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Montag, 06. Juli 2026
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Liebe Leserinnen und Leser,
wir blicken auf vier intensive und heiße Kongresstage in Genf zurück. Der diesjährige Kongress der European Academy of Neurology (EAN) hat unter dem Motto „Brains, Bytes & Beyond: Tech in Neurology“ eindrucksvoll unterstrichen, wie sehr technologische Innovationen, digitale Methoden und Künstliche Intelligenz (KI) die Neurowissenschaften bereits heute prägen und künftig verändern werden.
Wie wir diesen Fortschritt zum Wohle der Patientinnen und Patienten gestalten können, war ein zentrales Thema zahlreicher Debatten. Prof. Daniela Berg, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), betont im Interview, dass wir trotz aller Technik dennoch nicht die Basis aus den Augen verlieren dürfen: Das Staunen über die Funktionsweise des Gehirns, die sorgfältige Beobachtung und vor allem das Zuhören, um von den Betroffenen selbst zu lernen. Nur wenn wir die Perspektive der Patientinnen und Patienten konsequent einbinden, entstehen die richtigen wissenschaftlichen Fragen.
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Am 27. Juni 2026 startet der Kongress der European Academy of Neurology (EAN) in Genf unter dem Motto „Brains, Bytes & Beyond: Tech in Neurology“. Im Vorfeld spricht Prof. Daniela Berg im Interview über neue Perspektiven in der Parkinson-Forschung, die Bedeutung der Hirngesundheit und darüber, wo Deutschland im europäischen Vergleich Nachholbedarf hat.
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In diesem Sondernewsletter lassen wir einige der Highlights aus Genf Revue passieren und geben Ihnen einen Überblick über die wichtigsten Themen, die die Neurologie in den kommenden Jahren beschäftigen werden.
Bytes: Der Weg der KI in die klinische Praxis
„Bytes“ – dieser Teil des Kongressmottos wurde besonders im Vortrag von Prof. James Teo greifbar. Die zentrale Botschaft: Die Herausforderung liegt nicht mehr allein in der Entwicklung neuer KI-Modelle, sondern in deren sicherer Skalierung und Integration in den klinischen Alltag. Während administrative Anwendungen wie das automatisierte Schreiben von Arztbriefen schnell Einzug halten, unterliegen diagnostische KI-Systeme als Medizinprodukte strengen regulatorischen Hürden.
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Künstliche Intelligenz (KI) hält zunehmend Einzug in den klinischen Alltag – auch in der Neurologie. Die eigentliche Herausforderung besteht jedoch nicht mehr in der Entwicklung neuer KI-Modelle, sondern darin, sie sicher, regulatorisch korrekt und sinnvoll in die Patientenversorgung zu integrieren. Darauf ging Prof. James Teo auf dem diesjährigen EAN-Kongress in Genf ein.
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Entscheidend für den klinischen Bereich bleibt: Die Verantwortung liegt weiterhin beim Menschen. Und auch Patienten schreiben die Letztverantwortung für KI-gestützte Entscheidungen primär ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzten zu. Künftig wird es daher weniger auf Programmierkenntnisse ankommen, als vielmehr auf die Kompetenz, KI-Ergebnisse kritisch zu hinterfragen und fachlich zu bewerten. Ein spannender Ausblick war zudem die Vorstellung von „Foundation Risk Prediction Models“, die durch digitale Patientenzwillinge individuelle Krankheitsverläufe und Therapieeffekte vorhersagbar machen könnten.
Gleichzeitig bieten digitale Technologien und KI für Patientinnen und Patienten bereits jetzt schon große Unterstützung im Alltag. Menschen mit Narkolepsie oder dem Restless-Legs-Syndrom können sie beispielsweise die Dokumentation ihrer Krankheit erleichtern. Betroffene mit ME/CFS profitieren vor allem vom Ausbau der Telemedizin.
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Wearables, Telemedizin und Künstliche Intelligenz: Welche Potenziale bieten digitale Technologien in der neurologischen Versorgung von Betroffenen mit Narkolepsie, ME/CFS und Restless-Legs-Syndrom und wo liegen ihre Grenzen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Studio Session auf dem EAN Congress 2026.
