Neue Leitlinie und Wegweiser Epilepsie sollen die Therapie verbessern16. November 2023 Foto: © SewcreamStudio – stock.adobe.com Mit der neuen S2k-Leitlinie „Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter“1 steht seit Kurzem eine praxisorientierte, umfassende Entscheidungshilfe für die Diagnostik, Behandlung und Beratung von Patienten mit Epilepsie zur Verfügung. Die unter der Federführung von Prof. Martin Holtkamp, Berlin, und Prof. Theodor May, Bielefeld, völlig neu konzipierte Leitlinie wurde von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie (DGfE) veröffentlicht. Eine der Kernaufgaben der DGfE ist es, die Behandlung von Betroffenen zu verbessern und Stigmatisierung abzubauen. Hierzu leistet die neue Leitlinie einen wichtigen Beitrag. Daher hat die DGfE zum DGN-Kongress 2023 auf ihrer Website den „Wegweiser Epilepsie“ gelauncht. Dies ist ein Online-Informationsangebot, das die Inhalte der neuen Leitlinie gut zugänglich sowie kompakt und verständlich aufbereitet in Form von Expertenvideos und Textbeiträgen zusammenfasst. Die aktuell veröffentlichte S2k-Leitlinie wurde der DGfE zufolge völlig neu konzipiert und stellt somit keine Aktualisierung oder Fortschreibung der bisherigen S1-Leitlinie dar. Das Ziel ist, zur bestmöglichen Diagnostik, Therapie und Beratung von erwachsenen Menschen mit Epilepsie beizutragen und die Versorgung der Betroffenen zu verbessern. Die neue Leitlinie beschreibt die notwendigen diagnostischen Schritte nach einem ersten epileptischen Anfall bzw. zu Beginn einer Epilepsie und deckt das gesamte therapeutische Spektrum ab – von der medikamentösen Therapie über die Epilepsiechirurgie bis hin zu komplementären und supportiven Behandlungsverfahren. Darüber hinaus werden psychosoziale Aspekte thematisiert, die für die Sicherheit und die Lebensqualität der Betroffenen eine große Rolle spielen. Wichtigste Eckdaten der neuen Leitlinie „Nach einem ersten Anfall ist eine sorgfältige Diagnostik entscheidend“, erläutert Prof. Susanne Knake, Marburg, Mitautorin der Leitlinie und Geschäftsführerin der DGfE. Dies umfasse eine genaue Erhebung der Eigen- und Fremdanamnese sowie eine zeitnahe EEG- und eine hochwertige MRT-Diagnostik. Spezielle Labordiagnostik und eine Liquoruntersuchung sind nur bei begründetem Verdacht auf eine entzündliche oder immunvermittelte Hirnerkrankung angebracht. Die Einleitung einer anfallssuppressiven Medikation sollte nach einem ersten unprovozierten Anfall nur dann erfolgen, wenn die Diagnosekriterien einer Epilepsie erfüllt sind. „Die medikamentöse Therapie ist die wichtigste Säule der Epilepsiebehandlung“, betont Prof. Martin Holtkamp, Berlin. Etwa zwei Drittel der Patienten werden auf diesem Wege anfallsfrei. Die Leitlinie enthält klare Empfehlungen für die Mittel der Wahl in Monotherapie bei fokalen und generalisierten Epilepsien. Bei fokalen, neu aufgetretenen Epilepsien ist Lamotrigin das Mittel der ersten Wahl, bei genetischen generalisierten Epilepsien mit Myoklonien und tonisch-klonischen Anfällen wirdValproinsäure empfohlen, letzteres gilt für Männer und – wegen des möglichen teratogenen Effekts– für Frauen nur bei einem sicheren Schutz vor einer Konzeption. Auch auf die Herausforderungen der Polytherapie wird hinsichtlich möglicher Nebenwirkungen und Medikamenteninteraktionen eingegangen. Zudem bietet die Leitlinie konkrete Anwendungsempfehlungen der verschiedenen Medikamente bei bestimmten Patientengruppen wie älteren Menschen oder Frauen im gebärfähigen Alter. Die Leitlinie betont auch die Bedeutung der Epilepsiechirurgie und empfiehlt, Patienten mit pharmakoresistenter fokaler Epilepsie zur prächirurgischen Diagnostik an ein spezialisiertes Zentrum zu überweisen. Dies sollte nach Versagen von zwei anfallssuppressiven Medikamenten erfolgen. Epilepsiechirurgische Eingriffe können bei vielen Betroffenen Anfallsfreiheit bzw. eine erhebliche Reduktion der Anfallshäufigkeit und -schwere bewirken. In der Praxis nehmen der DGfE zufolge jedoch immer noch zu wenige Patienten und wenn dann oft sehr spät diese therapeutische Möglichkeit in Anspruch. Patienten mit Epilepsie haben ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Angststörungen. Bevor spezifische psychotherapeutische oder medikamentöse Behandlungen erwogen werden, sollte der Leitlinie zufolge überprüft werden, ob diese psychischen Probleme Nebenwirkungen der Anfallssuppressiva sein könnten. Bei klinischer Behandlungsindikation stehen medikamentöse antidepressive Therapien, psychotherapeutische Interventionen und internetbasierte Programme zur Verfügung. Eine antidepressive Behandlung sollte nicht aufgrund von Bedenken bezüglich Anfallverschlechterungen vermieden werden. Die Autoren der Leitlinie sprechen sich zudem gegen alternative Therapien wie Homöopathie oder traditionelle chinesische Medizin als Alternative zu Anfallssuppressiva aus und betonen die Wichtigkeit der Aufklärung über mögliche Wechselwirkungen bei der Anwendung ergänzender pharmakologischer Therapieansätze.
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