Neue S3-Leitlinie Tuberkuloseprävention bei Zugewanderten: Vollständig neue Strukturierung des Vorgehens vorgeschlagen25. März 2026 Abbildung/KI-generiert: © Eggie/stock.adobe.com Rechtzeitig zum diesjährigen Welttuberkulosetag (24. März) ist die neue S3-Leitlinie zur Prävention der Tuberkulose bei neu zugewanderten Menschen online gegangen. Erstellt wurde die S3-Leitlinie Tuberkuloseprävention bei neu zugewanderten Menschen (TB-Risk) im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) unter der Leitung des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK) und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI). Ein Expertenteam aus den Bereichen Public Health und Individualmedizin hatte gemeinsam mit Betroffenen in den vergangenen drei Jahren daran gearbeitet, Screening und Prävention in Deutschland zu verbessern. Die Leitlinie wurde durch Mittel des Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) gefördert. „Die derzeitige nationale Strategie zur Tuberkulosekontrolle ist nicht ausreichend“, unterstreicht die federführende Autorin, Dr. Brit Häcker, Pneumologin und ärztliche Mitarbeiterin für das DZK. „Wir schlagen deshalb mit unserer S3-Leitlinie eine komplette Neustrukturierung des aktuellen Vorgehens vor.“ Schlagen mit der S3-Leitlinie eine Neustrukturierung des Tuberkulosescreenings bei neu zugewanderten Menschen vor: die federführende Autorin Brit Häcker (li.) und die wissenschaftliche Leiterin Prof. Berit Lange. (Fotos: © Mike Auerbach/© Verena Meier) Nicht nur Personen aus Gemeinschaftsunterkünften untersuchen So weisen Häcker und Kollegen darauf hin, dass aktuell jeder Zuwanderer per Gesetz einer Untersuchung auf Tuberkulose unterzogen werde, wenn dieser in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht sei. „Da keinerlei Begleitumstände berücksichtigt werden, erfolgen aber einerseits viele unnötige Untersuchungen in den Gemeinschaftsunterkünften und fehlen andererseits Untersuchungsangebote für alle Menschen in anderen Unterkünften“, erklärt die Pneumologin und Tuberkuloseexpertin. Es sei wichtig, die Begleitumstände der neu zugewanderten Menschen zu berücksichtigen, schreiben die Autoren. Screening bei Menschen aus Ländern mit hoher Tuberkulose-Inzidenz anbieten Entsprechend lauten die neuen Empfehlungen: Insbesondere neu zugewanderten Menschen aus Ländern mit einer Tuberkulose-Inzidenz von mehr als 100 pro 100.000 Einwohnern soll eine Untersuchung auf Tuberkulose angeboten werden. Für Menschen bis 35 Jahre soll zusätzlich eine Untersuchung auf eine Infektion mit Tuberkulose (TBI) erfolgen. Wird diese nachgewiesen, soll zudem ein Angebot für eine präventive medikamentöse Therapie gemacht werden. Auch sollen Risikofaktoren wie Begleit- und Vorerkrankungen, Mangelernährung oder erschwerte Fluchtumstände berücksichtigt werden, um Menschen mit dem höchsten Risiko für eine Tuberkulose oder TB-Infektion eine zielgerichtete Untersuchung anzubieten. „Hierdurch können wir vorhandene Mittel viel effizienter und zielgerichteter einsetzen“, erklärt Häcker. Grundlage geschaffen, nun ist die Politik am Zug So richtet sich die wissenschaftliche Leitlinie nicht nur an Ärzte, sondern ebenso an die Politik. „Mit dieser Empfehlung haben wir eine in Europa einmalige evidenzbasierte Grundlage für die Prävention und Behandlung von Tuberkulose bei zugewanderten Menschen geschaffen“, ist die wissenschaftliche Leiterin der Leitlinie, Prof. Berit Lange überzeugt. Die Leiterin der Epidemiologie am HZI und Professorin für Infektionsepidemiologie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) appelliert deshalb an Entscheidungsträger in Berlin: „Nutzen sie diese von vielen Expertinnen und Experten erstellte Empfehlung, um nicht nur individuelles Leid zu verhindern, sondern auch die weitere Verbreitung von Tuberkulose zu verhindern.“ In Deutschland bietet sich mittelfristig durch die in der neuen S3-Leitlinie dargestellte Strategie sogar die Chance, als eines der ersten Länder der Welt TB-frei zu werden. Diesem internationalen Ziel – der EndTB-Strategie – hat die deutsche Politik sich im Rahmen von High-Level-Treffen der Vereinten Nationen zur Tuberkulose bereits 2018 und 2023 verschrieben. „Wir zeigen auf, wie es möglich wird“, sprechen Häcker und Lange für das gesamte Autoren-Team. Christoph Lange (Foto: © Kerstin Pukall) Forschung allein reicht nicht aus Für Prof. Christoph Lange, Medizinischer Direktor des Forschungszentrums Borstel, Leibniz Lungenzentrum, ist Tuberkulose weit mehr als ein rein medizinisches Problem. Während als Hauptrisikofaktor weltweit Mangelernährung, Diabetes, Rauchen, Alkoholabhängigkeit und HIV-Infektionen gelten, weist der Experte auf die Bedeutung sozioökonomischer Faktoren hin. „Das Entscheidende ist der Unterschied zwischen Arm und Reich, der Unterschied zwischen Zugang zum Gesundheitssystem oder keinem Zugang“, erklärt Lange der aktuellen Folge des Wissenschafts-Podcasts „Mikroben im Visier“. Weltweit arbeiten Forschende an neuen Impfstoffen, Medikamenten und Diagnoseverfahren. 