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Brains: Von der digitalen Vorhersage zur präzisen Therapie
Dass der wahre Wert solcher Datenmodelle in der Schärfung unseres klinischen Blicks liegt, betont auch Berg. Für ihre Parkinson-Forschung sind digitale Methoden und große Datensätze vor allem Werkzeuge, um das komplexe Spektrum der Krankheit und ihre individuellen Verläufe besser zu verstehen. Wie die Neurologin ausführte, ermöglichen digitale Methoden und Wearables heute eine kontinuierliche und objektive Erfassung von Symptomen im Alltag, wodurch ein realistischeres Bild der Erkrankung entstehe.
Diese technologische Präzision findet ihre klinische Entsprechung in der adaptiven tiefen Hirnstimulation (THS), die seit 2025 für die Behandlung von Parkinson verfügbar ist. Prof. Andrea Kühn erläuterte in Genf, wie diese Technologie die Stimulation dynamisch an die aktuelle Symptomlast anpasst, indem sie die Beta-Aktivität im Nucleus subthalamicus als Biomarker nutzt. Erste Daten zeigen, dass Patienten unter adaptiver THS im Vergleich zur kontinuierlichen Stimulation eine deutlich längere tägliche On-Zeit ohne störende Dyskinesien gewinnen können.
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Die adaptive tiefe Hirnstimulation (THS) kann die Stimulation bei Parkinson-Krankheit dynamisch an die aktuelle Symptomlast anpassen. Die Translation der adaptiven THS in den klinischen Alltag eröffnet neue Chancen für eine individualisierte Therapie – bringt allerdings noch einige Herausforderungen mit sich.
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Dennoch bleibt die praktische Umsetzung – von der Vorbereitung bis zur Optimierungsphase – zeitaufwendig und anspruchsvoll, weshalb eine sorgfältige Patientenselektion entscheidend ist. Aktuell ist das Verfahren vor allem für Patienten mit Wirkfluktuationen unter kontinuierlicher THS eine vielversprechende Option, um die Therapie weiter zu individualisieren.
Beyond Gender: Präzisionsmedizin erfordert Inklusivität
So vielversprechend diese technologischen Fortschritte für die Parkinson-Therapie auch sind, sie entfalten ihren Nutzen nur, wenn sie alle Patientengruppen gleichermaßen erreichen. In der klinischen Realität bestehen hier jedoch nach wie vor erhebliche Barrieren. Daten zeigen beispielsweise, dass Frauen trotz hoher Wirksamkeit seltener für invasive Verfahren wie die THS überwiesen werden als Männer. Diese Diskrepanz führt direkt zu einer der drängendsten Fragen des Kongresses: Wie inklusiv ist unsere Forschung und Versorgung tatsächlich?
Passend dazu widmete sich eine Studio Session der „Gender-Data-Gap“. Die Expertinnen machten deutlich, dass eine echte Präzisionsmedizin nicht nur das biologische Geschlecht (sex), sondern auch die Geschlechtsidentität und soziale Faktoren (gender) einbeziehen muss.
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Die „Gender-Data-Gap“ ist auch in der Neurologie ein großes Problem – mit Folgen für Diagnostik, Therapie und Forschung. Warum neurologische Versorgung künftig nicht nur das biologische Geschlecht, sondern auch die Geschlechtsidentität berücksichtigen sollte, diskutierten internationale Expertinnen und Experten auf dem EAN-Kongress 2026.
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Besonders deutlich wird der Forschungsbedarf bei der Versorgung von transgeschlechtlichen und genderdiversen Menschen. Während hormonelle Therapien etwa das Risiko für Schlaganfälle beeinflussen können, fehlen für viele neurologische Krankheitsbilder wie Parkinson oder Migräne bei dieser Patientengruppe schlicht die Daten.
Zudem führen fehlende geschlechtsspezifische Referenzwerte, etwa in der Demenzdiagnostik, weiterhin zu Fehldiagnosen, da Frauen in verbalen Gedächtnistests oft anders abschneiden als Männer. Ein konkretes Beispiel lieferte auch eine in Genf vorgestellte Studie der Mayo Clinic: Frauen mit Parkinson weisen eine signifikant höhere Amyloid-Plaque-Last im Gehirn auf als Männer, was auf eine höhere biologische Anfälligkeit für Alzheimer-typische Veränderungen hindeutet. Daran wird deutlich: Die Gender-Data-Gap beginnt in der Grundlagenforschung – und kann auch nur dort geschlossen werden.
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Frauen mit Parkinson-Krankheit könnten anfälliger für Alzheimer-typische Veränderungen im Gehirn sein als Männer; dies geht aus neuen Forschungsergebnissen hervor, die auf dem Kongress der European Academy of Neurology (EAN) 2026 vorgestellt wurden1.
