest für Fibromyalgie zu entwickeln. Auch führen sie nicht unmittelbar zu einer neuen Behandlungsmethode. Sie liefern jedoch wichtige neue Ansatzpunkte für das Verständnis der Biologie der Erkrankung. Die können wiederum zur Orientierung für weitere Forschung im Hinblick auf eine bessere Diagnose und Behandlung dienen.

Um weitere chronische Schmerzsyndrome zu untersuchen, hat die Studiengruppe das „Chronic Pain Genomics Consortium“ gegründet. Das Konsortium betrachtet Fibromyalgie laut eigenen Angaben „lediglich als den Anfang einer umfassenderen Erforschung der Landschaft chronischer Schmerzerkrankungen“. Als nächstes sollen Beckenschmerzen in den Blick genommen werden.

(ah/BIERMANN)

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