Okklusiver Myokardinfarkt ohne ST-Hebung: KI treffsicherer als Standarddiagnostik

Zur Diagnostik eines okklusiven Myokardinfarkts wird regelhaft ein EKG durchgeführt. Dessen Auswertung mittels KI liefert neuen Erkenntnissen zufolge genauere Ergebnisse als die ärztliche Befundung. (Symbolfoto: ©Carmen/stock.adobe.com)

Eine KI-basierte EKG-Analyse erkennt okklusive Myokardinfarkte ohne ST-Hebung deutlich zuverlässiger als Standardprotokolle. Studiendaten vom ESC Acute CardioVascular Care 2026 zeigen eine höhere Sensitivität und Spezifität bei symptomatischen ACS-Patienten.

Bei Patienten mit Verdacht auf ein akutes Koronarsyndrom (ACS) ist eine ST-Hebung ein Hinweis auf eine Okklusion in einer Koronararterie. Liegt ein ST-Hebungs-Myokardinfarkt (STEMI) vor, ist eine sofortige perkutane Koronarintervention nötig, um den Blutfluss zum Herzen wiederherzustellen. Bei Patienten ohne ST-Hebung (NSTEMI) kann die Ursache der Brustschmerzen allerdings weniger eindeutig sein. Um zu bestätigen, ob der Myokardinfarkt auf einen Verschluss zurückzuführen ist, sind in diesem Fall weitere Untersuchungen erforderlich.

„Viele Patienten ohne ST-Hebung haben einen okklusiven Myokardinfarkt“, hob Dr. Federico Nani vom Zentralkrankenhaus Bozen (Italien) hervor, der die noch unveröffentlichten Studiendaten auf dem Kongress in Lissabon (Portugal) vorstellte. Die schnelle und genaue Diagnose eines solchen könne für Ärzte mitunter jedoch schwierig sein, was zu Verzögerungen bei der Notfallversorgung führt. „Wir untersuchten, ob eine KI-basierte Auswertung des ersten EKGs die Genauigkeit der Erkennung von okklusiven Myokardinfarkten ohne ST-Hebung verbessern könnte, um die Patientenversorgung zu optimieren.“

Ärztliche Befundung versus KI-Auswertung

Nani und Kollegen führten eine prospektive monozentrische Studie durch, in die sie 1490 Patienten einbezogen. Diese wiesen Symptome eines ACS, jedoch keine ST-Hebung im ersten EKG auf. Das Durchschnittsalter der Studienteilnehmer betrug 63 Jahre, 42 Prozent waren weiblich. Die Diagnosestellung erfolgte sowohl durch die behandelnden Ärzte als auch durch eine KI.

Um einen okklusiven Myokardinfarkt gemäß den ESC-Leitlinien zu diagnostizieren, interpretierten die Ärzte das erste EKG, untersuchten die Troponinwerte und führten bei Bedarf eine Koronarangiographie durch. Parallel dazu wurde das erste EKG durch einen CE-zertifizierten KI-basierten EKG-Algorithmus auf Smartphone-Basis ausgewertet.

Künstliche Intelligenz schlägt manuelle EKG-Bewertung

Die KI-basierte EKG-Auswertung diagnostizierte bei 108 Patienten (7 %) einen okklusiven Myokardinfarkt und schloss ihn bei 1382 Patienten aus. In 84 Prozent der Fälle identifizierte die KI-basierte Methode den okklusiven Myokardinfarkt korrekt. Die Sensitivität betrug 77 Prozent, die Spezifität 99 Prozent und der negative prädiktive Wert 98 Prozent. Es gab 27 falsch-negative Ergebnisse (2 %) und 17 falsch-positive Ergebnisse (1 %).

Gemäß dem standardmäßigen Diagnosepfad, nach dem die Ärzte vorgingen, wurde ein okklusiver Myokardinfarkt bei 1207 Patienten auf der Grundlage der Troponinwerte ausgeschlossen. Bei 283 Patienten führten die Behandler eine Koronarangiographie durch, um die Diagnose zu bestätigen oder auszuschließen. Insgesamt identifizierte die manuelle EKG-Auswertung einen okklusiven Myokardinfarkt nur in 42 Prozent der Fälle korrekt.

„Dieser einfache, leicht zugängliche KI-basierte Ansatz zeigte im Vergleich zu herkömmlichen Diagnosepfaden bei Patienten ohne ST-Hebung eine überlegene Genauigkeit bei der Identifizierung und dem Ausschluss eines okklusiven Myokardinfarkt“, resümierte Nani. Er schränkt ein: „Die Ergebnisse unserer Single-Center-Studie müssen noch weiter validiert werden, doch diese Befunde deuten darauf hin, dass die KI-EKG-Auswertung eine wertvolle Ergänzung zu bestehenden Entscheidungshilfen darstellt, um die Früherkennung und eine zeitnahe, wirksame Behandlung zu verbessern.“

(ah/BIERMANN)