Neue Stiftungsprofessur für Experimentelle Audiologie in Innsbruck

Ein Arbeitsort von Philipp Zelger, neuberufener Professor für Experimentelle Audiologie an der Medizinischen Univerisität, ist die Camera Silenta. Im stillsten Raum Tirols führt Hör-Experimente durch. Foto: F. Lechner/ MUI

Philipp Zelger ist seit dem 1. Februar Professor für Experimentelle Audiologie. Diesen Lehrstuhl hat die Medizinische Universität Innsbruck gemeinsam mit dem Unternehmen MED-EL an der Universitäts-Klinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen geschaffen.

In den kommenden fünf Jahren finanziert MED-EL eine Stiftungsprofessur für Experimentelle Audiologie an der Medizinischen Universität Innsbruck. „Mit Philipp Zelger wurde ein visionärer Physiker und Audiologe berufen, mit dem wir bereits in der Vergangenheit erfolgreich Forschungsprojekte umgesetzt haben. Mit ihm werden wir auch in Zukunft in Innsbruck ambitionierte Forschung im Sinne der weltweit rund 1,5 Milliarden Menschen mit Hörbeeinträchtigungen vorantreiben“, erklärt Ingeborg Hochmair. Sie hat das Innsbrucker Unternehmen gemeinsam mit ihrem Ehemann Erwin Hochmair gegründet und aufgebaut hat.

Der Rektor der Medizinischen Universität Innsbruck, Gert Mayer, freut sich. Mit der Professur für Experimentelle Audiologie werde die bestehende Partnerschaft mit MED-EL weiter gestärkt: „Als langjähriger Kliniker weiß ich um die Bedeutung von Zusammenarbeit mit engagierten Partner:innen innerhalb der Kliniken, der Medizinischen Universität und auch darüber hinaus, damit Forschungserkenntnisse in Medizinprodukten aufgehen und den Patient:innen zugutekommen können. Ich wünsche Philipp Zelger und MED-EL viel Erfolg für ihre Vorhaben.“

Auf Forschung angewiesen

Die Professur für Experimentelle Audiologie ist a der Universitätsklinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen (HSS) angesiedelt. HSS-Direktorin Simone Graf, betont: „Wir betreuen pro Jahr an unserer Klinik 5000 Patient:innen mit Hörbeeinträchtigung, Hörverlust und angeborener Gehörlosigkeit. Aufgrund der demografischen Entwicklung rechnen wir in den nächsten Jahren damit, noch viel stärker mit dem Thema Hörbeeinträchtigung und den Folgen.“

Wie Graf weiter erläutert, werde laut WHO im 2050 beinahe jeder vierte Mensch von einer Hörstörung betroffen sein. Das betreffe nicht nur ältere Menschen, sondern auch Kinder. Sie verweist auf den diesjährigen Welttag des Hörens Anfang März. In diesem Jahr geht die WHO besonders auf Kinder ein. Die WHO betone die Wichtigkeit von Früherkennung und Therapie, um Langzeitfolgen für Kinder vorzubeugen, so Graf. „Wir sind daher auf Forschung angewiesen und ich bin dankbar, dass wir diese Forschung nun mit Unterstützung von MED-EL intensivieren können,“ so Graf.

Zelger schätzt kurze Wege und kollegialen Austausch

„Nicht sehen trennt von den Dingen, nicht hören trennt von den Menschen.“ Dieses Zitat, das dem Philosophen Immanuel Kant zugeschrieben wird, kann Zelger seit seiner Zeit als Zivildiener in einem Seniorenheim gut nachvollziehen, wie er erzählt. Der 42-jährige Südtiroler hat mit 29 Jahren an der Universität Innsbruck sein Physik-Studium begonnen und mit dem Doktorat im Jahr 2021 abgeschlossen. Seit 2021 ist er an der HSS tätig und hat schon mehrmals auf Projektebene mit MED-EL kooperiert. Er schätzt die kurzen Wege, den kollegialen und fachlichen Austausch.

Als Audiologe ist er auch an den jährlich rund 50 Operationen zur Implantation von Hörsystemen an der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde beteiligt. Zelger ist Mitglied des Implant-Boards: „Chirurg:innen, Logopäd:innen, Psycholog:innen und Audiolog:innen treffen miteinander die Entscheidung, ob jemand ein Hörimplantat erhält und, wenn ja, welches“, erklärt er.

Cochlea-Implantation: Eine Frage der Zeit

Die Versorgung mit Cochlea-Implantaten ist zeitkritisch, vor allem in Patienten, die gehörlos geboren sind. Ab dem zehnten Lebensmonat werden in Innsbruck Cochlea-Implantate eingesetzt. „Je länger ein Kind nichts hört, desto schwieriger wird es, Hören, Verstehen und Sprechen zu lernen“, so Zelger. Genauso ist es für Erwachsene ratsam nicht lange zu warten.

Bisher sieht es das Innsbrucker Protokoll vor, dass ein Implantat erst vier bis sechs Wochen nach der OP eingeschaltet wird. Erst danach starten bisher die Anpassungssitzungen mit den Audiologen und das Hörtraining mit den Logopäden.

Stiftungsprofessur für Experimentelle Audiologie: Early Activation als erstes Ziel

Neue Studien weisen nun aber darauf hin, dass ein früheres Einschalten des Geräts nach der Implantation die Heilung sogar fördern könnte. Als erstes Projekt im Rahmen der Professur für Experimentelle Audiologie haben MED-EL und Zelger entschieden, diesen Ansatz weiter zu verfolgen und die so genannte Early Activation zu untersuchen.

„Einerseits nehmen wir die Elektrode des Implantats und verwenden sie wie ein winzig kleines EEG, um damit die Reaktion des Hörnervs zu messen. Andererseits wollen wir auch den Stapedius-Reflex verwenden. Wenn es zu laut ist, löst der Stapedius eine Bewegung aus, die wir bei der OP sehen“, erläutert Zelger. Erste Anpassungen könnten somit eventuell schon während des Eingriffs durchgeführt werden. So könnten Patienten ihr Implantat direkt am Tag nach der Operation verwenden.

Das Ohr wacht mit Künstlicher Intelligenz auf

Zelger ist seit mehreren Jahren auch in der Lehre an der Med Uni Innsbruck engagiert, wo er den Studierenden Grundlagen der Künstlichen Intelligenz (KI) näherbringt. Auch im Early Activation-Prozess werden seine Fähigkeiten im KI-Bereich zum Einsatz kommen. Denn: Wer schläft oder sich unter Narkose befindet, hört weniger. Mithilfe von KI-Algorithmen werden die Einstellungen, die beim Eingriff durchgeführt werden, auf das Hörvermögen im Wachzustand hochgerechnet. So soll beim ersten Einschalten eine möglichst genaue Einstellung der Lautstärke zu erzielt werden. Das Feintuning erfolgt aber im Wachzustand.