Neues Testverfahren ermöglicht Früherkennung von Parkinson

Dr. Michael Bartl, Assistenzarzt in der Klinik für Neurologie und Mitglied der Arbeitsgruppe „Translationale Biomarkerforschung bei neurodegenerativen Erkrankungen“ der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), und Prof. Brit Mollenhauer, Professorin an der Klinik für Neurologie, Arbeitsgruppenleiterin und Chefärztin des Fachbereichs Neurologie Paracelsus-Elena-Klinik Kassel. (Quelle: umg/Manuel Hewitt/fskimmel)

In einem internationalen Kooperationsprojekt haben Forschende der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), der Paracelsus-Elena-Klinik Kassel und des University College London ein Testverfahren entwickelt, das es ermöglicht, die Diagnose einer Parkinson-Erkrankung bei Risikopatienten bis zu sieben Jahre vor dem Auftreten der typischen motorischen Symptome anhand einer Blutprobe vorherzusagen.

Wissenschaftlern der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) und des University College London, Großbritannien, ist es jetzt gelungen, die Parkinson-Erkrankung anhand von Blutproben und künstlicher Intelligenz bei Patienten mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko sieben Jahre vor dem Auftreten der typischen motorischen Symptome vorherzusagen.

Dazu analysierten sie in einem ersten Schritt mittels Massenspektrometrie Proteine in Blutproben von 99 Parkinsonpatienten der Paracelsus-Elena-Klinik Kassel und 36 gesunden Studienteilnehmern. So konnten sie 23 Proteine identifizieren, die Unterschiede zwischen erkrankten und gesunden Teilnehmern aufwiesen und somit als Biomarker für die Erkrankung infrage kommen. In einem zweiten Schritt wurden diese 23 Proteine in den Blutproben von 72 Personen mit einer isolierten Rapid Eye Movement(REM)-Schlafverhaltensstörung untersucht, die ein hohes Risiko für eine Parkinson-Erkrankung darstellt. Zum Zeitpunkt der ersten Blutabnahme hatte keine dieser Personen motorische Hinweise auf eine Parkinson-Erkrankung.Beide Gruppen wurden über einen Zeitraum von zehn Jahren untersucht.

Mithilfe Künstlicher Intelligenz waren acht der 23 Proteine in der Lage, die Parkinson-Erkrankung für 79 Prozent dieser Risikopatienten bis zu sieben Jahre vor Auftreten der Symptomatik vorherzusagen. Klinisch wurde dies in der Langzeitbeobachtung bestätigt. Im Verlauf der Studie erkrankten bereits 16 dieser Patienten an Parkinson.

Das Verfahren soll nun in weiteren Studien bestätigt und für die klinische Anwendung weiterentwickelt werden. Das vierjährige Projekt PROPAG-AGING wurde mit einer Gesamtsumme von rund sechs Millionen Euro von der EU gefördert.

„Mit der Bestimmung von acht Proteinen im Blut können wir potenzielle Parkinson-Patientinnen und -Patienten bereits mehrere Jahre im Voraus identifizieren. Medikamentöse Therapien könnten zu einem früheren Zeitpunkt gegeben werden, was den Verlauf der Erkrankung eventuell verlangsamen oder ihr Auftreten sogar verhindern könnte“, erklärt Dr. Michael Bartl, Assistenzarzt in der Klinik für Neurologie und Mitglied der Arbeitsgruppe „Translationale Biomarkerforschung bei neurodegenerativen Erkrankungen“ der UMG sowie einer der Erstautoren der Studie. „Wir haben nicht nur einen Test entwickelt, sondern stellen die Diagnose anhand von acht Markerproteinen, die direkt mit Prozessen wie Entzündung und Abbau nichtfunktionsfähiger Proteine verknüpft sind. Diese Marker stellen zusätzlich mögliche Ziele für medikamentöse Behandlungen dar“, berichtet Bartl weiter.

Untersuchungen sollen ausgeweitet werden

„Ziel ist es nun, die Untersuchungen mit einem vereinfachten Verfahren nicht nur an Patientinnen und Patienten mit einem erhöhten Risiko für die Parkinson-Erkrankung durchzuführen, sondern bevölkerungsbasiert. Eine fundierte Datenlage ist notwendig, um einen diagnostischen Test zu etablieren und die Ergebnisse in die allgemeine klinische Anwendung zu übertragen“, erklärt Prof. Brit Mollenhauer, Professorin an der Klinik für Neurologie und Leiterin der Arbeitsgruppe „Translationale Biomarkerforschung bei neurodegenerativen Erkrankungen“ der UMG, Chefärztin des Fachbereichs Neurologie der Paracelsus-Elena-Klinik Kassel und Letztautorin der Studie.

Diese Untersuchungen haben bereits begonnen: Zum einen werden neben weiteren Personen mit einer isolierten REM-Schlafverhaltensstörung auch Risikopersonen mit einem reduzierten Riechvermögen untersucht. Zudem führen die Wissenschaftler in Kassel die Studie „Gesund Altern“ durch: Hierzu wurden 170.000 Personen zwischen 50 und 80 Jahren angeschrieben und um die Beantwortung eines Fragebogens zu Risikosymptomen für Parkinson und/oder Demenz gebeten. Fast 10.000 Personen folgten dem Aufruf; 3000 bekamen im zweiten Schritt einen Riechtest zugeschickt und bis Ende dieses Jahres werden 300 Personen mit einem hohen oder einem niedrigen Risiko in der Klinik untersucht; dabei wird auch Blut abgenommen für die weitere Überprüfung des neuen Testverfahrens. Diese Risikogruppe wird ebenfalls unter der Federführung der UMG und der Paracelsus-Elena-Klinik Kassel in Lübeck, Tübingen sowie Innsbruck (Österreich), Barcelona (Spanien), Luxemburg (Luxemburg) und London untersucht.