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Hirngesundheit als Fundament unserer Zukunftsfähigkeit
Ein Thema, das Berg besonders am Herzen liegt, ist die Erkenntnis, dass Hirngesundheit keine reine Privatangelegenheit ist, sondern eine zentrale Voraussetzung für Bildung, Teilhabe und wirtschaftliche Produktivität unseres Landes. Wenn das Gehirn Schaden nimmt, betrifft dies das soziale Gefüge in seinem Kern. Wie massiv dieses Fundament durch äußere Faktoren bedroht wird, verdeutlichte der Vortrag von Prof. Justyna Paprocka zum „Climate Brain“.
Der Klimawandel fungiert hierbei als lebenslanger Modifikator der Gehirngesundheit. Bereits die pränatale Exposition gegenüber Hitze und Luftverschmutzung steht in Zusammenhang mit strukturellen Veränderungen des Gehirns und schlechteren kognitiven Leistungen im Kindesalter. Diese frühen Umwelteinflüsse schwächen die kognitive Reserve einer ganzen Generation und erhöhen deren Anfälligkeit für neurologische Erkrankungen im Alter.
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Der Klimawandel könnte das Gehirn schon vor der Geburt prägen. Bereits pränatale Expositionen gegenüber Hitze und Luftverschmutzung stehen mit Veränderungen der Hirnentwicklung in Zusammenhang. Darauf verwies Prof. Justyna Paprocka von der Medical University of Silesia (Polen) in ihrem Vortrag „The climate brain: a lifespan perspective on neurological disease“ auf dem EAN-Kongress 2026 in Genf.
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Akut zeigt sich diese Korrelation bereits jetzt: Bei extremer Hitze wie im vergangenen Monat steigen die epilepsiebedingten Krankenhauseinweisungen signifikant an, und auch Menschen mit Demenz landen bei extremen Temperaturen deutlich häufiger in der Notaufnahme. Da neurologische Erkrankungen die höchste Krankheitslast weltweit verursachen, führen klimabedingte Schädigungen der Gehirngesundheit unweigerlich zu einer weiteren Belastung der Sozialsysteme und einer Schwächung der wirtschaftlichen Kraft unseres Landes.
Der EAN 2026 hat deutlich gemacht, dass der technologische Fortschritt die Neurologie buchstäblich auf den Kopf stellt. Entscheidend wird nun sein, ihn verantwortungsvoll in die Versorgung zu übertragen – wissenschaftlich fundiert, patientenzentriert und mit dem Blick auf die gesellschaftlichen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte.
Doch wie Berg mahnt, sei dies letztlich vor allem eine gesundheitspolitische Aufgabe. Angesichts der Tatsache, dass in Deutschland derzeit lediglich ein Tausendstel der Gesundheitsausgaben in die Prävention fließt, bleibt ihr Appell für die kommenden Jahre: „Investitionen in Hirngesundheit sind Investitionen in die Zukunft unserer Gesellschaft“.
Wir hoffen, dass Ihnen unser Überblick wertvolle Impulse für Ihre tägliche Arbeit liefert. Selbstverständlich halten wir Sie auch weiterhin über alle News und Entwicklungen aus der Welt der Neurowissenschaften auf unserem Fachportal und in unserem regulären Newsletter auf dem Laufenden. Wir bedanken uns für Ihr Interesse an dieser Sonderberichterstattung und freuen uns schon auf die deutsche Fortsetzung beim DGN-Kongress im November.
Ihre Lena Johannes und Ihr Milo Klesse
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„EAN 2026 Spezial“ ist ein Titel der Biermann Verlag GmbH in Köln. Sie erhalten diese E-Mail, da Sie für einen Newsletter angemeldet sind. Sie können in unserem Fachportal weitere Newsletter zu verschiedenen medizinischen Fachrichtungen abonnieren. Sollten Sie kein Interesse mehr an diesem Newsletter haben, können Sie sich hier abmelden. Haben Sie Fragen oder Anregungen zu unseren Themen und Inhalten, freuen wir uns auf Ihre E-Mail: [email protected] Bitte beachten Sie, dass dieser Newsletter nur Angehörigen der Heilberufe gemäß HWG §10 zugänglich gemacht werden darf; das gilt auch für das Weiterempfehlen und Weiterleiten.
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