Notfallversorgung unter Druck: Fachleute fordern bessere Patientensteuerung9. März 2026 Michael Ebling, Innenminister aus Rheinland-Pfalz, beim Besuch des Deutschen Interdisziplinären Notfallmedizin Kongresses in Koblenz. (Foto: ©DGAI) Steigende Einsatzzahlen, gebundene Rettungsmittel und veränderte Klinikstrukturen erhöhen den Druck auf die Notfallversorgung. Wie kann sie unter diesen Bedingungen effizient und zugleich patientengerecht organisiert werden kann? Diese Frage war zentrales Thema beim Besuch des rheinland-pfälzischen Innenministers Michael Ebling auf dem Deutschen Interdisziplinären Notfallmedizin Kongress (DINK) in der Koblenzer Rhein-Mosel-Halle. Im Mittelpunkt stand die Weiterentwicklung der Patientennavigation. Ziel ist es, Hilfesuchende bereits beim ersten Kontakt strukturiert nach medizinischer Dringlichkeit einzuschätzen und gezielt in die passende Versorgungsstruktur zu lenken – in den Rettungsdienst, die Notaufnahme, den ärztlichen Bereitschaftsdienst oder in ambulante Angebote. „Notfallversorgung beginnt nicht erst am Krankenhausbett, sondern mit der richtigen Steuerung am Anfang der Versorgungskette“, betonte Prof. Jörg Christian Brokmann, Mitglied des Organisationskomitees des DINK und Ärztlicher Leiter der Zentralen Notaufnahme an der Uniklinik RWTH Aachen. Eine strukturierte Ersteinschätzung in den Leitstellen, standardisierte Notrufabfragen, digitale Unterstützungssysteme und eine enge Vernetzung mit den Kliniken seien entscheidende Bausteine. „Nur wenn wir diese Steuerung verbessern, können wir Ressourcen gezielt einsetzen und zugleich die Versorgungsqualität sichern.“ Reform der Notfallversorgung lässt auf sich warten Genau diese Instrumente sollen mit der geplanten Reform der Notfallversorgung bundesweit verbindlich eingeführt werden. Doch die gesetzliche Neuordnung wird inzwischen in der dritten Legislaturperiode beraten; der aktuelle Entwurf befindet sich weiterhin in der Abstimmung. Bereits vor zwei Jahren hatte Prof. Brokmann im Rahmen des Kongresses gewarnt: „Die Zeit drängt. Reformvorschläge liegen ausreichend vor. Es fehlt die Umsetzung.“ Diese Einschätzung gelte leider noch immer. Unabhängig vom Stand des Gesetzgebungsverfahrens wurde in Koblenz deutlich, worauf es fachlich ebenfalls ankommt: Eng mit der Patientennavigation verknüpft ist der zielgerichtete Einsatz von Rettungsmitteln. Hochqualifizierte Ressourcen – insbesondere Notärztinnen und Notärzte – sollen dort eingesetzt werden, wo ihre Expertise medizinisch notwendig ist. Gleichzeitig gewinnen die erweiterten Kompetenzen von Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitätern sowie telemedizinische Unterstützungssysteme an Bedeutung. „Der Rettungsdienst ist ein komplexes Gesamtsystem. Effizienz entsteht nicht durch Reduktion, sondern durch klare Standards, definierte Zuständigkeiten und abgestimmte Prozesse“, sagte Dr. David Häske, ebenfalls Mitglied des Organisationskomitees des DINK und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Zentrums für öffentliches Gesundheitswesen und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Tübingen. „Wenn wir Rettungsmittel dort einsetzen, wo sie medizinisch wirklich erforderlich sind, und digitale Unterstützung konsequent nutzen, sichern wir Kapazitäten für zeitkritische Notfälle und stärken die Qualität der Versorgung insgesamt.“ „Ein Land – ein Rettungsdienst“ in Rheinland-Pfalz setzt auf einheitliche Standards Minister Michael Ebling stellte in diesem Zusammenhang das Konzept „Ein Land – ein Rettungsdienst“ als strukturelle Antwort des Bundeslandes Rheinland-Pfalz auf steigende Anforderungen im Rettungswesen vor. „Ein leistungsfähiger Rettungsdienst braucht klare Strukturen und landesweit einheitliche Standards“, erklärte Ebling. „Mit unserem Konzept ‚Ein Land – ein Rettungsdienst‘ setzen wir auf eine durchgängige Organisation mit einheitlicher Leitstellentechnik, standardisierten Behandlungsalgorithmen und einem flächendeckenden Telenotarztsystem. Das ermöglicht es, Rettungsmittel gezielt dort einzusetzen, wo sie medizinisch notwendig sind, und gleichzeitig die Versorgungsqualität im ganzen Land auf einem hohen Niveau zu sichern. Denn einheitliche Daten- und Dispositionsstrukturen schaffen nicht nur Transparenz und verbessern die Steuerungsfähigkeit, sie erlauben es auch, Innovationen zügig landesweit umzusetzen.“ Auch die bereichsübergreifende Versorgungsplanung spiele dabei eine zentrale Rolle. „Wenn Leitstellen, Rettungsmittel und Qualitätsmanagementsysteme auf einer gemeinsamen Grundlage arbeiten, können Einsätze ohne Zeitverlust über Bereichsgrenzen hinweg disponiert werden. Das stärkt die Resilienz des Gesamtsystems“, so Ebling weiter. Notfallversorgung muss jederzeit funktionieren Die gemeinsame Diskussion auf dem DINK machte deutlich: Die Zukunft der Notfallmedizin liegt nicht allein in medizinischem Fortschritt, sondern auch in intelligenter Organisation, digitaler Vernetzung und einer klaren Patientensteuerung entlang der gesamten Versorgungskette. „Am Ende geht es um Verlässlichkeit für die Patientinnen und Patienten“, sagte Brokmann. „Notfallversorgung muss jederzeit funktionieren. Dafür brauchen wir klare Prozesse und den Mut, fachlich sinnvolle Lösungen konsequent umzusetzen.
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