Onkologie: US-Zulassung mit unreifen Daten zum Gesamtüberleben

© wladimir1804 – stock.adobe.com (Symbolbild)

Um Patienten keine vielversprechenden Medikamente vorzuenthalten, werden Indikationen für Krebsmedikamente nicht selten auf der Grundlage von Surrogatendpunkten und mit unreifen Daten zum Überleben zugelassen. Eine retrospektive Analyse hat sich mit solchen Zulassungen durch die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) beschäftigt, die im Zeitraum 01.01.2001–31.12.2018 erfolgten.

Für ihre Arbeit hatten die Wissenschaftler das Informationsportal Drugs@FDA nach entsprechenden Indikationen durchforstet und systematisch öffentlich verfügbare Daten zu Ergebnissen zum OS nach der Zulassung in der Fachinformation (unter Drugs@FDA verfügbar), in Zeitschriftenveröffentlichungen (MEDLINE via PubMed) und Registern für klinische Studien (Clinical­Trials.gov) gesammelt.

Als primären Endpunkt hatten sie die Verfügbarkeit statistisch signifikanter OS-Vorteile während des Zeitraums nach der Marktzulassung (bis 31.03.2023) definiert. Darüber hinaus untersuchten sie die Verfügbarkeit und das Timing von OS-Ergebnissen in den angeführten Quellen.

Die Auswertung ergab, dass die FDA im Untersuchungszeitraum die Marktzulassung für 223 Indikationen für Krebsmedikamente erteilte, von denen 95 das OS als Endpunkt hatten. Für 39 dieser 95 Indikationen (41%) lagen keine ausgereiften Überlebensdaten vor.

Nach ≥4,3 Jahren Nachbeobachtung nach der Vertriebsgenehmigung (und im Median 8,2 Jahre [IQR 5,3–12,0] seit der FDA-Zulassung) standen für 38/39 (97%) zusätzliche Überlebensdaten aus den zentralen Studien entweder in der überarbeiteten Fachinformation, in Veröffentlichungen oder in beidem zur Verfügung. Zusätzliche Daten zum OS zeigten einen statistisch signifikanten Nutzen bei 12/38 Indikationen (32%), während ausgereifte Daten bei 24 Indikationen (63%) statistisch nichtsignifikante Ergebnisse zum OS lieferten.

Ferner stellten die Autoren fest, dass statistisch signifikante Hinweise auf einen OS-Vorteil im Median 1,5 Jahre (IQR 0,8–2,3) nach der Erstzulassung entweder in der Fachinformation oder in Veröffentlichungen berichtet wurden. Die mediane Zeit bis zum Vorliegen statistisch nicht signifikanter Ergebnisse zum OS habe 3,3 Jahre (IQR 2,2–4,5) betragen, ergänzt das Team. Außerdem zeigte sich, dass die Verfügbarkeit der Ergebnisse zum OS auf ClinicalTrials.gov erheblich variierte.

Fazit
Es zeigte sich, dass knapp ein Drittel der zugelassenen Indikationen mit unausgereiften Überlebensdaten nach der Zulassung einen statistisch signifikanten Vorteil beim OS aufwies. Beim Zeitpunkt und der Verfügbarkeit von Informationen nach der Zulassung gebe es zwischen verschiedenen Quellen erhebliche Inkonsistenzen – dies unterstreiche die Notwendigkeit besserer Standards für die Berichterstattung, mahnt das Team um Dr. Huseyin Naci von der London School of Economics and Political Science, Großbritannien, an. (sf)

Autoren: Naci H et al.
Korrespondenz: [email protected]
Studie: Overall survival benefits of cancer drugs initially approved by the US Food and Drug Administration on the basis of immature survival data: a retrospective analysis
Quelle: Lancet Oncol 2024;25(6):760–769. (open access)
Web: https://doi.org/10.1016/S1470-2045(24)00152-9