17 Impfstoffkandidaten befinden sich in der Entwicklung, 20 Medikamente werden klinisch getestet, und es gibt zudem neue diagnostische Ansätze. Trotz dieser Fortschritte bleibt Tuberkulose eine komplexe Herausforderung. „Wir können die besten Medikamente und Impfungen haben“, sagt Lange. „Aber die sozialen Faktoren sind so stark, dass Forschung allein nicht ausreicht.“ Langes Fazit: „Wir werden Tuberkulose nur erfolgreich bekämpfen, wenn es mehr Gerechtigkeit, Wohlstand und Sicherheit auf der Welt gibt.“ Lange war kürzlich für seine Tuberkuloseforschung mit dem Oskar-Medizinpreis ausgezeichnet worden. Wie die Umgebung das Tuberkuloserisiko prägt Forschende von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) haben kürzlich in „The Lancet Global Health“ einen Ansatz vorgestellt, der Tuberkulose als Folge umfassenderer systemischer Kräfte betrachtet. Die Wissenschaftler bezeichnen es als Konzept der „tuberkulogenen Umgebung“: Gemeint ist damit das komplexe Zusammenspiel von Strukturen, Regulierungen und Lebensbedingungen, das bestimmte Gemeinschaften einem hohen Tuberkuloserisiko aussetzt, selbst wenn medizinische Versorgung verfügbar ist.Laut den Autorinnen und Autoren, darunter die mit der LMU affiliierten Wissenschaftlerinnen Dr. Mikaela Coleman und Prof. Kathrina Kranzer (Institut für Infektions- und Tropenmedizin, LMU Klinikum) umfasst das „tuberkulogene Umfeld“ Armut, unzureichende Wohnverhältnisse, eingeschränkten Zugang zu nahrhaften Lebensmitteln, schlechtbelüftete öffentliche Infrastruktur und unterfinanzierte Gesundheitsdienste. Mit seinem Ansatz kartiert das Forschungsteam die Akteure und Kräfte – über Sektoren, Institutionen, globale Märkte, kommerzielle Interessen und Umweltbedingungen hinweg –, die die Rahmenbedingungen prägen, unter denen Tuberkulose entstehen kann.Den Forschenden zufolge wird bei aktuellen Bemühungen zu viel Verantwortung auf diejenigen abgewälzt, die am wenigsten handeln können – Menschen, die von Tuberkulose betroffen sind, und nationale Tuberkulose-Bekämpfungsprogramme –, während die übergeordneten Strukturen, welche die Epidemie begünstigen, übersehen werden. Ihre systemwissenschaftliche Perspektive zeigt, dass Entscheidungsträger in vielen Sektoren gemeinsam Verantwortung für die Bekämpfung von Tuberkulose tragen. Um Tuberkulose weltweit auszurotten, sind laut den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern koordinierte Maßnahmen erforderlich, die Gleichberechtigung fördern, die Gesundheit schützen und die Umstände verändern, unter denen Tuberkulose weiterhin gedeihen kann.„Wir behandeln Menschen gegen Tuberkulose und schicken sie dann zurück in dieselbe Umgebung, in der sie überhaupt erst daran erkrankt sind – wodurch sich der Kreislauf aus Krankheit und Armut fortsetzt“, sagt Coleman, eine der Erstautorinnen. „Diese Umgebungen werden von Kräften und Akteuren geprägt, die über den nationalen TB-Programmen stehen und über einzigartige Einflussmöglichkeiten verfügen, um Gemeinschaften zu schützen, die in Umgebungen mit hohem Tuberkulose-Risiko leben, arbeiten und alt werden. Wir fragen: Wer ist dafür verantwortlich und was könnte man konkret dagegen tun?“
Mehr erfahren zu: "Weg für Änderungen an Krankenhausreform frei" Weg für Änderungen an Krankenhausreform frei Eine Neuordnung des Kliniknetzes in Deutschland steht eigentlich schon im Gesetz. Umgesetzt wird sie jetzt aber in einer noch einmal geänderten Form – trotz anhaltender Kritik unter den Ländern.
Mehr erfahren zu: "Bundesrat macht Weg für Änderungen an Krankenhausreform frei" Bundesrat macht Weg für Änderungen an Krankenhausreform frei Der Weg für Änderungen an der umstrittenen Krankenhausreform ist nach monatelangem Ringen frei. Der Bundesrat ließ ein vom Bundestag beschlossenes Gesetz passieren, das mehr Spielraum bei der Umsetzung vor Ort […]
Mehr erfahren zu: "Bundestag vereinfacht Anerkennung von ausländischen Medizinern" Bundestag vereinfacht Anerkennung von ausländischen Medizinern Vielerorts wird über Ärztemangel geklagt. Deshalb ist Deutschland zunehmend auf Mediziner aus dem Ausland angewiesen. Und die sollen ihre Arbeit schneller aufnehmen können als bisher.