Neue Wege zur Erkennung seltener Erkrankungen5. August 2024 Foto: © momius – stock.adobe.com Im Rahmen einer großen, multizentrischen Studie sind 34 neue genetische Erkrankungen identifiziert worden. Die meisten seltenen Erkrankungen sind genetisch verursacht und angeboren. Die verursachende Erbgutveränderung lässt sich inzwischen weitgehend mit der sogenannten Exom-Sequenzierung (ES) ermitteln. Die ES ist eine Untersuchung aller DNA-Abschnitte, in der die Bauanleitung für Proteine verschlüsselt ist. Bei einer deutschlandweiten Studie wurden von knapp 1600 Patienten – meist Kinder – ES-Daten erhoben und systematisch ausgewertet. Rund 500 von ihnen erhielten damit erstmals eine Diagnose, wobei 34 Betroffene neue, bis zu diesem Zeitpunkt unbekannte genetische Erkrankungen zeigten. Die Ergebnisse des bahnbrechenden Projekts wurden jetzt in der renommierten Fachzeitschrift „Nature Genetics“ veröffentlicht. Beteiligt waren auch Forscher des LMU Klinikums. Prof. Christoph Klein, Direktor der Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital des LMU Klinikums, sagte: „Die wichtigste Botschaft dieser Studie ist die, dass wir über die genetische Analyse im Rahmen einer Next Generation Sequencing Technologie die Präzisionsdiagnostik vorangebracht haben, die Menschen mit seltenen Erkrankungen dringlichst brauchen. Diese neuartige Diagnostik kann für viele Kinder mit seltenen Erkrankungen und ihre Eltern eine lange und quälende Suche nach einer qualifizierten Diagnose beenden. Auch für die Etablierung neuer Gentherapien für seltene Erkrankungen ist es zwingend notwendig, die Gendefekte hinter diesen Erkrankungen zu bestimmen. Aus gesundheitspolitischer Sicht ist diese Studie außerdem ein wichtiges Ergebnis eines Prozesses, der 2010 mit dem Nationalen Aktionsbündnis für Menschen mit Seltenen Erkrankungen (NAMSE) begonnen hat. Eine große Expertengruppe hat daraufhin konkrete Vorschläge für Maßnahmen erarbeitet, die zu Beschleunigung der Diagnosestellung und verbesserter Behandlungsqualität führen sollte. Die Umsetzung des Plans erfolgte auf Antrag einiger Kinderärzte mit einer Förderung des Innovationsfonds der Krankenkassen. Im Rahmen dieses T-NAMSE genannten Projekts haben die Beteiligten vereinbart, dass genetische Analysen im Zuge einer strukturierten Diagnostik unerlässlich sind. Dieser Türöffner hat jetzt zu einer weiteren Entwicklung geführt: Wahrscheinlich ab September werden wir und einige andere Zentren – durch eine Gesetzesänderung erstmals von den Kassen finanziert – in der Lage sein, nicht nur Exome, sondern ganze Genome für die Präzisionsdiagnostik seltener Erkrankungen auszulesen. Schritt für Schritt soll die genomische Diagnostik dann in die Regelversorgung überführt werden.” Dr. Meino Rohlfs, Leiter der Next Generation Sequencing Plattform der Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital des LMU Klinikums kommentierte: „Es dauerte nicht länger als 36 Stunden, dann hatten unsere Maschinen die Exome von jeweils zehn Patienten aus der Kinderklinik für dieses Projekt sequenziert. Sequenziert bedeutet: Wir haben Buchstabe für Buchstabe des genetischen Alphabets im Erbgut unserer kleinen Patienten gelesen. Vorausgegangen ist eine zweitätige Laborarbeit, in der wir aus den Blutproben der Patienten zunächst die DNA isoliert und dann die besonders interessanten Bereiche der Gene angereichert. Das entzifferte genetische Alphabet haben unsere Bioinformatiker nach seltenen Abweichungen abgesucht und mit Daten aus der wissenschaftlichen Literatur verglichen. So kristallisiert sich letztlich heraus, ob ein Patient durch den Defekt in einem Gen erkrankt ist oder nicht. Ohne das technische Equipment in unserem Next-Generation-Sequencing-Labor wäre letztlich auch die Entdeckung neuer seltener Erkrankungen, wie in diesem Projekt geschehen, undenkbar.”
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