Neurologische Krankheiten bei COVID-19 – nicht nur häufig, sondern prognosebestimmend

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Etwa jeder siebte stationär behandelte Patient mit COVID-19 entwickelt schwerwiegende neurologische Komplikationen, die auch Implikationen auf das Outcome der Betroffenen haben. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) zum Auftakt ihres Kongresses hin, der in diesem Jahr digital stattfindet.

Eine Anfang Oktober in „Neurology“ publizierte Studie1 erhob prospektiv die Prävalenz neurologischer Begleiterscheinungen bei hospitalisierten COVID-19-PatientInnen. Erfasst wurden nur schwere neurologische Erkrankungen, hingegen keine „leichten“ neurologischen Begleitsymptome wie Geruchs- oder Geschmacksstörungen. Die Rate ernsthafter neurologischer Komplikationen betrug 13 Prozent: Alarmierend war, so die DGN, was diese neurologischen Begleiterkrankungen für das Outcome der Betroffenen bedeuteten: Sie hatten eine um fast 40 Prozent erhöhte Sterblichkeitsrate im Vergleich zu hospitalisierten COVID-19-PatientInnen ohne neurologische Begleiterkrankungen.

In der prospektiven Multicenter-Beobachtungsstudie wurden die Verläufe von fast 4500 PatientInnen, die zwischen März und Mai in New York wegen einer COVID-19-Erkrankung in einem Krankenhaus behandelt wurden, analysiert. Im Ergebnis zeigte sich, dass 13,5 Prozent der PatientInnen neurologische Begleiterkrankungen entwickelten. Diese neurologischen Diagnosen traten im Median zwei Tage nach Auftreten der COVID-19-Symptomatik (wie Fieber, Erkältungserscheinungen, Diarrhö) auf. Der mediane Zeitraum bis zum Auftreten nach der Einweisung in ein Krankenhaus betrug -0,6 Tage, was bedeutet, dass viele PatientInnen bereits vor oder zum Zeitpunkt der Einweisung unter den neurologischen Beschwerden litten.

Am häufigsten waren toxische oder metabolische Enzephalopathien (6,8 % der Fälle), Schlaganfälle (1,9 %), epileptische Krampfanfälle (1,6 %) und hypoxische Hirnschädigungen (1,4 %). Erfasst wurden nur von NeurologInnen diagnostizierte schwerwiegende Manifestationen (Enzephalopathien, Schlaganfälle, Neuropathien einschließlich Guillain-Barré-Syndrom, Myopathien, Bewegungsstörungen, Enzephalitiden und Myelitiden), was erklärt, warum die Rate neurologischer Begleitsymptome mit 13,5 Prozent in dieser Studie relativ gering war. Andere Studien2,3, die auch leichtere neurologische Symptome wie Geruchs- und Geschmacksstörungen erfassten, dokumentierten eine Prävalenz von bis zu 84 Prozent, was bedeutet, dass 4 von 5 PatientInnen, die im Krankenhaus wegen COVID-19 behandelt werden, neurologische Begleitsymptome aufweisen.

„Aber eine Rate von schwerwiegenden neurologischen Komplikationen von 13 Prozent ist erschreckend hoch, letztlich bedeutet dies, dass jeder siebte bis achte Patient betroffen ist“, erklärt Prof. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). „Für die Betroffenen ist dies eine erhebliche Belastung, weil die neurologischen Begleiterkrankungen eine klare Implikation für die Prognose haben, wie die vorliegende Arbeit zeigt.“

Die Autoren verglichen das Outcome der PatientInnen mit neurologischen Begleiterkrankungen mit dem Outcome derjenigen ohne neurologische Manifestationen. Verglichen mit diesen waren die neurologisch Betroffenen älter (im Median 71 vs. 63 Jahre alt), häufiger männlichen Geschlechts (66 vs. 57 %) und weißer Hautfarbe (63 vs. 45 %). Doch auch nach Herausrechnen dieser und weiterer Risikofaktoren, also Adjustierung nach Alter, Geschlecht, SOFA-Score („Sepsis-related Organ Failure Assessment”), Intubation und Vorerkrankungen, hatten COVID-19-PatientInnen mit neurologischen Begleiterkrankungen ein um 38 Prozent höheres Risiko, im Krankenhaus zu versterben (p<0,001), und eine um 28 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit, nach Hause entlassen werden zu können (p<0,001).

„Die hier erfassten neurologischen Manifestationen sind ein Indikator für den Schweregrad der COVID-19-Erkrankung. Mit zunehmendem Wissen um die Pathogenese dieser meist sekundär entstehenden neurologischen Krankheitsbilder wird eine gezielte Behandlung einzelner Manifestationen möglich. Daher sollte bei der intensivmedizinischen Versorgung schwer erkrankter COVID-19-PatientInnen neurologische Expertise vorhanden sein“, erklärt Berlit und verweist auf die Leitlinie „Neurologische Manifestationen bei COVID-19“.4

Der Experte leitet aus der neuen Studie1 noch eine weitere Erkenntnis ab: Sekundär wurde erhoben, welchen Einfluss der Zeitpunkt des Einsetzens neurologischer Beschwerden auf die Mortalität hat. Es zeigte sich, dass PatientInnen, bei denen sich neurologische Begleiterkrankungen erst nach der Aufnahme ins Krankenhaus einstellten, eine sehr viel schlechtere Prognose hatten als die, bei denen sie bereits vor oder zum Zeitpunkt der Aufnahme vorlagen. „Das bedeutet, dass wir bei hospitalisierten COVID-19-PatientInnen neurologische Screenings durchführen müssen, damit wir eine schwerwiegende neurologische Komplikation frühzeitig erkennen und behandeln können. Gerade bei schwerstkranken, beatmeten PatientInnen können solche Diagnosen ansonsten übersehen werden und zur hohen Mortalität der Betroffenen beitragen.“

Originalpublikationen:
1. Frontera JA et al. A Prospective Study of Neurologic Disorders in Hospitalized COVID-19 Patients in New York City.
Neurology, 5. Oktober 2020 
2. Helms J et al. Neurologic Features in Severe SARS-CoV-2 Infection. NEJM, April 15, 2020.
3. Liotta E et al. Frequent neurologic manifestations and encephalopathy‐associated morbidity in Covid‐19 patients. Annals of Clinical and Translational Neurology, 5. Oktober 2020. 
4. Berlit P et al. Neurologische Manifestationen bei COVID-19, S1-Leitlinie, 2020, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie.